http://www.faz.net/-gqz-tp56
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Veröffentlicht: 19.10.2006, 14:39 Uhr

Bode-Museum in Berlin Ein unaufdringlicher Triumph

Das neue Bode-Museum in der Mitte Berlins ist glanzvoll wiedereröffnet. Neil MacGregor, seit 2002 Direktor des British Museum, stellt nach einem Rundgang fest: In Berlin ist Großes gelungen. Und doch bleiben Wünsche offen.

von Neil MacGregor

Das neue Bode-Museum in der Mitte Berlins ist glanzvoll wiedereröffnet. Heute und morgen hat das Publikum erstmals Gelegenheit, das unvergleichliche Schatzhaus der europäischen Skulptur zu bestaunen. Neil MacGregor, viele Jahre Leiter der National Gallery in London und seit 2002 Direktor des British Museum, gilt als einer der intimsten Kenner der Berliner Sammlungen. Nach einem Rundgang durch die lichten Säle steht für ihn fest: In Berlin ist Großes gelungen. Gleichwohl wünscht er sich für die Zukunft eine stärkere Verzahnung mit den Schätzen des Kunstgewerbemuseums und der Gemäldegalerie. Dann, so MacGregor, würde ein Weltwunder entstehen:

Die Berliner Museumsinsel dürfte der bedeutendste Museumskomplex auf der Welt sein. Mit ihren fünf Häusern erinnert sie an eine der anspruchsvollsten intellektuellen Leistungen Europas, die Idee einer weltumfassenden Kulturgeschichte. Es war ein Ideal, das im Laufe von hundertdreißig Jahren verwirklicht und binnen vier Jahren ruiniert wurde. Seine Erneuerung ist von grundlegender Bedeutung für das Bild, das wir heutzutage von uns haben, und sie wird nicht nur in Berlin mit großer Aufmerksamkeit verfolgt. Die jüngste Phase dieses Prozesses ist die Wiedereröffnung des Bode-Museums an der nördlichen Spitze der Museumsinsel.

Mehr zum Thema

Wie in einem für den Besucher gebauten Schloß

Nähert man sich dem majestätischen Eingangsportal, scheint sich das imposante Bauwerk zur Begrüßung zu erheben. Für Rollstuhlfahrer trifft das sogar buchstäblich zu: Ein Teil des Trottoirs kann, Wunder der Technik, so angehoben werden, daß die Stufen verschwinden und man das Gebäude auf Erdgeschoßhöhe betritt - einer der eindrucksvollsten behindertengerechten Zugänge, die ich je gesehen habe. Die Erhabenheit bleibt erhalten, aber sie öffnet sich jedem.

Dies ist symbolisch für die eigentliche Bedeutung der Wiedereröffnung dieses hundert Jahre alten Gebäudes. Ein Monument selbstbewußter wilhelminischer Rhetorik wurde mit so viel historischer Treue renoviert, daß man jedes Detail als authentisch wahrnimmt, mit so viel Raffinesse, daß die heutzutage vorgeschriebenen Sicherheitseinrichtungen nahezu unsichtbar sind, und mit so viel Sensibilität, Sympathie und Überzeugung, daß dieses mit preußisch-militärischen Idealen durchsetzte barocke Vokabular den Besucher nicht einschüchtert, sondern ihn im Gegenteil willkommen heißt und heiter stimmt. In diesem Haus sind große Dinge erkennbar lebendig. Der Besucher fühlt sich in ein für ihn gebautes Schloß versetzt.

Europas Geschichte in dreidimensionaler Form

Die Ausstellungsobjekte sind beispiellos. Die Sammlung, am Ende des Zweiten Weltkriegs zwischen Ost und West aufgeteilt, wurde in dem für sie bestimmten Haus wieder zusammengeführt - mit allem, was in den zurückliegenden sechs Jahrzehnten hinzuerworben wurde. Das Ergebnis ist die größte und umfassendste Präsentation europäischer Skulptur, ein Haus, in dem man durch die Geschichte der europäischen Skulptur wandern kann - vom Untergang Roms und den frühen Jahren des Byzantinischen Reichs bis hin zum Aufklärungsoptimismus des Friderizianischen Berlins. Alle großen europäischen Länder sind repräsentiert. Nur das Victoria and Albert Museum in London und der Pariser Louvre versuchen etwas Ähnliches, haben es aber nicht gewagt, derart viele Objekte zu versammeln. Das V&A präsentiert sehr viel weniger, und im Louvre sind die nationalen Schulen so weit voneinander entfernt, daß von einer den ganzen Kontinent verbindenden Geschichte nichts zu spüren ist. Auch sind die glanzvollen süddeutschen Kapitel der Geschichte dort deutlich unterrepräsentiert. Man kann mit Fug und Recht sagen, daß Europa im neuen Bode-Museum seine ästhetische, religiöse, intellektuelle und politische Geschichte erstmals in dreidimensionaler Form lesen kann.

Manche Besucher mögen sich natürlich auf die pure Schönheit der zahlreichen Meisterwerke konzentrieren. Wer sich aber nach Verrocchios „Schlafendem Jüngling“, hingegossen in nackter Schönheit, Riemenschneiders „Auferstandenem mit Maria Magdalena“ zuwendet, wird zwei verschiedene europäische Gedankenwelten erblicken, beide um 1490 entstanden, beide formvollendet im Ausdruck, und sogleich von ihrer Kraft und Dynamik gepackt werden. Leygebes Figur des Großen Kurfürsten (1683) als drachentötender heiliger Georg verkörpert auf vollkommene Weise das schicksalhafte Überleben und die Expansion Brandenburgs im Chaos des Europas in der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts - schicksalhaft zumindest, was Brandenburg anging. Daß der Kurfürst den Hosenbandorden trägt, der ihm von Karl II. von England verliehen worden war, erinnert den Betrachter auch daran, daß Brandenburg eine protestantische Großmacht geworden war. Und das kleine, nur 28 Zentimeter hohe Objekt ist nicht in der pompösen Bronze gearbeitet, für die Ludwig XIV. sich gewiß entschieden hätte, sondern in hartem, nüchternem (soll man sagen: Bismarckschem?) Eisen. Ein klareres Resümee vom Deutschland nach dem Dreißigjährigen Krieg ist kaum vorstellbar.

Am Ende dieser Geschichte: die Marmorbüste einer Frau

Am Ende dieser Geschichte steht ein nicht minder eloquentes Symbol einer neuen Welt: Houdon, der berühmteste Porträtist Frankreichs und ganz Europas, schenkt uns die Marmorbüste von Dorothea von Rodde-Schlözer, die als erste Frau in Deutschland den Doktorgrad der Philosophie erlangte und deren intellektueller und literarischer Salon im Lübeck der Aufklärung eine dominierende Rolle spielte. Ihr selbstbewußter bürgerlicher Gesichtsausdruck verweist darauf, daß die Geschichte, die ein paar hundert Meter weiter in der Alten Nationalgalerie fortgesetzt wird, eine ganz andere Geschichte sein wird.

Auf Schritt und Tritt begegnet der Besucher Meisterwerken und kann Bekanntschaft mit ihnen schließen. Denn jedes Objekt ist so geschickt plaziert, daß der Betrachter eine wunderbare visuelle und emotionale Beziehung herstellen kann. Hunderte von Sockeln wurden eigens angefertigt, um eine optimale Präsentation zu ermöglichen. Das Ergebnis ist ein unaufdringlicher Triumph: Alle Aufmerksamkeit richtet sich auf den Kunstgegenstand. Arne Effenberger und seine Mitarbeiter haben unsere Glückwünsche und unseren Dank verdient. Dieser Ansatz kommt besonders den sakralen Arbeiten zugute, vor allem jenen, die für private Andachtsräume gedacht waren. Der kleine fragmentarische Torso des Gekreuzigten von Giovanni Pisano etwa befindet sich in genau der Höhe, daß das geneigte Haupt und der gequälte Leib ein Maximum an Pathos erzeugen, wenn man sich näher vorbeugt und schaut, ob das Leiden des Gekreuzigten vorbei ist und die Augen schon im Tod geschlossen sind. Der Bildhauer schickte sich um 1300 an, dem Betrachter die namenlose Passion der Kreuzigung vor Augen zu führen, den schieren physischen Preis der Erlösung - was ihm dank der geschickten Präsentation noch heute gelingt.

In einer Glasvitrine wäre das alles verloren

Wo immer möglich, sind die Werke frei zugänglich, nicht hinter Glas, ohne Absperrung, eine couragierte Entscheidung, die das emotionale Erlebnis des Betrachters verwandelt. Die Dangolsheimer Muttergottes des Niclaus Gerhaert von Leyden, in Straßburg um 1465 entstanden, zieht uns gleichsam in die üppigen Falten ihres schützenden Mantels, wenn wir das Kind betrachten, das sie zur Anbetung präsentiert. In einer Glasvitrine oder hinter einem Absperrseil wäre das alles verloren.

Selten, sehr selten wird ein Museum nach seinem Gründungsdirektor benannt. Doch Wilhelm von Bode, der den Bau und die Ausstattung des Museums leitete und dessen Namen das Kaiser-Friedrich-Museum erhielt, als das Haus in den fünfziger Jahren wiedereröffnet wurde, war kein gewöhnlicher Direktor. Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts revolutionierte er die Präsentation der europäischen Kultur, indem er in seinem Museum Skulptur, Malerei und Kunsthandwerk an einem Ort zeigte, um die Ästhetik einer Epoche und den Geist eines Zeitalters lebendig zu machen. Hundert Jahre später sind die historischen Sammlungen des V&A und amerikanischer Museen eine bleibende Erinnerung an Bode und sein Berliner Haus, das bis 1939 überlebte, als die Bestände sicherheitshalber ausgelagert wurden.

Ein Weltwunder hätte entstehen können

Sollte in dem neueröffneten Bode-Museum davon wieder etwas zu spüren sein? In den letzten Jahren wurde leidenschaftlich darüber diskutiert. Eine getreue Rekonstruktion des Bodeschen Ensembles stand natürlich außer Frage. Das wunderbare Tageslicht im Erdgeschoß ist oft zu stark, als daß heutige Kuratoren es riskieren würden, hier Möbel oder Textilien auszustellen, und da nicht alle Räume klimatisiert sind, können hochempfindliche alte Bildtafeln nicht gezeigt werden. Gleichwohl hatten viele von uns gehofft, daß die bedeutenden Schätze der Gemäldegalerie und des Kunstgewerbemuseums nun weitestmöglich mit den Skulpturen kombiniert werden könnten. Auf diese Weise würde zweifellos ein Weltwunder entstehen. Berlin könnte die europäische Kunst des fünfzehnten und sechzehnten Jahrhunderts wie kein anderer Ort präsentieren.

Doch die Gemäldegalerie und das Kunstgewerbemuseum sind im Kulturforum untergebracht. Die Gemälde hatten eigentlich kaum Zeit, an ihrem neuen Ort heimisch zu werden. Das Bode-Museum konnte nicht alle drei Sammlungen aufnehmen, und in der Umgebung der Museumsinsel wird auf Jahre hinaus kein Platz zur Verfügung stehen. Daher wurde vernünftigerweise beschlossen, die Sammlungen an ihrem jeweiligen Ort zu belassen und die Skulpturensammlung im Bode-Museum unterzubringen, das sie sich nun mit dem viel kleineren Museum für Byzantinische Kunst und dem Münzkabinett teilt, die in einigen Räumen einen Überblick über ihre Bestände und eine Auswahl von Highlights zeigen.

Schmerzlich vermißt: die kunstgewerbliche Ergänzung

Etwas von Bode ist in dem neuen Haus gleichwohl zu spüren. Die byzantinischen Sammlungen mit ihren Mosaiken und Skulpturen in den verschiedensten Materialien verbinden sich wunderbar mit den frühen Italienern. Die berühmte „Basilika“, die mit ihren Seitenkapellen und Altarsockeln an eine italienische Kirche erinnern soll, wurde wiederhergestellt, mangels Klimatisierung aber ohne das herrliche Mobiliar und die wichtigen Tafelbilder. Ansonsten finden sich Leihgaben der Gemäldegalerie, die die Richtigkeit von Bodes Vision bestätigen. Sie sind immer passend und illustrieren die Skulpturen genau so, wie Bode es sich gewünscht hätte. Allerdings sind es durchweg zweitrangige Werke, die bei weitem nicht an die Qualität der Skulpturen heranreichen. Einige sind Kopien. Ob es wohl möglich wäre, eines Tages einige große Gemälde auszuleihen (vor allem solche der italienischen Frührenaissance, an denen die Gemäldegalerie so reich ist), ohne daß die Besucher des Kulturforums darunter leiden müßten? Das gute Verhältnis zwischen den beiden Häusern, das so erfolgreich begonnen hat, kann hoffentlich noch weiterentwickelt werden.

Wenn man sich mehr Gemälde wünscht, so gilt das erst recht für die Gattung Kunstgewerbe. Liturgische Geräte aus Silber und Gold würden die großen Schnitzaltäre ergänzen und an das eucharistische Ritual erinnern, das die Skulpturen lediglich zu begleiten hatten. Goldschmiedearbeiten und später dann Porzellanfiguren sind ja oft Skulpturen im Miniaturformat, so daß es unnatürlich erschiene und tatsächlich auch unhistorisch wäre, sie in einem separaten Haus zu zeigen. Wäre es für die (befremdlich) wenigen Besucher des Kunstgewerbemuseums wirklich eine Einschränkung, wenn einige Stücke des Welfenschatzes und des Lüneburger Ratssilbers zu den deutschen Sakralskulpturen auf der Museumsinsel kämen und wenn Meißener Figuren als Meisterwerke der Kleinplastik des achtzehnten Jahrhunderts gezeigt würden?

Das wird die Zukunft zeigen. Vorerst haben wir eine herrliche Sammlung, die uns erfreut und belehrt - eine völlig neue Sammlung, da niemand unter achtzig eine deutliche Erinnerung an sie haben kann. Traditionell haben Skulpturenmuseen einige Mühe, viele Besucher anzulocken - selbst der Bargello in Florenz oder das große Skulpturenmuseum in Valladolid. Doch im Bode-Museum ist die Spannbreite der Sammlung so groß, die Qualität so hoch und die Präsentation so klug, daß das Haus ein lebhaftes Interesse finden wird. Wie vor hundert Jahren erhofft, ist es heute wieder möglich, auf der Museumsinsel die Geschichte der Skulptur im alten Ägpten, in Mesopotamien, Griechenland und Rom bis zum Ende des neunzehnten Jahrhunderts in Westeuropa zu verfolgen. Es ist eine grandiose Geschichte, die zu studieren für uns alle lohnend ist. Floreat insula!

Glosse

Die Nation mäht

Von Gina Thomas

Meeresrauschen und Kneipengeschnatter können nicht mithalten: Das Rasenmähen ist das liebste Geräusch der Briten. Doch das geliebte Grün ist in Gefahr. Schon plädieren Umweltschützer für Kunstrasen. Mehr 3

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“

Zur Homepage