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Bildhauer Thomas Schütte Wie man Sparkassen bloßstellt

09.03.2010 ·  Je monumentaler seine Werke, desto höhnischer sein Blick auf die Gattung: Der deutsche Bildhauer Thomas Schütte hat zuletzt der Landessparkasse Oldenburg eine provozierende Skulptur vor die Tür gesetzt. Jetzt feiert ihn Madrids Museum Reina Sofía.

Von Werner Spies
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Ein Rendezvous im Centro Reina Sofía: Neben der Schau, die dem Werk von Thomas Schütte gilt, wird im Museum ein größeres Konvolut von Arbeiten Oskar Schlemmers ausgebreitet. Die Bühnenplastiken des „Triadischen Ballets“ bereiten die Exzentrik in den Körpern des Jüngeren vor. Die steife Gruppe „Die Fremden“, die 1992 über dem Portikus des Kasseler Fridericianum wachte, könnte man als Hommage an Schlemmer lesen. Doch die Anordnung der Figuren, die Polychromie der lasierten Keramiken ist auch bezeichnend für die Auseinandersetzung mit serieller Kunst und mit architektonischen Entwürfen, die am Beginn des Werks stehen.

Schüttes „Große Mauer“ im Korridor der Düsseldorfer Kunstakademie, sein „Lager“, das verschieden große farbige Latten stapelt, sein "Tapetenmuster" zeigen, wie ihn die Radikalität der Gerhard Richter, Blinky Palermo und Daniel Buren beschäftigt. Ganz selbstverständlich mündete dies in seinen architektonischen Follies bei einer Faszination durch Aldo Rossis „Teatro del Mondo“. Eine der stärksten Arbeiten, „Wo ist Hitlers Grab?“, summiert die Toten des Zweiten Weltkriegs. Hunderttausend große Tische wären notwendig, um auf ihnen jeden Toten mit einem kleinen Kreuz zu markieren. Dies übersteigt die Realisierung.

Der Hass der Koalitionspartner

Ein stärkerer Beweis dafür, dass an die Stelle von Illustration das Konzeptuelle, das Schweigen zu treten hat, lässt sich kaum denken. Neben der Vorstellung einer eingeweckten Unbeweglichkeit, die das frühe zwanzigste Jahrhundert mit dem Manichino von de Chirico und dem Kunstmenschen in Marcel L'Herbiers „L'Inhumaine“ präsentierte, stoßen wir bei Schütte auf biomorphe Verformungen, die die Gesichtszüge entgleisen lassen. Die verdrießlichen Paare „United Enemies“, die, wie Koalitionspartner, ein reziproker Hass siamesisch verschnürt und zusammenhält, gehören sicherlich zu den eingängigsten Arbeiten im reichen Werk. Das Format, das an Puppenstube und an Kinderzimmer denken lässt, schafft aus den Figuren Modelle sozialen Verhaltens. Sie werden wie Präparate unter runden Glasstürzen aufbewahrt. Man denkt dabei weniger an Schutz und Vorsorge als an ein tödliches Experiment, bei dem wie in Wright of Derbys erschreckendem Nocturno „Das Experiment mit einem Vogel in der Luftpumpe“ die Atemluft abgesaugt wird.

Formal sind Schüttes Verformungen, die an skulpturale Inventionen wie „Point of View“ oder „Bent of Mind“ von Tony Cragg denken lassen, eindrucksvoll. Sie stehen in der Tradition einer skulpturalen Emphase, die man bis zu den Plastiken von Gaston Lachaise und Henri Laurens zurückverfolgen kann. Klassizistische Haut und Volumen schlagen, wie in den scheinbar präzis austarierten „Bronzefrauen“, plötzlich an einer Stelle des Körpers ins Monströse um.

Das hat den Oldenburgern gar nicht gefallen

In den größeren Formaten, in denen Schütte mit Monumentalität und Denkmal spielt, entdecken wir einen höhnischen Blick auf die Gattung. Seine Hunde lassen an die heraldischen Löwen, an den britischen Spott über die müden Tiere Landseers denken, die am Fuße der Nelson-Säule auf dem Trafalgar Square wachen. An diesem heiligen Ort durfte Schütte vor drei Jahren auf dem vierten leeren Sockel sein diaphanes „Modell für ein Hotel“ aufstellen. Interessant zu sehen, mit welchem Geschick der Künstler in Madrid für sein eigenes Werk den Sockel außer Kurs setzt. Er bockt seine Skulpturen wie Autos bei der Inspektion auf, bringt sie zum Schweben. Die grimmigste Auseinandersetzung mit dem Genre Denkmal liefert der überlebensgroße „Mann im Matsch“. Schütte durfte ihn im Auftrag der Oldenburger Landessparkasse vor der Zentrale aufstellen. Der Kommentar der Bank ist erheiternd: „Von dieser imposanten Arbeit Schüttes gehen vielfältige Impulse aus.“ In der Tat. Es gibt aus jüngerer Zeit keine andere Skulptur im öffentlichen Raum, die so böse den Auftraggeber bloßstellt.

Niemand kann übersehen, dass der Künstler der Figur, die den Kunden empfängt, eine Wünschelrute in die Hände gibt. Dies könnte dazu anregen, es eher mit alternativer Beratung, mit Radiästhesie zu versuchen. Aber nicht genug. Schütte lässt seinen „Mann im Matsch“ die Haltung einnehmen, dank der in der Illustration von Gustave Doré der urinierende Gulliver ein Großfeuer löscht. Deshalb wohl stellt der Bildhauer seinen Koloss in ein Wasserbecken. Auch diese Anspielung auf Swift, die Verbindung von Wasser und Feuer, passt zum Herrscher über die Puppenstube: Der Riese steht, wie ein Golem, den sich die Gier der Menschen erschaffen hat, über der Welt der Winzlinge. In der Freude am Teigigen, Fließenden deutet sich an, dass der Künstler keine festen Konturen und damit auch keinen Kanon für die menschliche Erscheinung anerkennen möchte.

Charakterköpfe? Wichte!

Dies spürt der Besucher bereits auf dem Weg in die Ausstellung. Im langen, Flur lauern oben an den Wänden Köpfe von Aliens. Die „Wichte“ aus Bronze und Stahl sind Schüttes Versionen der „Charakterköpfe“ Messerschmidts. Hinter den Variationen des physiognomischen Ausdrucks steckt etwas Grundlegendes: die Ablehnung einer normativen Aussage. Die Formlosigkeit, in die die Gesichter zerfallen, verrät eine misanthropische Haltung, die immer wieder die Realisierung in Frage stellt. Man trifft auf einen lähmenden Solipsismus. Keine Arbeit spricht diese Sehnsucht nach Einsamkeit schroffer aus als der Entwurf eines Denkmals für Alain Colas, den berühmten französischen Navigator, der, von einer ganzen Nation betrauert, auf seiner „Manureva“ hinter den Azoren verschwand.

Auf Alleinsein spielt auch das „One Man House II“ an, das Schütte im Westen Frankreichs, man könnte meinen als Hochsitz für die eigene splendid isolation, errichtete. Ein einziger Bewohner kann auf einem Liegestuhl die Jahreszeiten an sich vorbeiziehen lassen. Schütte kennt seine Zeit, und er kennt die Geschichte der Kunst seiner Zeit. Dies macht das Werk so aufregend.

Thomas Schütte: Hindsight. Madrid Museo Nacional Reina Sofía. Bis zum 24. Mai. Kein Katalog.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1937, freier Autor im Feuilleton.

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