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Bilderwelten der Aufklärung Auch Wissen ist eine Kunst

 ·  Im Berliner Kulturforum sind Stiche, Zeichnungen und Gemälde des achtzehnten Jahrhunderts zu sehen: ein faszinierender Spaziergang durch das Wissen der Aufklärung. Aber warum wurde das alles nicht auch in Peking gezeigt?

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Die Dame ist ausklappbar. Zuerst sieht man ein madonnenhaft sanftes, in Seitenansicht gemaltes Gesicht, dann, auf der gegenüberliegenden Seite, eine nackte und eine enthäutete Brust neben der ebenfalls hautlosen, ihr Muskel- und Aderngeflecht entblößenden Schulter. Auf den nächsten Blättern öffnet sich die Bauchhöhle mit ihren Organen, Magen, Milz, Gedärme, Gebärmutter, während die letzten beiden Seiten das Bild der Schönen vervollständigen: Kniegelenke, Wadenmuskeln, Fußknochen und -sehnen in anmutigem Kontrapost.

In der Jugendzeitschrift „Bravo“ hieße dergleichen „Starschnitt“; der Künstler und Anatom Jacques Gautier d’Agoty nannte es „Anatomie Générale des Viscères en Situation, de Grandeur et Couleur Naturelle“. Aber die Wirkung des 1752 erschienenen Klappbilds ist dieselbe: Der Körper, imposant und unabweisbar, tritt auf die Szene; das Porträt wird Poster.

Die Ausstellung im Berliner Kulturforum am Potsdamer Platz, in der Gautier d’Agotys anatomisches Poster in einer langen Vitrine liegt, will das achtzehnte Jahrhundert als Blütezeit der Bildkünste präsentieren - als Panoptikum der Drucke, Stiche, Zeichnungen und Illustrationen, die sich von ihrem Anlass (etwa den Geschichten aus „Gullivers Reisen“, der Anleitung zum richtigen Kunstgenuss, den Frosch-Experimenten Galvanis) immer wieder lösten, um eine reine, eigenständige Schönheit zu entfalten.

Das gelingt dort am besten, wo sich die Bilder auf einen erzählenden Text beziehen oder selbst eine Geschichte erzählen, wie in den Tafeln zu Bernard de Fontenelles „Gesprächen von mehr als einer Welt“, denen die Ausstellung auch ihren Titel verdankt, und den moralischen Fabeln eines Hogarth oder Chodowiecki. Und es wirkt ein wenig überspannt, wo Kants Begriff der „freien Schönheit“ auf bunte Tunkpapiere, Gesteinszeichnungen und Muschelkabinette angewandt wird.

Ruinen, Gespenster, Vampire

Denn die klassische Aufklärung hat ein ebenso ästhetisches wie wissenschaftlich-forschendes, manchmal auch gnadenloses Interesse an der Natur wie am Menschen. Sie betrachtete „die schönsten Ruinen des Erdbebens von Lissabon“ (in den Kupferstichen von Le Bas) mit der gleichen Neugierde wie den Säugling im aufgeschnittenen Mutterleib (in der naturalistisch-krassen Darstellung von William Hunter). Und sie glaubte an Gespenster: Noch zu Zeiten von Leibniz gab es die ersten Vampir-Hysterien, frühe Laterna-Magica-Vorführungen gipfelten in Geister- und Totenerscheinungen.

Dass die Ausstellung ein Beitrag der Staatlichen Museen zum Friedrich-Jahr sein soll, sieht man ihr nicht an; bis auf ein paar Bücher und Bilder seiner Akademiegefährten kommt der Preußenkönig in den Sälen nicht vor. Doch das lässt sich angesichts der Fridericus-Welle in und um Berlin gut verschmerzen. Wichtiger ist die Frage, warum die Zeugnisse gefährlichen Wissens aus preußischen Sammlungen nicht auch den Weg in die Pekinger Ausstellung zur „Kunst der Aufklärung“ im letzten Jahr gefunden haben. Hatten die Berliner Aufklärer etwa Angst vor ihren eigenen Schätzen?

Von mehr als einer Welt. Die Künste der Aufklärung. Kulturforum am Potsdamer Platz, bis 5. August. Der Katalog kostet 29,80 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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