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Betonbrutalismus-Ausstellung : Schaut auf diese Schalungsbauer

Brutalismus überall auf der Welt: das Wohnhaus „Sirius“ in Sydney Bild: Craig Hayman

Es scheint zum Betonbrutalismus nur zwei Haltungen zu geben: wütende Gegner und hemmungslose Liebhaber. Nun bricht das Deutsche Architekturmuseum eine Lanze für das harte Grau.

          Ein Hilferuf? Rettet unsere Seelen? Da wird es viele Mitbürger geben, die diesen Ruf lieber nicht vernehmen, sind die betonbrutalistischen Bauten, die zwischen den späten fünfziger und frühen siebziger Jahren entstanden, doch eher etwas für Gourmets, die sich für wuchtige Gesten, überwältigende Massen und handwerklich suboptimal ausgeführten Betonguss begeistern können. Es scheint da bis heute nur zwei Haltungen zu geben: wütende bis erleichterte Gegner, die das Verschwinden dieser „Betonmonster“ bejubeln, hemmungslose Liebhaber, die sich gerade jetzt besonders ins Zeug legen, da ihre Lieblinge vom Zahn der Zeit so angegriffen sind, dass eine Rote Liste im Netz zu finden ist, die weltweit hundert vom Abriss bedrohte Betonbrutalismen verzeichnet.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Es ist nicht so, dass man nur von Ruinen spräche: Viele der gezeigten Bauten sind in Betrieb und funktionieren. Kompromisse zwischen beiden Parteien sind dennoch selten. Umso willkommener die Ausstellung, die das Deutsche Architekturmuseum in Kooperation mit der Wüstenrot-Stiftung jetzt auf die Beine gestellt hat. Unternimmt sie doch erstmals eine Bestandsaufnahme dieses weltweit verbreiteten Bautyps und der Ambivalenzen, die er hervorruft. Und liefert so eine Diskussionsgrundlage, wie man künftig damit umgehen könnte. Als gelungenes Beispiel nennt Oliver Elser, der die Schau kuratiert hat, den 2006 vollendeten Umbau des Darmstädter Staatstheaters durch das Büro Lederer Ragnarsdóttir Oei (Stuttgart), das ohne sklavische Werktreue beispielhaft originell mit dem Sechziger-Jahre-Bau von Rolf Prange umgegangen sei.

          Das neubauwütige Frankfurt selbst hat sich in den vergangenen sieben Jahren von drei Gebäuden dieser Epoche getrennt – dem AfE-Turm, dem Technischen Rathaus und dem Historischen Museum. Was die Verächter als hässlich abtun, formuliert Elser vornehmer als „skulpturale Introvertiertheit“, womit auch gemeint ist, dass sich das Kunstwollen der Architekten häufig als französisch „brut“ – roh, ungeschliffen und nackt zeigte. Zur Herstellung von Beton genügen Wasser, Zement, Steine und Sand, gegossen wird in eine Schalung, die geflochtenen Bewehrungsstahl enthält. Ein Material, dass man in allen Klimazonen herstellen und in ziemlich jede Form bringen kann.

          Ein Gründervater des Bewegung war Le Corbusier, der mit Bauten wie der Kirche von Ronchamp oder dem Kloster Saint-Marie de La Tourette das Tor zum Brutalismus weit aufriss. Man war entzückt, wenn nach dem Entfernen der Schalungsbretter sich der Abdruck des Holzmusters als Fassade offenbarte, die sich je nach Professionalität der Arbeit respektive der Güte des Betons unterschiedlich „brut“ zeigen konnte – von sehr roh in armen Ländern bis sehr edel in der Schweiz. Der Schalungsbauer wurde so zum Mitgestalter.

          Das Wohnhochhaus „Gosstroi“ im aserbaidschanischen Baku
          Das Wohnhochhaus „Gosstroi“ im aserbaidschanischen Baku : Bild: Simona Rota

          Lange vor dem Niedergang des Kommunismus verband sich so nach den Vorstellungen linker Theoretiker die Gestaltungskraft des ungelernten Arbeiters mit der Architektur zu einer neuen Volkskunst. So etwa im Fall der Fakultät für Architektur und Städtebau der Universität São Paulo, entworfen von den kommunistischen Architekten João Baptista Vilanova Artigas und Carlos Cascaldi (1961 –1969). Die Studenten haben dort in ihren Zeichensälen eine Betonwand vor der Nase. Sie sollen nicht aus dem Fenster schauen, sondern sich des Privilegs bewusst sein, in einem Land wie Brasilien studieren zu dürfen.

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