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Veröffentlicht: 21.10.2011, 15:10 Uhr

Besuch bei Sempé Ich zeichne die ganze Zeit

Der französische Zeichner Sempé ist eine lebende Legende. Auch, weil er als extrem schwierig gilt und nur für seine Kunst lebt. Doch dann kommt man in sein Atelier und ist bezaubert.

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Wir sitzen seit etwa einer Stunde zusammen, als die Rede auf den Tod kommt. Sempé hat von Saint-Tropez erzählt, wo er in den sechziger Jahren die Sommer verlebte. Dort habe er verstanden, was Schönheit ist, und gelehrt habe es ihn der Chansonnier Sacha Distel. „Er schien unsterblich zu sein: perfekte Zähne, leuchtende Augen, elegant, die Frauen lagen ihm zu Füßen. So ist er mir im Gedächtnis geblieben. Vor ein paar Jahren hörte ich, dass er krank sei, und dann starb er.“ Beim letzten Halbsatz legt Sempé die Finger der rechten Hand über den Mund, als wollte er die Worte wieder ungesagt machen.

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Das Portal zum Haus, in dem er wohnt, ist von goldenen Ornamenten umrahmt. Im Erdgeschoss ist eine Buchhandlung, genau wie schräg gegenüber auf der anderen Straßenseite auch. In ihren Schaufenstern liegen Bücher von Sempé, die Neuausgabe von „Le petit Nicolas“ (Der kleine Nick), aber noch mehr als das erinnert das Nachbarhaus an sein Werk: Ein kleines Mädchen steht da in der Bel-Etage auf dem Balkon und schaut herab - ein winziger Mensch in der himmelstürmenden fensterübersäten Fassade. Hier unten braust der Verkehr, doch oben ist ihre stille Welt. Als sie wieder in die Wohnung tritt, lässt sie die Balkontür offen, als wollte sie einen kleinen Korridor zwischen sich und der brodelnden Metropole offen halten. Sie hat keine Angst, denn es ist ihre Stadt, aus sicherem Abstand vertraut. So haben wir uns Paris immer vorgestellt, als wir es nur aus den Bildern von Sempé kannten.

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Vor zehn Jahren erschien in Frankreich ein Buch, dessen Titel das Prinzip der Untertreibung auf die Spitze trieb. Un peu de Paris“ hieß es, ein bisschen Paris. Doch der Mann, der es gezeichnet hat, zeigte darin nicht nur die ganze Stadt, er zeigte auch die ganze Welt, weil sich in den wimmelnden Männchen und Frauchen, die das in Tusche fixierte Linienwunder dieser Stadt bevölkern, jeder Mensch wiederfindet. Wir sind es, die da in kleinen Verhältnissen unseren großen Träumen nachhängen. Wir sind es, die da bewundernd vor den Schönheiten von Natur und Kultur stehen und doch uns als Mittelpunkt all dessen ansehen. Wir sind es, die da so selbstverständlich schlendern, obwohl wir alle Getriebene sein müssten. Und irgendwo von oben sieht uns dabei einer zu und zeichnet es auf.

Irgendwo dort oben - das ist nicht in der Bel-Etage, das ist viel höher über dem Boulevard du Montparnasse im sechsten Arrondissement von Paris. Der siebte Stock öffnet sich nach Nordosten auf ein gewaltiges Panoramafenster, das den Blick auf die weiße Stadtkaskade eröffnet, die von hier herab zur Seine und auf deren anderer Seite wieder hinauf sprudelt, ehe sie, einer Fontäne gleich, von Sacré-Coeur gekrönt wird - weit entfernt und doch so scharf umrissen im Sommerlicht, als hätte der Mann, der vor diesem Fenster sitzt, die Kirchenkuppel selbst links auf die Scheibe skizziert. Wir sind im Atelier von Jean-Jacques Sempé.

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