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Wolf Biermann, Köln 1976 : Mama, die können mir doch nichts wollen?

Ein Moment der Glückseligkeit an einem Abend mit Folgen: Wolf Biermann nach seinem Kölner Konzert am 13. November 1976 Bild: Barbara Klemm

Nach Jahren des Auftrittsverbots in seiner Heimat, der DDR, stand Wolf Biermann am 13. November 1976 in Köln auf der Bühne. Und durfte nicht mehr zurück. Die Geschichte einer historischen Nacht – und eines historischen Bildes.

          Am 13. November 1976 gab Wolf Biermann ein Konzert in Köln. Jahrelang hatte er in seiner Heimat, der DDR, nicht auftreten dürfen, jetzt stand er vor fast 7000 Leuten und sang, zitierte Gedichte, redete vier Stunden lang: darüber, wie sehr er die DDR liebte, dass er aber nicht nachgeben, dass er kämpfen würde gegen die Machthaber der SED, die ihre Bürger unterjochten. Nach dem Konzert wurde Biermann von diesen Machthabern ausgebürgert - ein Racheakt, der sich aber gegen sie selbst richten würde, Protest formierte sich, einer der vielen Anfänge vom Ende der DDR.

          Barbara Klemm

          Langjährige Redaktionsfotografin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Barbara Klemm, die berühmte Fotografin der F.A.Z., war damals in Köln dabei - und hielt den Abend in einem unvergesslichen Bild fest: Es zeigt Wolf Biermann, der am Dienstag achtzig Jahre alt wird, wie er für einen kurzen Moment alles haben darf, ein freier Mann, der auf einer Stecknadel balanciert. Wir haben zu dem berühmten Bild weitere, bisher unveröffentlichte Bilder des Abends versammelt. Und Barbara Klemm gebeten, ihre Erinnerungen daran zu erzählen.

          Bilderstrecke

          Wolf Biermann kannte ich seit einem Besuch bei der Leipziger Messe, 1971 muss das gewesen sein: Da hatte er in der „Pfeffermühle“ am Klavier gesessen und gesungen. Als er dann 1976 auf Tournee ging, war uns ganz klar, der Redaktion und mir: Wenn Wolf Biermann jetzt zum ersten Mal vor so einer großen Zuhörerschaft singt, dann müssen wir dabei sein. Also sind mein Mann, mein Kollege Hermann Rudolph und ich zu dritt im Auto nach Köln gefahren. Die Sporthalle war bis auf den letzten Platz besetzt.

          Erst habe ich natürlich noch vor der Bühne gestanden, wie alle meine Kollegen, und habe Biermann fotografiert, wie er gesungen und Gedichte interpretiert hat. Aber von Anfang an hat es mich gereizt, ein Bild zustande zu bringen, auf dem auch die Massen zu sehen sind. Also bin ich am Ende hinter die Bühne gerannt, in der Hoffnung, dass sich eine Situation ergeben könnte, bei der ich im Hintergrund die Zuhörer im Bild habe - und ihn. Und daraus ist dieses eine, wunderbare Bild geworden. Auf dem Wolf Biermann glückselig über die Bühne taumelt - und mir fast in die Kamera gelaufen wäre.

          Manchmal muss man einfach hinterherlaufen

          Danach ist er, nach etlichen Zugaben, hoch in die Garderobe. Und ich hinterher. In solchen Momenten hängt man sich einfach dran, entweder es glückt oder nicht. In der Garderobe wartete seine Mutter mit Butterstullen auf ihn. Biermann hat sie dann gefragt: „Mama, die können mir doch nichts wollen?“ Und die Mutter hat geantwortet: „Nein, natürlich nicht, es war alles ganz wunderbar.“ Uns anderen war aber klar, dass es nicht gutgehen würde - nach diesem Auftritt, nach diesen Texten, die Biermann gesungen, interpretiert und gesprochen hatte. Dass die DDR ihn nicht mehr hineinlassen würde. Aber wie ich die Sache empfand, habe ich ihm damals nicht gesagt. Ich dachte: Da muss man sich zurückhalten, das kann man nicht.

          Bei Veranstaltungen ist der Druck für Fotografen enorm: Gelingt es, die Szene, die sich abspielt, den Moment so zu komprimieren, damit in einem Bild eine Geschichte erzählt wird? Ich habe das Glück, dass es mir manchmal gelungen ist, so einen Moment festzuhalten. Ich versuche, mich sehr zurückzuhalten, schnell zu arbeiten, zu beobachten - und dann glückt’s manchmal. Und manchmal muss man auch rücksichtslos sein und einfach hinterherlaufen. Es hätte ja sein können, dass sich noch etwas in Biermanns Garderobe ergibt. Man muss das einfach probieren - und darf es nicht persönlich nehmen, wenn sie einen ’rausschmeißen. Doch die Garderobe, wo die Mama wartet, und Biermann, der sein Butterbrot futtert: Das war nur ein Dokument.

          Ich habe Wolf Biermann zehn Jahre später, bei seinem fünfzigsten Geburtstag, wiedergetroffen, das war auch in Köln, und auf das Bild angesprochen. „Sie waren ja von solch einer Glückseligkeit“, habe ich gesagt. „Na ja, na ja“, hat er geantwortet. Er hat es sehr heruntergespielt. Aber das Bild sagt etwas anderes.

          Quelle: F.A.S.

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