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Kunstausstellung „Boom for Real“ : Basquiat – Superstar

„Boom for Real“: In Frankfurt wird der vielleicht bekannteste zeitgenössische Künstler dem Vergessen entrissen. In einer eindrucksvollen Schau gewinnt Jean-Michel Basquiat Gestalt.

          In einem schwarzen, fast klassischen Brustbild, doch ähnlich einem Scherenschnitt sind vor schmutzig weißer Farbe nur zwei Augenschlitze ausgespart. Keine Nase unter zu Berge stehenden Rasta-Haaren, kein Mund, der sprechen könnte. Das heißt „Self-Portrait“, gemalt 1983. Dieselbe schwarze Silhouette war schon früher, 1981, aufgetaucht, doppelt als ruinierte Maskerade in einem Triptychon, auf dessen linkem Flügel siebenmal der Schriftzug „Ben Webster“ steht. Ben Webster war ein schwarzer amerikanischer Jazz-Saxophonist. Jean-Michel Basquiat feiert ihn auf seine Weise. Denn Basquiat war dem Jazz hingegeben. Aus dem Jazz erwuchs seine Liebe zur Musik, dann aus dem Bebop. Sie haben Basquiat als Musiker inspiriert, zu wilden Tönen für seine Auftritte. Basquiat hat selbst Musik gemacht, und Musik hat ihn gemacht. Nicht nur das ist jetzt in der Frankfurter Schirn zu verstehen.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Sein Leben währte 27 Jahre, das Ende war eine Überdosis Heroin im August 1988. In den zehn Jahren seiner Existenz als Künstler schuf er rund tausend Bilder, meist mit Acryl und Ölkreide auf Leinwand oder welchen Flächen auch immer; ohne all die anderen Zeugnisse, die er hinterließ. Ein Rastloser, Getriebener zweifellos, bestimmt nicht alles ist über den Tag hinaus gültig, schon gar nicht für die Ewigkeit; für gut drei Jahrzehnte hat manches aber schon gereicht. Die Ausstellung, die heute beginnt, zeigt, dass Basquiats unermüdliches Schaffen noch Vorrat bedeutet für mehr Zeit. Dies nicht nur für die Vereinigten Staaten von Amerika in ihrem aktuellen Zustand, denen er ein Stachel im harten Fleisch bleiben muss.

          Schwarzes cool kid der Achtziger

          Denn das notorische, schwarze cool kid der Achtziger – in New Yorks Stadtteil Brooklyn geboren als Sohn eines 1955 aus Haiti eingewanderten Vaters und einer aus Puerto Rico stammenden Mutter – hat ein staunen machendes künstlerisches Vermächtnis. Die Schau, in Kooperation mit dem Barbican Centre in London konzipiert, hat aus der Menge des Nachlasses einen Kern geschält, mit (nur) gut hundert Werken, von denen viele zuvor nicht öffentlich zu sehen waren. Die Kuratoren, Eleanor Nairne vom Londoner Barbican und Dieter Buchhart für die Schirn, machen ein präzise gesichtetes Panoptikum auf. Sie holen Basquiat aus dem Hype zurück, machen ihn gewissermaßen fremd. Und damit zu einer Entdeckung voller Inspirationen.

          Er war weggelaufen von daheim, hatte lange Zeit kein Atelier, kam bei Freunden unter. Er wurde zur Lichtgestalt des Underground in Lower Manhattan, weil er 1978, da war er siebzehn Jahre alt, zusammen mit einem Freund unter dem Signet „SAMO©“ (Same Old Shit), keine freundliche Ansage, zornige Phrasen auf verwundete Mauern sprühte. Graffiti, mit denen er ganz Manhattan überzog, bis keiner mehr wegsehen konnte. Im Februar 1981 nahm er an der Gruppenschau „New York/New Wave“ im PS1 in Queens teil. Sie brachte Basquiat den künstlerischen Durchbruch. Seine dort gezeigten Arbeiten sind jetzt in der Schirn zu sehen.

          Viele glauben zu wissen, wer er war

          Viele glauben zu wissen, wer Jean-Michel Basquiat war. Weil seine Bilder seit Jahren so unglaublich teuer gehandelt werden, löst er auch Skepsis aus, als ein Marktphänomen, oberflächliches Gekritzel, Futter für den Ausstattungswahn der Neureichen. Hinter „Boom for Real“ steht jahrelange Forschungsarbeit, der Wille zum Verstehen dieser oft enigmatischen, kürzelhaften Zeichenwelt. Die Pfade, die die Ausstellung durch Basquiats kurzes, schnelles Leben schlägt, lassen die Gestalt eines sensibel nervösen Jungen und Mannes erstehen, der die Eindrücke ungefiltert durch sich hindurchströmen lässt. Hören, Lesen und Sehen, immer wieder Sehen, um die Kunst der großen Meister zu inhalieren, war seine Art, die des Autodidakten.

          „Das ,Schwarze‘ ist mein Protagonist, weil ich schwarz bin“, sagt er 1985 in einem Interview für die britische Fernsehserie „State of the Art“, „und deshalb verwende ich es als Hauptfigur in meinen Gemälden.“ Da war er bereits ein Star. Schwarz zu sein war ein Antrieb für ihn, ist immer wieder Thema seiner Werke. Wie sollte es sonst sein für einen, der sich in einer ausschließlich von Weißen bestimmten Kunstszene bewegte; anders ist das bei der von ihm geliebten Musik. Vor allem aber wollte er als Künstler anerkannt sein. Er war deutlich zu intelligent, um sich nicht seines Status als Kunststar bewusst zu sein, zu dem er kometenhaft aufgestiegen war. Aber das hat ihm offenbar nicht gereicht.

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