04.06.2004 · Von Adenauer bis Schwarzenegger: In einer stimmigen Schau zum Superwahljahr beleuchtet das Haus der Geschichte in Bonn das Verhältnis zwischen den Bildern und ihrer Macht.
Von Andreas Rossmann"Star" der Ausstellung ist eine Statue von Stalin. 3,42 Meter hoch und 3,2 Tonnen schwer, stand sie einst im tschechischen Rymarow. Als sie am 19. April, von einem Kran auf Luftkissen gesetzt, vor dem Haus der Geschichte angeliefert wurde, löste das ein bundesweites Medienecho aus. Nicht nur die Bonner Lokalzeitungen fanden den in Rückenlage schwebenden Diktator aufsehenerregend genug, um ihn mehrspaltig ins Blatt zu heben. Ein Bild der Macht? Schon lange nicht mehr. Aber die Macht eines Bildes. Vor allem sein Seltenheitswert dürfte ihm soviel Aufmerksamkeit beschert haben. Denn alle Stalin-Bildnisse, die einmal die DDR möblierten, wurden - damnatio memoriae - vernichtet.
Die kleine Episode aus der Entstehungsgeschichte der Ausstellung "Bilder und Macht im 20. Jahrhundert" reflektiert auch schon Grenzen und Aporien, die ihr drohen. Die Stalin-Skulptur, die die mährische Provinz ziert, sagt nicht mehr dasselbe aus, wenn sie auf dem Werkhof eines Baustoffhandels in Gundelfingen, dessen Besitzer sie gegen eine Spende für das örtliche Krankenhaus überlassen wurde, oder in Bonn im Museum steht - und das nicht nur, weil fast ein halbes Jahrhundert dazwischen liegt.
Übermächtige Vaterfigur
Denn in Rymarow beherrschte sie, so ist zu vermuten, den zentralen Platz, und ihre Autorität erwuchs aus dem Verhältnis, in dem sie zu den Gebäuden stand, und den Blickachsen, die auf sie ausgerichtet waren. Hier dagegen besetzt der Säulenheilige die Mitte einer Ausstellungseinheit, in der er von Jüngern, den DDR-Politikern von Wilhelm Pieck bis Erich Honecker, umringt wird. Als übermächtige Vaterfigur.
Die Ausstellung blendet solche Umstände und Zusammenhänge - Stalin ist insofern stellvertretend - weitgehend aus; nicht einmal ein Foto, das es am Originalschauplatz zeigt, kann sie dem Denkmal mitgeben. Vertrauensvoll hält sie sich an die Objekte und reiht das Monument ein in eine Galerie der Herrscherporträts, eine Ikonographie der Macht, die ein gutes Jahrhundert umspannt: Angefangen bei Wilhelm II., der operettenhaft in Gardeuniform und Hermelinmantel posiert, über Friedrich Ebert, der im schlicht-zivilen Habitus die Republik repräsentiert, und Paul von Hindenburg, der sich als "Ersatzkaiser" mit Uniform und Pickelhaube geriert, bis zu den Fernsehduellen der letzten Bundestagswahl, den Fotoromanen über den "Lifestyle-Kanzler" Schröder und das Imageprofil ("echt, kantig, erfolgreich") seines Herausforderers Stoiber.
Der familienfreundliche Hitler
"Das Bild gehört mir!" hat Hitler gesagt. In drei Dutzend Posen präsentiert er sich, von seinem Leibfotografen Heinrich Hoffmann abgelichtet, als bodenständig, volksnah und familienfreundlich, Selbstdarstellungen zur Probe, die auf ihre Wirkung hin veranschlagt werden. Doch die Ausstellung listet sie nur auf und geht ihrem strategischen Einsatz für Propagandazwecke nicht weiter nach. Ausschnitte aus "Triumph des Willens" (1934) von Leni Riefenstahl und "Der große Diktator" (1940) von Charlie Chaplin werden vorgeführt, doch die Monitore stehen sich gegenüber statt, was erhellender wäre, nebeneinander: eine Differenz wie zwischen Oper und Operette, die aus dem haarscharfen Abstand, den die Karikatur zum "Original" hält, ihre kritische Qualität bezieht. Die Macht der Bilder aber galt "nur", wo auch die Macht über die Bilder bestand: In den Vereinigten Staaten wurde "The Great Dictator" der - auch finanziell - erfolgreichste Film Chaplins.
In der Bundesrepublik, die sich zunächst in Bildzurückhaltung übte, wurde alles anders - und mit dem Aufkommen des Fernsehens erst recht. Adenauer, der alte Fuchs, spielte die Macht der Bilder, indem er vor Wahlen nach Washington reiste, von wo sie publicityträchtig zurückwirkten, gleichsam über die Bande, und die SPD war erst 1961 soweit, ihre Maxime "Inhalte statt Köpfe" wegen Erfolglosigkeit aufzugeben.
Der deutsche Kennedy
Willy Brandt wurde - jugendlich und dynamisch - zum "deutschen Kennedy" aufgebaut. Doch nicht so sehr der weiße Anzug und das cremefarbene Mercedes-Cabrio des Kanzlerkandidaten, erst der scheue Gruß aus dem "Erfurter Hof" und der Kniefall von Warschau 1970 sind Bilder, die die Welt bewegen - und den Machtwechsel einläuten: Symbole einer neuen Politik, bis im Wahlkampf 1972 "der Höhepunkt der Popularität und des Personenkults um Willy Brandt" (Daniela Münkel) erreicht ist.
In der Ära Brandt beginnt der Aufstieg der Medienberater und Image-Consultants. Ein Foto zeigt Charles Wilp, wie er den Kanzler als Staatsschauspieler instruiert. Aber Politik ist nicht so prickelnd wie Afri-Cola. Wie sich die Rolle der Agenturen verändert und sie an Einfluß gewinnen, wird nicht näher untersucht. Eine Art Spickzettel, den Stoibers Medienberater Michael H. Spreng während des Wahlkampfs immer in der Brieftasche trug (F.A.Z. vom 2. Juni), aber sagt mehr als viele Bilder: "Kompetent - inkompetent", "zuverlässig - unzuverlässig", "glaubwürdig - unglaubwürdig" lauten die ersten drei von sieben Gegensatzpaaren, in denen der frühere "Bild"-Chef sich merkt, worum es (für ihn) geht.
Die Kunst des Regelverstoßes
Ob sich die Spitzenpolitiker noch "selbst" inszenieren oder nicht eher inszenieren lassen, wird genausowenig befragt wie die Tendenz, daß sich Bilder verselbständigen. Banalisierungen der Personalisierungsstrategien, wie sie Westerwelle mit seinem "Guidomobil" fährt, werden dokumentiert, aber nicht auch die "Kunst" des kalkulierten Regelverstoßes, wie ihn Möllemann bildmächtig beherrschte.
Die von Jürgen Reiche und Ulrich Op de Hipt konzipierte Schau bietet wenig mehr als eine stimmige Materialsammlung. Denn wenn es sich bei den Bildern der Macht um eine "Sprache" handelt, für die der Betrachter Kompetenz erwerben soll, genügt es nicht, fertige "Sätze" auszustellen, ohne auch ihre Syntax, Bildkomposition und Bildmanipulation zu vermitteln. So gehören die Anmerkungen zur Gebärdensprache, die der Pantomime Samy Molcho nach dem Kanzlerduell aus dem Handgelenk schüttelt, zu den erhellendsten Momenten des Parcours.
Der Katalog endet mit Arnold Schwarzenegger: "Politainment in Perfektion". Die vorläufige Kulmination des Phänomens aber kommt nur am Rande vor: Silvio Berlusconi, der wie kein anderer die politische Macht und die Macht über die Bilder vereint, rangiert unter "telegene Typen". Das Thema verdient eine vertiefende Betrachtung, die vielleicht bereits eine Ausstellung zu leisten vermag, die das Ruhrlandmuseum Essen vorbereitet. Wenn sie denn hält, was ihr Titel in Aussicht stellt: "Wirklich wahr! Realitätsversprechen von Fotografien".