Beuys lacht. Wer hat ihn je auf einem Foto so lachen sehen? Lachen gehört nicht zu seiner Selbststilisierung: Beuys lachend ist so selten wie Beuys ohne Hut. Auf diesem Foto, das ihn 1978 im Gespräch mit Leni van Heukelum auf ihrem Dassendonkshof am Niederrhein zeigt, aber schüttelt er sich vor Lachen. Worüber? Guido de Werd, der Direktor des Museums Kurhaus in Kleve, erzählt die Legende dazu: Dass der Beuys, wo der doch so ein netter Kerl sei, so verrückte Sachen mache, das verstehe sie nicht, habe die Bäuerin, die als Sammlerin von Biedermeiermöbeln auch die Wiege, „wo dat Jüppken dringelegen hat“, besaß, zu ihm gesagt, woraufhin Beuys ihre Bildergalerie als „gute Wegwerf-Formate“ geschmäht habe. So hätten sie sich gegenseitig angepflaumt - und gelacht.
Das Foto enthält in nuce das Programm der Ausstellung: Nicht der unbekannte Beuys, doch Beuys, als er noch unbekannt war, ist in Kleve zu entdecken. Aufgenommen hat es Gerd Ludwig für eine Reportage des „Zeit“-Magazins, und als Direktor de Werd den Fotografen, der heute in Los Angeles lebt, anschrieb, entdeckte der in seinem Archiv weitere Motive, die er längst vergessen hatte.
Die Bilder hängen im ersten Raum der Schau, mit der das Museum Kurhaus nach der Erweiterung um das ehemalige Atelier von Beuys wiedereröffnet hat: Beuys mit Stock, eine Pappelallee herunterpilgernd, Beuys mit Wiege und Hase vor weidenden Kühen, Beuys, eine Biographie von Anacharsis Cloots vor der Nase, im Fond eines Citroën DS, Beuys auf dem Atelierturm von Haus Koekkoek über den Dächern von Kleve, Beuys (mit Hut!), wie er seine Frau küsst, Beuys (ohne Hut!) in einer Bank seiner Grundschule, Beuys vor Schülern des Freiherr-von-Stein-Gymnasiums, dessen Namensgeber er auf einem Zeugnis durchgestrichen und handschriftlich „Joseph Beuys“ drübergesetzt hat.
Drei große Klever
Beuys von allen Seiten. Doch keine Legendenbildung, eine Annäherung wird versucht: Beuys und Kleve, eine Reise in die Heimat. „1921 in Kleve geboren“ hat er selbst seit 1961 im „Lebenslauf/Werklauf“ angegeben, wo er doch in Krefeld zur Welt kam, weil der Hausarzt, Komplikationen befürchtend, die Mutter in eine Klinik schickte. Wie das Kurhaus, das 1914 geschlossen und von 1923 bis 1956 als Schuhfabrik zweckentfremdet wurde, stand auch das Haus der Eltern - ein Foto im Katalog zeigt den Steppke in Lederhosen mit einer Cousine im Forstgarten - an der Tiergartenstraße. In Kleve ist Beuys aufgewachsen, hier hatte er sein erstes Atelier und 1961, da war er schon vierzig, die erste Museumsausstellung.
Auf drei große Klever nimmt er in Leben und Werk immer wieder Bezug: auf den Schwanenritter Lohengrin, auf Johann Moritz von Nassau-Siegen, den der brandenburgische Kurfürst Friedrich Wilhelm 1649 zum Statthalter ernannte, und auf den „Redner des Menschengeschlechtes“ Anacharsis Cloots, der vom nahen Schloss Gnadenthal aus in die Französische Revolution zog und 1793 auf der Guillotine endete.
Eine Batterie von Ideen, Themen und Visionen
Mit der Rückkehr nach Kleve, wo Beuys 1957 Räume im Friedrich-Wilhelm-Bad für 26,10 Mark im Monat als Atelier anmietet, beginnt eine entscheidende Phase. Hier überwindet der Künstler die depressive Krise, die ihn an den Rand der Erschöpfung gebracht hat, eine „Umwandlung“, so sagt er später, während deren die Gebrüder van der Grinten ihn auf dem elterlichen Bauernhof in Kranenburg aufnahmen. Das „Büdericher Ehrenmal“ (1958/59), das sein einziger großer öffentlicher Auftrag bleiben sollte, entsteht in Kleve, auch viele Arbeiten, die in den „Darmstädter Block“ eingehen, und wesentliche Teile der „4 Bücher aus: ,Projekt Westmensch’ 1958“.
Hier wendet er sich neuen Formen und Materialien zu, betreibt naturwissenschaftliche Studien und fängt an, den „Erweiterten Kunstbegriff“ zu entwickeln; von hier aus bewirbt er sich auf die „Professur für monumentale Bildhauerei“ an der Kunstakademie Düsseldorf, die er 1961 erhält. Doch erst 1964 gibt er das Atelier, weil die Miete erhöht wird, auf und lässt „5 M. Ladung“ nach Düsseldorf abholen. In der Klever Abgeschiedenheit wird die Batterie von Ideen, Themen und Visionen geladen, mit denen Beuys sich in der Welt bahnbricht.
Die Klever Künstler im Dialog
Das ehemalige Friedrich-Wilhelm-Bad vergrößert das Museum Kurhaus, das 1997 in den beiden anderen Teilen, dem Badhotel und der Wandelhalle, eröffnet wurde, um siebenhundert Quadratmeter Ausstellungsfläche. Wieder hat Walter Nikkels, diesmal in Planungsgemeinschaft mit Dieter Willinek und Ingrid van Hüllen, die Restaurierung konzipiert und helle, klare Konturen gezogen: In Abstimmung mit der Denkmalpflege wurden Wand- und Deckenmalereien freigelegt, Türen und Böden wiederhergestellt. Die historischen Grundrisse bieten dem Museum auch andere, kleinere und intimere Räume und Raumfolgen. Patina und Atmosphäre wurden nicht zu rekonstruieren versucht: Historische Fotos dokumentieren das Atelier als karge Werkstatt mit Kohleofen und offen liegenden Leitungen, die fast ganz von dem großen Holzkreuz des Ehrenmals beherrscht wird.
Der erste Raum, benannt nach Katharina von Kleve (1417 bis 1476), der ersten Kunstmäzenin der Stadt, ist ein acht Meter hoher Oberlichtsaal, den Nikkels an der Rückseite angefügt hat. Die Fotoarbeit „Ohne Titel (Mein Kölner Dom)“ (1980) zeigt vier Türen an der Südseite der Kathedrale, die Beuys ergänzt hat. Als sein Lehrer Ewald Mataré die Bronzeportale 1948 bis 1954 realisierte, war Beuys sein Mitarbeiter, und so bezieht sich das „Mein Rasierspiegel fehlt!“ auf die Stelle, wo er ein Bischofswappen mit dem Spiegel ersetzt hatte. Gegenüber paradieren die spätmittelalterlichen Skulpturen des Bildhauers Dries Holthuys - der erste und der letzte große Klever Künstler treten in Dialog.
De Werds listige Bescheidenheit
Pinsel und Pigmentdosen, Tuben, Stifte und Utensilien, die Beuys benutzt hat, sind fein säuberlich in einer Vitrine gruppiert, „Hasenblut“ steht auf einem Etikett; auch eine Kiste mit Ton ist erhalten. Bespielt wird das ehemalige Atelier mit Reliquien, die de Werd der Familie Beuys als Dauerleihgaben entlocken konnte, viele sind unveröffentlicht und zum ersten Mal zu sehen: eine Pietà aus Gips (um 1951) etwa oder die Büste eines frühen Selbstbildnisses (1947), das zweiteilige Relief „Justitia“ (1959), das er für das Oberlandesgericht Düsseldorf schuf und, kaum angebracht, wieder abholen konnte, oder die 1961 entworfene, erst 1987 postum gegossene schwarze Badewanne aus Bronze, Blei und Kupfer, dazu Zeichnungen, Druckgraphik, Multiples.
Daneben werden Künstler aus der Region, der Kreis um Hanns Lamers vor allem, dem sich Beuys zeitlebens verbunden fühlte, sowie Sammlungen, die dem Museum anvertraut wurden, vorgestellt - Druckgraphik, Fotografie, Kunstgewerbe. Dass de Werd die Ausstellung „Mein Rasierspiegel“ überschreibt, lässt sich auch als Ausdruck seiner listigen Bescheidenheit verstehen: Wie er mit ihm umgeht, wird der Rasierspiegel zur Sonde, der die Wurzeln des Kunstortes Kleve ebenso freilegt wie dessen Verzweigungen in die Welt ausleuchtet. „Qua patet orbis“, das Motto von Johann Moritz, klingt an: So weit der Erdkreis reicht.
Ein Museum gewonnen
In Kleve ist nicht „nur“ das ehemalige Atelier eines Weltkünstlers, sondern das Lebenswerk eines Museumsdirektors zu besichtigen, wie es in dieser Kontinuität und Konsequenz rekordverdächtig und einzigartig ist: 1972, im Alter von vierundzwanzig Jahren, wurde de Werd von Friedrich Gorissen als wissenschaftlicher Mitarbeiter nach Kleve geholt, sechs Jahre später tritt er dessen Nachfolge an. Hartnäckig wirbt er dafür, das zerfallende Kurhaus in ein Museum zu verwandeln, weitsichtig baute er die Sammlung mit regionalen und internationalen - Arte povera, Land Art, konkrete Malerei - Schwerpunkten aus, öffnet die Gartenanlagen zu Reflexionsräumen der Kunst, entwickelt ein prononciertes Programm und krönt seine Ära, indem er den Museumsbau mit dem 2006 vom Stadtarchiv geräumten Westflügel vollendet. Vierzig Jahre hält de Werd Kleve die Treue und widersteht allen Abwerbeversuchen, immer bleibt er in Nimwegen wohnen - ein Grenzgänger, der der Provinz Grenzen geöffnet hat.
Kleve, heute eine Kreisstadt von 50 000 Einwohnern, war im 17. Jahrhundert brandenburgische Residenzstadt, eine 1741 entdeckte Mineralquelle bescherte ihm als Bad Cleve eine zweite Blüte, bis das Heilwasser 1914 versiegte; der Zweite Weltkrieg zerstörte achtzig Prozent der Gebäude. Die Verluste haben dem Selbstbewusstsein der Stadt zugesetzt. In den letzten fünfzehn Jahren aber hat sie ein Museum gewonnen, das viel davon aufgehoben hat. Was Beuys dazu sagen würde? Lachen!
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