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Biennale Abschied von der Weltmacht

16.06.2003 ·  Die Kunst wird hysterisch, Utopia dümpelt im Meer: Ein Rundgang über die 50. Kunstbiennale und durch das völlig überhitzte Venedig.

Von Niklas Maak, Venedig
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Die Hitze

So heiß war es noch nie: Morgens, wenn man das Radio anschaltete, zählten aufgeregte italienische Stimmen die neuen Temperaturrekorde auf, trentasette, trentotto, in der Stadt hingen durchgeschwitzte Kritiker und Galeristen wie Handtücher über den Brücken, die Wasserversorgung brach zusammen, die Hotels stellten die Klimaanlagen ab, das Wasser gluckste erschöpft durch die Kanäle, die Gondoliere hielten sich an ihren Ruderstangen fest und schauten mit mordwilligen Blicken auf die dicken Amerikaner, die sich, das Fehlen von Sonnenschirmen bejammernd, in die schwarzen Gondeln plumpsen ließen. Dies war nicht mehr Venedig, dies war eine tropische Stadt, und wenn in der außereuropäischen Temperaturapokalypse plötzlich auch noch ein paar Krokodile im Canale della Misericordia aufgetaucht wären: Man hätte sich nicht gewundert.

Venedig ist ja auch im Normalzustand von einer einzigartigen Mischung aus Schläfrigkeit und Hysterie gezeichnet, aber unter diesen Temperaturen sah alles noch dramatischer aus: Auf den Empfängen standen die Biennale-Gäste wie unter Schock zusammen; der Schweiß lief an ihnen hinunter, als stünden sie unter der Dusche, und für die Beurteilung der Kunst galt insgeheim auch das Kriterium ihrer Kühlfähigkeit: Jean-Marc Bustamantes Amazonenfotos im französischen Pavillon muß man nicht mögen, aber immerhin ist es hier dank Klimaanlage am kühlsten. Das Betreten des von Chris Ofili gestalteten britischen Pavillons empfiehlt sich schon wegen der mit schwarzem, grünem und rotem Teppich ausgeschlagenen, unklimatisierten Räume nicht. Dankenswerterweise hat Ofili im britischen Pavillon auf seine Angewohnheit verzichtet, mit Elefantendung zu arbeiten.

Hystery of art

So heiß war es noch nie - und noch nie paßte das apokalyptische Wetter so gut zur Biennale. Schon am Eingang empfingen einen die neurosengeplagten Mitglieder von Christoph Schlingensiefs "Church of Fear": Sieben maulig dreinschauende Menschen sitzen dort auf zersägten und wieder im Boden einzementierten Baumstämmen in der Hitze, so, als hätten sie sich dorthin vor Mäusen oder anderen Unbilden des bodenständigen Lebens gerettet: wurzellose Säulenheilige der letzten Tage. Schlingensief versammelt dazu in seiner dazugehörigen karibisch-buddhistischen Holzkapelle, die ganz hinten im Garten des Arsenale steht, eine Gemeinschaft von Menschen, die an nichts mehr glaubt und sich "von den Glaubensangeboten allgemein anerkannter Sekten in Politik, Wirtschaft, Medien und Kultur distanziert und lossagen" will.

Die Kapelle ist sozusagen der gutgelaunte, surrealistische Reflex auf die Angstthemen Terror, Gentechnik und Globalisierung, die alles auf der von Francesco Bonami kuratierten Schau wie ein alarmroter Faden durchziehen. Kunst mag ohnehin einen Hang zum Hysterischen und Krisenhaften haben - aber auf dieser Biennale wird dieser Zug besonders deutlich. Unheimliches knattert einem an allen Ecken entgegen: Maurizio Cattelan läßt ein ferngesteuertes Kind auf einem Dreirad im italienischen Pavillon herumfahren; das Kind kann einen anschauen und lächeln, und erst auf den zweiten Blick erkennt man, daß es ein perfekter Plastikmensch mit einer ausgeklügelten Mimetik-Mechanik ist. Was wie ein genmanipulierter Kunstmensch aussieht, ist das letzte Aufflammen der mechanischen Illusionen. Anderswo werden schon bunte Kaninchen als gentechnisch optimiertes Lebendspielzeug gezüchtet.

Die Pavillons

Daß es der Kunst nicht gut bekommt, wenn sie sich allzu direkt mit Gentechnik befaßt, zeigt sich im australischen Pavillon, wo man unerträglich kitschige Gummi-Schweine-Menschen anschauen muß. Im deutschen Pavillon herrscht optische Kühle: Zu Candida Höfers Fotografien hat Kurator Julian Heynen die "U-Bahnstation" des verstorbenen Martin Kippenberger in den Boden gelassen; wie aus einem U-Bahn-Schacht weht manchmal laue Luft empor. Die anderen Länderpavillons enttäuschen diesmal so vollkommen, daß es sich nur von einem zu reden lohnt: vom spanischen.

Santiago Sierra

Santiago Sierra steht vor dem spanischen Pavillon und läßt sich von der Presse fotografieren. Der in Mexiko lebende Skandalkünstler hat sich einen phantasievollen Bart wachsen lassen und sieht nun aus wie ein mongolischer Fürst der Finsternis. Den Eingang seines Pavillons hat er zugemauert. Um hineinzukommen, muß man wie ein Grenzflüchtling durchs Unterholz zum Hintereingang schleichen, wo man aber von einem bewaffneten Wachdienst aufgegriffen wird. Hat man keinen spanischen Paß, wird man nicht hineingelassen, was eine schöne Ironie auf den Geist der Länderschau und auf die Scheinfreiheiten einer für alle zugänglichen globalisierten Welt ist: Wo sich Spanien einst der Kunstwelt vorstellte, dürfen nur Spanier hinein; alle anderen dürfen sich einmal wie Asylanten fühlen, auch die erbosten Damen von der Guggenheim Foundation, die vergeblich den Wachmann beiseite zu schieben versuchten. "But we are the Guggenheim, we have free entrance everywhere!" - "If you haven't got a spanish passport, you cannot enter." - "But we are from the United States!" - "That is not our problem, madam." Man wüßte gern, was Bushs transatlantischer Verbindungsmann Jose Aznar zu diesem Pavillon sagt.

Harry's Bar

Über die ganze Stadt verteilt sind die Schauplätze der Gegenwartskunst, aber bei der Hitze werden die Wege lang. Die Menschen drängeln sich wie Flüchtlinge auf den Linienbooten, die an schwer verrostete Alsterdampfer erinnern; von ihnen aus betrachtet, sieht Venedig ohnehin aus wie Hamburg nach dem Ausscheiden der Bundesrepublik aus dem Kreis der führenden Industrienationen, bei gleichzeitig dramatisch steigendem Polschmelzwasserpegel. Eine Düsseldorfer Kunstsammlerin, die statt mit dem Porsche hier ebenfalls nur mit einem überfüllten Rostkahn vorankommt, beschwert sich über die Abwesenheit von befahrbaren Straßen in Venedig, und natürlich hat sie völlig recht: die Hitze macht einen zum Futuristen. Wer einmal stundenlang im verschwitzten Höllengedränge der Vaporetti stehen mußte und die wichtigsten Termine verpaßte, will Kanäle zuteeren und mit laufender Klimaanlage auf den Markusplatz fahren. Klimatisiert ist aber nur Harry's Bar, wo der Hamburger Kunstsammler Harald Falckenberg Hof hält, der Künstler Erro in Hemingwayscher Pose die Bar leertrinkt und der Ausstellungsmacher Harald Szeemann in diesen Tagen seinen 70. Geburtstag feierte. Harry's Bar ist der einzige kühle Ort von Venedig, deshalb kommen alle hierher und futtern kleine Pilzomeletts, die den Durchmesser von Klingelknöpfen haben und im halben Dutzend etwa 40 Euro kosten. Die amerikanischen Touristen trinken schon am frühen Nachmittag Whiskey Sour und bekommen furchtbare Kopfschmerzen, wenn sie danach wieder draußen in der dampfenden Luft herumlaufen müssen.

Das Arsenal

In diesem Jahr steht die Biennale unter dem Motto "Dreams and Conflicts - the dictatorship of the viewer", und was man sich darunter genau vorzustellen hat, kann auch die Kuratorenarmada nicht klären, die Bonami für die Schau der Gegenwartskunst im Arsenale aufgestellt hat. Das Arsenale soll die Länderpavillons ergänzen und einen postkolonial erweiterten Blick auf die gegenwärtige Kunstproduktion werfen - anders als auf der Documenta gelingt das aber nicht. Eine Abteilung, kuratiert von Gilane Tawadros, zeigt afrikanische Gegenwartskunst, meist dokumentarische Fotos von Menschen und Städten, auf denen zu sehen ist, daß es in Afrika nicht zum Besten steht. Hou Hanru führt in seiner Sektion "Zone of Urgency" ein schrilles Bild des heutigen Asiens vor, das in allen Punkten den hiesigen Asienklischees entspricht (Lärm! Hühner! Eng! Vieleviele Menschen!). Catherine David zeigt elegische Videowände zum Thema "Arab Representations", Carlos Basualdo versammelt in seiner Sektion Überlebensstrategien für die Krisengebiete der Welt. Vieles erinnert an Dokumentarfilme ohne Text, was bei allen guten Absichten ein bißchen wenig ist, um als Kunst durchzugehen. Die spannendste Station im Arsenale ist die von Molly Nesbit, Hans Ulrich Obrist und Rirkrit Tiravanija kuratierte Abteilung "Utopia Station"; hier wird in einer wilden Fluxus- und Performance-Landschaft aus Videoinstallationen und Holzboxen und Laufstegen der aufbruchsfrohe Geist der späten sechziger Jahre beschworen, um die Grenzen von Politik und Kunst neu auszuloten.

Abschied von einer Weltmacht

Was auf der Biennale gezeigt wird, ist der zerbröselnde amerikanische Traum: Der Traum von der Allgegenwart der Vereinigten Staaten, von einem verbindlichen System für alle. Im italienischen Pavillon sieht man Matthew Barneys gläserne Kunsttische im Louis-n'-importe-Stil, hysterische Schneewittchenmöbel einer untergehenden Kultur; im oberen Saal hängen die Fotos, die Richard Prince von Marlboro-Plakaten gemacht hat, Bilder von Bildern von Bildern, die letzte unscharfe Blaupause eines ausgeträumten Traums.

Haig's Bar

Weil Harry's Bar früh schließt, muß in Haig's Bar weitergefeiert werden. Dort gibt es keine Klimaanlage, auch nachts kühlt sich die Luft nicht ab, und die Gäste sitzen verschwitzt an den Tischen und führen seltsame Gespräche. "Ich finde den Werkbegriff veraltet", rief einer in seinen Cocktail hinein, "denn die Werke gehen in einem transnationalen Diskurs auf!" Die Dame, die ihm gegenübersaß, lächelte, ging zur Bar und kam nicht wieder. Spätnachts sahen wir ihn verwirrt auf einer Brücke stehen; er hatte sich in den Gassen um den Campo Manin verirrt wie in einem transnationalen Diskurs. Über dem Arm trug er eine Umhängetasche, auf der "Utopia Station" stand.

Utopia

Die wahre Utopia-Station war aber nicht auf, sondern vor der Biennale zu sehen: Ein Kreuzfahrtschiff, das "Brillance of the Sea" hieß, direkt vor den Giardini lag und so groß war, daß der Markusplatz in die Kombüse gepaßt hätte. Das Schiff war doppelt so hoch wie der Kirchturm gegenüber auf der Isola di San Giorgio Maggiore, nachts leuchtete es wie das neue Jerusalem über den Dächern der Stadt, es war die wahre Utopie, ein ortloser, mobiler, transnationaler Ort, an dem nur getanzt und getrunken und alles über Bord gekippt wird, was einem nicht paßt. Natürlich regten sich alle furchbar auf: Daß jetzt die Kreuzfahrtschiffe direkt vor die Giardini fahren dürfen, daß den Amerikanern nichts heilig sei. Die verrosteten Vaporetti tuckerten um die weiße "Brillance" herum wie Kanalratten um einen Schwan, rechtzeitig zur Biennale-Eröffnung war sie verschwunden, und die Biennale hatte den Ort wieder: Die Pfahlsitzer starrten angstvoll in die Hitze, Schlingensiefs Kapellen-Muezzin rief seinen Klagelaut weit über die Kunstmeile, aus Martin Kippenbergers U-Bahn-Schacht säuselte ein trauriger Wind, und die Brillance war irgendwo weit draußen auf dem Meer und leuchtete utopisch in die heiße Vollmondnacht hinein.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 15.06.2003, Nr. 24 / Seite 21
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Jahrgang 1972, Redakteur im Feuilleton.

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