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Bilder der Musik in Berlin : Früher tanzten hier Faune

Auf der Suche nach dem musikalischen Echo in der Kunst – von Mantegna bis Matisse: Das Berliner Kupferstichkabinett zeigt Bilder der Musik aus sieben Jahrhunderten.

          Ein Blatt, das Adolph Menzel 1850 mit Pastellkreiden gezeichnet hat, heißt „Zuhörer im Konzert“. Ein Mann und eine Frau sitzen in Rückenansicht auf zwei Holzstühlen ohne Armlehnen, er im Gehrock, sie im langen Kleid mit kurzer Pelzjacke. Ein Ehepaar, bürgerlich, aber nicht zu sehr. Denn der Mann legt sein linkes Bein mit vulgärer Lässigkeit auf die Seitenbank zwischen den Säulen des Konzertsaals; fast meint man das Quietschen zu hören, mit dem der Stiefelabsatz über die hölzerne Sitzfläche schrammt. Und die Frau blickt unverwandt auf etwas, das ihr Gatte, für uns unsichtbar, in der rechten Hand hält; nur mit einem Ohr lauscht sie der Musik, bei der es sich, wie Menzel notiert hat, um die „Symphonie D-Dur“, die zweite also, von Beethoven handelt. Ein ideales Konzertpublikum sieht anders aus. Dies hier – „Erinnerung“ steht unten auf der Zeichnung – war das reale.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Seit drei Jahren zeigt das Berliner Kupferstichkabinett in Sommerausstellungen einen jeweils anderen Querschnitt seiner Sammlung. Die vierte Auflage des erfolgreichen Formats geht dem Echo nach, das die Musik in den Bildern hinterlässt. Dabei reicht die Spanne der künstlerischen Lösungen von der szenischen Erzählung, wie sie Menzel und seine holländischen Vorgänger Rembrandt und Adrian van Ostade virtuos beherrschen, bis zur dröhnenden Negation bei Arnulf Rainer. Auch hier geht es um Beethoven, aber als Memento-Motiv. Rainer hat die Totenmaske des Komponisten in seiner Hommage mit Kaltnadelstrichen überkratzt. Seine Radierung ist das hundertelfte und letzte Exponat der Ausstellung, gleichsam der kalte Luftzug nach dem Schlussakkord.

          Dass sie „Bilder von Mantegna bis Matisse“ zeigen, ist eine Untertreibung der Kuratoren. In Wahrheit reicht der Bogen von der Initiale auf dem Deckblatt eines Antiphonariums von 1350 bis zu Morgan O’Haras Transkription der Handbewegungen eines Konzertflötisten aus dem Jahr 2014. Zwischen beiden Daten gibt es fast keinen großen Namen der Kunstgeschichte, der in der Ausstellung fehlt. Aber es gibt auch Entdeckungen wie Crispijn de Passe, der seinem flämischen Orpheus eine Bratsche in den Arm legt, oder Arnd Schultheiß, der 1985 eine bezaubernd innige und präzise Augenblicksstudie des Dirigenten Igor Markevich angefertigt hat.

          Wie bei den meisten Ausstellungen des Kupferstichkabinetts verschwimmen auch hier die zeitlichen und stilistischen Grenzen zwischen den Künstlern. Die Federstudien verschiedener Musikinstrumente des Raffael-Zeitgenossen Giovanni da Udine könnten auch aus dem Biedermeier stammen. Picassos „Tanz der Faune“ reicht dem „Moriskentanz“ des Israhel van Meckenem über vier Jahrhunderte die Hand. Am Ende ist es, bei Mantegna – von dem ein nach Debussy-Klängen schreiendes „Bacchanal“ gezeigt wird – wie bei dem swingenden „Messerwerfer“ von Matisse, allein eine Frage der Technik und des Ausdrucks, ob dem Betrachter die Augen zu klingen beginnen. Im Humboldtforum, so hört man, wird noch nach Themen für die Wechselausstellungssäle im Erdgeschoss gesucht. Den Sommerschauen des Kupferstichkabinetts sollte dort unbedingt ein Platz freigehalten werden.

          Wir geben den Ton an – Bilder der Musik von Mantegna bis Matisse. Im Kupferstichkabinett am Berliner Kulturforum; bis zum 5.November. Der Katalog kostet 14,95 Euro.

          Quelle: F.A.Z.

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