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Beziehungen zu China Prinz Lu verbreitet Bayerns Ruhm

02.04.2009 ·  Die Liebe des Westens zu China war lange einseitig: Das Bayerische Nationalmuseum in München zeigt die vierhundertjährige Fernost-Faszination der europäischen Höfe am Beispiel der Wittelsbacher.

Von Andreas Platthaus
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Die Macht von Nationen äußert sich in der Kulturrezeption bisweilen paradox. Heute spricht alles von China als Hoffnungsträger nicht nur der Weltwirtschaft, doch chinesisches Denken und Kunst orientieren sich ungeachtet der eigenen reichen Tradition mehr als je zuvor an westlichen Vorbildern. Das war in jenen Jahrhunderten, als das alte Kaiserreich auf dem Tiefpunkt seiner Macht stand, ganz anders. Vom achtzehnten bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein galt chinesische Kunst in Europa als Ausweis höchster ästhetischer Verfeinerung, und weil sie gar nicht wussten, wie schlecht es politisch um das Reich der Mitte stand, umgaben sich westliche Fürsten mit den kostspieligen Symbolen chinoiser Herrlichkeit: Porzellan, Seide, Lackarbeiten, Teehäusern.

Auch China selbst akzeptierte die eigene Machtlosigkeit erst spät, und der Prozess war schmerzhaft, weil er an das Selbstverständnis einer Nation rührte, die sich allen anderen Völkern überlegen glaubte. Aber als Prinz Rupprecht von Bayern 1903 in Peking ankam, wurden ihm dort riesige flammendrote Visitenkarten kalligraphiert, auf denen in chinesischer Sprache zu lesen stand: „Lu Qinwang“ - Lu, Prinz von kaiserlichem Geblüt. Mit dem Namen Rupprecht taten sich die Chinesen schwer, deshalb der Einfachheit halber „Lu“, doch der Titel „Qinwang“ stand normalerweise nur den Söhnen des chinesischen Kaisers zu. Das war ein unerhörtes Zugeständnis. Es wäre interessant gewesen, zu sehen, ob die chinesischen Gastgeber dem Wittelsbach-Prinzen auch die nach dem Kaiser höchste Titulierung „Taizi“, die nur dem Thronfolger zustand, gewährt hätten. Aber Rupprecht wurde erst 1913 Kronprinz, und den Thron sollte er gar nicht mehr besteigen, weil sein Vater ihn 1918 einbüßte.

Das Panorama deutsch-chinesischer Geschichte

Jedenfalls zeugt die Ehrerbietung der faktischen Sinifizierung des bayerischen Prinzen vom Respekt, der diesem Gast in China entgegengebracht wurde. Sein Besuch, Teil einer achtmonatigen Weltreise nach der Hochzeit, erfolgte zu einem Zeitpunkt, als die Niederschlagung des nationalistischen Boxeraufstands durch europäische Truppen erst zwei Jahre zurücklag. Dabei hatten die Deutschen, nicht zuletzt durch die „Hunnenrede“, mit der Kaiser Wilhelm II. im Juli 1900 ein Expeditionskorps nach China verabschiedet hatte, als besondere Scharfmacher gegolten. Der Mord am deutschen Gesandten Klemens von Ketteler im Monat zuvor musste vom chinesischen Kaiserhaus denn auch durch eine besondere Geste gesühnt werden: Der Bruder des Herrschers reiste 1901 persönlich nach Potsdam - mit Geschenken, die dann auf mehrere deutsche Museen verteilt wurden.

Eines davon ist jetzt im Bayerischen Nationalmuseum zu sehen: eine kalebassenförmige Wandvase aus emailliertem Kupfer, das zur besseren Aufhängung nur halbseitig ausgeformt ist. Es ist ungeachtet der kaiserlichen Provenienz kein herausragendes Stück, doch die Nachbarschaft zur roten Visitenkarte von „Prinz Lu“ entfaltet das ganze Panorama deutsch-chinesischer Geschichte zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. Und das in einer Ausstellung, die dezidiert nur den Beziehungen zwischen China und Bayern gewidmet ist. Doch Rupprechts halboffiziellen Besuch, der auch zwei Audienzen bei der faktischen Machthaberin, der Kaiserinwitwe Cixi, umfasste, kann man als erste Normalisierung des Verhältnisses zu Deutschland begreifen.

Am Anfang war ein wildes Sammeln

Doch das ist nur einer von drei großen Komplexen der Schau im Nationalmuseum, die laut Titel vierhundert Jahre Austausch zwischen Bayern und China zum Thema hat. Wenn man aber die Faszination des Münchner Hofs für chinesische Kunst als Beginn der Beziehungen nimmt, müsste man schon früher zu zählen beginnen, nämlich mit den Kuriositätenkabinetten des sechzehnten Jahrhunderts. Deren Bestände sind tatsächlich auch Bestandteil der Ausstellung, allerdings in einem eher lieblos arrangierten Präludium, dessen schönste Objekte aus Lateinamerika und Afrika stammen. Das war ein wildes Sammeln, das nicht viel von der Herkunft der einzelnen Stücke wusste, sie teilweise gar noch mythologisch zu erklären suchte.

Eine ernsthafte Beziehung zum chinesischen Reich strebten die bayerischen Herzöge erst 1617 an, also vor 392 Jahren. Damals warb der in China tätige Missionsprokurator der Jesuiten, Nicolas Trigault, in Europa um Unterstützung für die Arbeit seines Ordens im Reich der Mitte. Die Wittelsbacher waren den Jesuiten durch das bereits 1549 in Ingolstadt gegründete Kolleg besonders eng verbunden, und entsprechend offen waren sie für Trigaults Pläne. Herzog Maximilian I. schrieb dem chinesischen Wanli-Kaiser einen persönlichen Brief, seine Gattin Elisabeth setzte ein Schreiben an die Kaiserin auf (wobei sie die Kollegin im fernen Peking duzte, während der Herzog sich in ehrfurchtsvollsten Formulierungen erging), und beide Briefe wurden begleitet von einer opulenten Geschenkesendung. Hier haben wir also das genaue Gegenteil zum Verhältnis des Jahres 1901.

Bayern ließ sich damals nicht lumpen

Leider ging offenbar der ganze Reichtum auf dem Weg nach Peking verloren, denn nur von zwei Objekten ist bekannt, dass sie mehr als zwanzig Jahre später wenigstens den Enkel des längst verstorbenen Wanli noch erreichten: ein Wachsbildnis der Heiligen Drei Könige und eine illustrierte Handschrift zum Leben Jesu. Ob diese eher bescheidenen Relikte Begeisterung erregt haben, ist nicht überliefert, genauso wie der Verbleib der kostbaren Goldschmiede- und Schnitzkunstwerke. Doch die Ausstellung hat sich bemüht, die ursprüngliche Pracht des herzoglichen Geschenks, dessen Inhalt erfreulicherweise auf zeitgenössischen Listen dokumentiert ist, durch in Europa aufbewahrte ähnliche Stücke zu dokumentieren, und man darf deshalb feststellen: Bayern ließ sich damals nicht lumpen.

Aber selbst wenn die Gaben angekommen wären, hätten sie wohl nur geringes Interesse in China gefunden. Schnitzereien nach Peking zu schicken ist wie Eulen nach Athen zu tragen. Das dokumentiert die Ausstellung selbst mit chinesischen Elfenbein- und Steinkunstwerken, die später von den Wittelsbachern erworben wurden. Denn wie alle europäischen Höfe entwickelte auch der Münchner im achtzehnten Jahrhundert ein Faible für Chinoiserien, wovon heute noch einige Raumausstattungen in Schloss Nymphenburg oder die im dortigen Park errichtete „Pagodenburg“ zeugen. Vor allem Kurfürst Max Emanuel, der als Statthalter der Spanischen Niederlande von 1692 bis 1701 mit den kostbaren Importen aus Fernost vertraut geworden war, stattete die Hofhaltung entsprechend aus. Allerdings präferierte er in Europa nochmals verfeinerte Objekte, so dass man in der Ausstellung schönste chinesische Porzellangefäße sehen kann, die durch zeitgenössische französische Edelmetallmontierungen verunstaltet werden.

Die wirkliche Beziehung europäischer Staaten zu China war einseitig

Doch gerade solche Objekte, verbunden mit einem profunden Katalog, zeigen die wirkliche Beziehung europäischer Staaten zu China, und das ist das zweite Hauptthema der Schau. Es handelte sich um eine einseitige Angelegenheit, aber dementsprechend ist es interessanter, die Adaptionen chinesischer Kunst durch westliche Kunsthandwerker zu besichtigen, als reiche Leihgaben aus China selbst geboten zu bekommen, die mit Europa nichts zu tun haben. Diese Einsicht hat die Münchner Ausstellung ihrem Dresdner Pendant „Goldener Drache, Weißer Adler“ aus dem Vorjahr voraus, die zwar ungleich reicher bestückt war. Aber im Bayerischen Nationalmuseum wird keine Parallelführung der jeweiligen Hofhaltungen in Ost und West versucht, sondern wirklich verständlich gemacht, was für Einflüsse China auf Europa ausgeübt hat. Oder auch das okzidentale China-Klischee: Eines der schönsten Arrangements bringt ein wohl in den Niederlanden besticktes Ensemble von Seidenbahnen mit den gleichfalls westlichen Kupferstichen zusammen, die den Stickern als Vorlagen bei der Motivwahl gedient haben. Dass auch dieses bisweilen groteske China-Bild nicht ausgespart wird, macht die kulturgeschichtliche Bedeutung der Schau aus.

Dass es dann noch Glücksfälle zu bestaunen gibt wie eine in den Depots vergessene Seidentapete, die um 1800 aus Kanton nach Bayern verkauft wurde und nun in einer Farbenpracht wie am ersten Tag zu bewundern ist, das verschafft der Ausstellung auch noch die notwendige Publikumswirksamkeit über wissenschaftliches und ästhetisches Interesse hinaus. Denn Reichtum wird immer noch genug geboten, auch wenn man aus dem Palastmuseum in Peking, das in Dresden mit zahlreichen Objekten präsent war, für München nur zehn Uhren ausgeliehen hat - aber klug, als Beispiel für eine europäische Kunst, die auch in China bewundert wurde.

Die Wittelsbacher und China - 400 Jahre China und Bayern. Bayerisches Nationalmuseum; bis 26. Juli. Der materialreiche, bisweilen etwas unscharf gedruckte Katalog (Hirmer Verlag) kostet 49 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.

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