25.10.2004 · Wo Dada die Gegenwart treffen soll: Nach siebenjähriger Odyssee ist die Berlinische Galerie in ein neues Haus gezogen - und meldet schon wenige Tage nach Eröffnung die stolze Zahl von dreiundzwanzigtausend Besuchern.
Von Niklas MaakDie Jahreszeiten waren durcheinandergeraten an diesem Herbstwochenende in Berlin, es war ein seltsamer Pseudofrühling über die Stadt hereingebrochen, und die Berliner, die sich bereits auf die russisch kalten Graumonate eingestellt hatten, saßen, wie von unverdientem Glück überrascht, in den Cafés und schauten durch große Sonnenbrillen auf die im Freien servierten Milchschaumkreationen und benahmen sich überhaupt sehr mediterran. Um so erstaunlicher waren die Massen, die sich trotz sensationeller Außentemperaturen unbeirrt durch zwei Berliner Ausstellungen drängten, die unterschiedlicher nicht sein könnten: durch die Sammlung Flick im Hamburger Bahnhof - und durch die soeben neu eröffnete Berlinische Galerie in Kreuzberg, die schon wenige Tage nach ihrer Einweihung die stolze Zahl von dreiundzwanzigtausend Besuchern meldet.
Verzweifelte Suche nach einer neuen Bleibe
Dabei hatte es lange so ausgesehen, als bekäme man die Sammlung auf längere Zeit nicht mehr zu sehen: Vor sieben Jahren mußte die 1975 gegründete Galerie aus dem vom Bund als Ausstellungshalle beanspruchten Gropius-Bau ausziehen und suchte seitdem verzweifelt nach einer neuen Bleibe. Die Sammlung, die von der Berliner Secession über die in Berlin tätige russische Avantgarde, über Dada, Nachkriegsabstraktion und Neue Wilde bis zu Gegenwartskünstlern wie Thomas Demand reicht und auch eine kleine, berlinbezogene Foto- und Architektursammlung bereithält, sollte zunächst im Alten Postfuhramt im Bezirk Mitte gezeigt werden, was aber der Senat nicht finanzieren wollte; danach wich man auf das Gelände der ehemaligen Schultheiss-Brauerei aus, wo jedoch 2001 der Investor pleite ging.
Erst die Aussicht, in das ehemalige Kreuzberger Glaslager in der Alten Jakobstraße zu ziehen, brachte eine Lösung näher. Diese Lagerhalle wurde nun für 18,7 Millionen Euro von der Münchner Industriebau-AG Dibag umgebaut, deren Architekten Jörg Fricke und Juan de Diego sich ansonsten mit dem kostengünstigen Entwurf von Autohäusern und Einkaufszentren beschäftigen. Man habe bewußt keine architektonische Ikone des 21. Jahrhunderts haben wollen, erklärte Galerie-Direktor Jörn Merkert bei der Eröffnung trotzig, und tatsächlich hat die Dibag jede Zeichenhaftigkeit des Baus zu vermeiden gewußt.
Luftiger und vielfältiger Raum
Ob es für den Publikumszulauf wirklich hilfreich ist, in eine sehr verschlafene Kreuzberger Seitenstraße, in die neben den Anwohnern nur noch Architekturstudenten auf der Suche nach den einst gerühmten Sozialbauten der Internationalen Bauausstellung von 1984 kommen, eine derart zurückhaltend bauhäuselnde Fassade zu stellen, ist eine andere Frage. Wichtiger als die Außenhaut des Museums, die ein wenig an den Verwaltungstrakt einer ambitionierten Großbäckerei erinnert, ist aber das Innere des ehemaligen Lagers, das die Architekten mit knochentrockener Professionalität in einen sachlich weißen Raum verwandelt haben, der um einiges luftiger und vielfältiger ist als der geduckte Kunstschlauch der Rieckhallen.
Man tritt in eine elf Meter hohe Halle, die der Berliner Gegenwartskunst gewidmet ist, wandert an Svetlana Kopystianskys Bücherturm vorbei auf Frank Thiels 1994 entstandene monumentale Fotoporträts alliierter Soldaten zu und biegt dann in die Vergangenheit ab, zu Edward und Nancy Kienholz' Skulpturen und Rainer Fettings Farbergüssen, zu K. H. Hödicke und Marwan, bevor man über eine Doppeltreppe - die etwas dürr, wie eine arme Verwandte der Münchner Pinakothek der Moderne, durch den Raum stakst - hinaufsteigt zur Berliner Secession, den Dadaisten und der Kunst der Nachkriegszeit.
Wie in der Zahnarztpraxis
Auch hier oben macht sich der enge Finanzrahmen der Galerie allenfalls in der Beleuchtung bemerkbar: Ikea-Strahler werfen ein Licht auf die Exponate, das an Zahnarztpraxen und Sparkassenausstellungen erinnert und die Exponate provinzieller erscheinen läßt, als sie sind. Dabei ist nicht alles von gleicher Qualität, was man zu sehen bekommt, und man hätte manchem Werk in der Flick Collection gewünscht, daß es so opulent präsentiert werde wie Wolf Vostell oder Emilio Vedova in der Berlinischen Galerie. Aber deren Charme - und ihr größter Unterschied zur Flick Collection, in der man ausnahmslos alles schon irgendwo gesehen hat - liegt gerade in der Entdeckung von unbekannten oder längst vergessenen Künstlern.
Werner Heldts semiabstrakte Stadtlandschaften von 1946 werden neben Fritz Kühns Fotografien italienischen Urlaubsglücks von 1958 gezeigt und verschmelzen zu einem interessanten Epochenportät. Vor allem in den Arbeiten weniger bekannter und begabter Zeitgenossen zeigen sich die Kämpfe, Bewegungen und Sehnsüchte ihrer Zeit viel deutlicher als in den sogenannten Meisterwerken. So offenbart sich das einerseits weltläufig mondäne, andererseits in Armut und Vergangenheit verstrickte Berlin der zwanziger Jahre nicht nur in den bekannten Arbeiten von Otto Dix, Hanna Höch oder George Grosz, sondern vor allem auch in Rudolf Schlichters von de Chirico beeinflußter, surreal kühler Welt, die hinter seiner "Jenny" von 1922 erscheint, oder in Jeanne Mammens Porträts angestrengt verruchter Revuegirls.
Die Vamps der Jahrhundertwende
Ein paar Räume weiter trifft man auf deren Archetypen, auf die Vamps der Jahrhundertwende, die sich in den Großstadtgemälden von Lesser Ury räkeln. Solche Entdeckungen und Querverbindungen machen den Reiz der Sammlung aus. Ärgerlich ist dagegen die teilweise lieblose Präsentation neuerer Arbeiten: Heike Baranowskys Videoarbeit "Parallax" zeigt eine traumwandlerische Fahrt durch einen Wald, was aber kaum zu erkennen ist, weil das Werk in einem gleißend hellen Raum auf eine weiße Wand projiziert wird, was Videos nicht gut bekommt. Doch das sind Fehler, die leicht zu beheben sind.
Interessant in der neuen Berliner Kulturinstitution ist neben der Wechselausstellungshalle, in der zur Zeit eine Schau über die "Architektur der Obdachlosigkeit" zu sehen ist, vor allem der "Jetzt/now" getaufte Raum, in dem noch unbekannte in Berlin arbeitende Künstler vorgestellt werden sollen. Eröffnet wird er mit den "Dark Matter"-Skulpturen der gebürtigen Österreicherin Eva Grubinger, einer minimalistischen Assemblage von mannshohen mattschwarzen Hochhaus-Modellen, Reaktorkühltürmen und hypertrophen Kopfhörern.
Raum der Gegenwart
Einen solchen Raum der Gegenwart hat Berlin außerhalb seiner Galerien und Kunstvereine nicht, nachdem der Hamburger Bahnhof mit Flick endgültig zum Mausoleum großsammlerischer Ambitionen geworden ist und auch die Kunst-Werke in der Auguststraße, denen die Entdeckung einer ganzen Berliner Künstlergeneration von Jonathan Meese bis zu John Bock zu verdanken ist, in dieser Richtung kaum noch Elan entwickeln.
Der Erfolg der Berlinischen Galerie wird auch von der Bespielung dieses Raums abhängen, denn man wird nicht jedes Wochenende nach Kreuzberg fahren, um Wolf Vostell anzuschauen. Wenn es aber gelingt, hier interessante Tendenzen zu zeigen, neue Strömungen zu bündeln und Künstler zu entdecken, hat die Berlinische Galerie durchaus eine Chance, zu einem interessanten neuen Ort für Gegenwartskunst zu werden - und das Publikum öfter in eine Gegend der Stadt zu locken, die trotz des nahen Jüdischen Museums bisher in einem verschrobenen Idyll aus Streichelzoo und alten IBA-Bauten vor sich hindämmerte.