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Bilderstreit im Albertinum : High Noon in Dresden

Alle haben dazugelernt: Die Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen, Monika Ackermann, Katrin Hahne, Beauftrage vom Staatsministterium für Kultur und Medien des Bundes, Martin Hoernes von der Siemens Kunststiftung, Britta Kaiser-Schuster von der Kulturstiftung der Länder, Friedrich-Wilhelm von Rauch von der Ostsächsischen Sparkasse und Albertinums-Direktor Hilke Wagner (von links nach rechts). Bild: dpa

Wird die DDR-Kunst von einem westdeutschen Kunstbetrieb ins Depot entsorgt? Ein Bilderstreit im Albertinum wird zum Stellvertreterkrieg in der deutschen Frage.

          Mit den Begriffen geht es schon los: Sagt man „DDR-Kunst“ und wertet damit automatisch alles ab, was in den Jahren 1949 bis 1989 entstand? Oder muss es nicht „Kunst in der DDR“ heißen, damit gute Kunst nicht ideologisch gesehen wird und um auch Künstlern gerecht zu werden, die nicht im Strom des Systems schwammen? Am Montagabend fliegen die Begriffe nur so durcheinander im völlig überfüllten Lichthof des Dresdner Albertinums, das Kunst ab 1800 bis zur Gegenwart zeigt. Gut 600 Leute sind zum „Showdown“ gekommen in einem Streit, der seit Wochen in Dresden tobt und sich zu einer – weiteren – Debatte zwischen Ost und West, aber auch zwischen Dresdnern selbst sowie zwischen den Generationen entwickelt hat.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Wie eine Stichflamme hatte es gewirkt, als der Kunstwissenschaftler Paul Kaiser im September in der „Sächsischen Zeitung“ schwere Vorwürfe gegen die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und das Albertinum erhob, die er am Montag wiederholte. „Mit brachialer Geste und ganz ohne Begründung . . . wurde die kunstgeschichtliche Epoche zwischen 1945 und 1990 aus der Schausammlung ins Depot entsorgt“, empörte sich der Experte für Kunst in der DDR. Ein „westdeutsch dominierter Kunstbetrieb“ grenze drei Generationen ostdeutscher Künstler aus, im Albertinum würden schon seit 1990 „einst in der DDR mit großem Erfolg gezeigte Werke“ ausgemustert. Kein Platz sei mehr da für die Meister der alten Leipziger Schule wie Werner Tübke und Wolfgang Mattheuer, keine Wand mehr für große Dresdner Maler wie Bernhard Kretzschmar, Theodor Rosenbauer oder Max Uhlig, ja nicht einmal vor A.R. Penck werde haltgemacht.

          „Geschichtsmüll“ aus der DDR

          Das alles sei „kleinkariert“ und „von kolonialen Attitüden“ durchsetzt, mit denen man „die Ostdeutschen das Sehen lehren wollte“, schrieb der 55 Jahre alte Kaiser und sprach der Direktorin des Albertinums, Hilke Wagner, gleich noch die Eignung für ein solches Haus ab. Wagner stammt aus Kassel und leitet die Sammlungen seit drei Jahren. Nach dem Artikel bekam sie so viele Schmähbriefe, Drohanrufe und Beleidigungen, dass schnell klar wurde: Hier geht es um mehr als um Kunst. „Dieser Bilderstreit ist ein Stellvertreter-Diskurs für die deutsche Vereinigung“, sagt der Kultursoziologe Karl-Siegbert Rehberg, der 1990 nach Dresden kam. „Viele der Enttäuschungen, Nöte, aber auch Hoffnungen spiegeln sich darin wider, denn das Grundproblem ist, dass die Vereinigung bis heute nicht von einer großen öffentlichen Debatte begleitet wurde.“

          Von den Auseinandersetzungen „tief getroffen“: Hilke Wagner, seit 2014 Direktorin des Albertinums, schätze Kunst aus der DDR sehr.
          Von den Auseinandersetzungen „tief getroffen“: Hilke Wagner, seit 2014 Direktorin des Albertinums, schätze Kunst aus der DDR sehr. : Bild: dpa

          Teile des Publikums machten sich gleich zu Beginn Luft. In der Ausstellung „Deutschland 8“ etwa, die Außenminister Sigmar Gabriel kürzlich in Peking eröffnete und die 320 Werke von 55 deutschen Künstlern aus sieben Jahrzehnten präsentiert, sei kein einziger Künstler aus der DDR dabei. Verweise folgten auf die Ausstellung „60 Jahre, 60 Werke“ 2009 in Berlin, wo es genauso war, bis hin zu den tiefen Wunden aus dem Jahr 1999, als in Weimar Werke aus der DDR wie „Entartete Kunst“, manche sagen auch: wie „Geschichtsmüll“, präsentiert worden waren. „Was Frau Wagner im Albertinum angerichtet hat, entspricht vermutlich der Staatsdoktrin“, mutmaßt ein Besucher.

          Empört über „subkulturelle Albernheiten“

          Hilke Wagner, Jahrgang 1972, hat die Auseinandersetzung tief getroffen, die Diskussion am Montag ist ein erster Schritt, um sie in konstruktive Bahnen zu lenken. Sie schätze Kunst aus der DDR sehr und könne viele Empfindlichkeiten verstehen, versichert sie. Es gebe aber auch schlicht ein Platzproblem, nicht zuletzt, weil nach 1990 weitergemalt wurde. Darüber hinaus habe sie mit jüngsten Ausstellungen über den Maler Karl-Heinz Adler sowie die subkulturelle Szene („Geniale Dilletanten“) auch nonkonformen Künstlern aus der DDR ein Forum geben wollen.

          Damit wird klar, dass es hier nicht nur um Ost und West geht: Die ältere Generation vermisst die Werke, mit denen sie aufgewachsen ist, andere sind empört, dass das Albertinum jetzt „subkulturellen Albernheiten“ offenstehe, und wieder andere finden genau das gut: dass nun auch Werke zu sehen sind, die in der DDR nicht öffentlich waren. Die Generaldirektorin der Kunstsammlungen, Marion Ackermann, die aus Düsseldorf stammt, gab dann aber doch zu, „erschüttert“ zu sein, weil sie „vieles nicht gewusst“ habe, bevor sie nach Dresden gekommen sei. Genau das sei vermutlich das Hauptproblem, antwortet ihr eine Besucherin: „Ein Großteil der Künstler in der DDR wusste über den Westen viel besser Bescheid als umgekehrt, auch daher kommt ein großer Teil der Verletzungen.“

          Gelöst wurde der Streit nach drei Stunden weitgehend sachlicher Debatte nicht, lediglich das Versprechen gab es, die Diskussion fortzuführen und Kunst aus der DDR nicht zu negieren, damit sie in künftigen Ausstellungen nicht „vergessen“ werden kann.

          Quelle: F.A.Z.

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