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Berliner Schloss Die Brache der Nation

08.06.2010 ·  Epochale Niederlage der Kulturpolitik: Die Verschiebung des Schloss-Neubaus zeigt, wie gering der Stellenwert nationaler Kulturvorhaben auch im zwanzigsten Jahr der Berliner Republik noch ist.

Von Andreas Kilb
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Geschüttelt, nicht gerührt nahm James Bond einst seinen Wodka-Martini, und so behutsam geben sich auch die neuen Schlosspläne der schwarz-gelben Bundesregierung: Verschoben, nicht gekippt ist das Projekt. Nur fragt sich, ob die Schiebung nicht genau jene Schieflage erzeugt, die das gesamte Vorhaben zum Einsturz bringt. Mit der Verlegung des Baubeginns ins Jahr 2014 haben die Schlossgegner von FDP und CDU/CSU ihr schon bei den Koalitionsverhandlungen im Herbst verfolgtes Nahziel erreicht: Das grand projet der Bundeskulturpolitik ist erst einmal weg.

Alles Weitere wird sich nach der nächsten Bundestagswahl ergeben. Bis dahin, so das Kalkül, wird die Sache entweder wieder Schwung bekommen oder sich von selbst erledigt haben. Das böse Ende, das viele dem Berliner Schlossneubau wünschen, ist gleichsam in die Planungen eingestellt.

Neumann hat gekämpft, Ramsauer nur Desinteresse gezeigt

Das Ergebnis der Sparklausur im Kanzleramt ist, obwohl der Haushalt des Kulturstaatsministers Bernd Neumann offenbar weitgehend von Kürzungen verschont bleibt, eine epochale Niederlage der Kulturpolitik. Bis zuletzt haben sämtliche mit dem Thema vertrauten Experten der Koalition, an ihrer Spitze Neumann selbst und die Kulturausschussvorsitzende Monika Grütters, für das Schlossprojekt gekämpft. Dass sie sich gegen das Desinteresse des zuständigen Bundesbauministers nicht durchsetzen konnten, zeigt ernüchternd deutlich, wie gering der Stellenwert nationaler Kulturvorhaben auch im zwanzigsten Jahr der Berliner Republik noch ist.

In den Verlautbarungen, welche die Sparbeschlüsse begleiten, wird das Schloss allenthalben als Luxusartikel hingestellt, den man sich in Krisenzeiten nicht leisten könne. Die wahren Luxusausgaben, die etwa dadurch entstehen, dass nach wie vor die Hälfte aller Beamten des Bundes ihren Dienstsitz in Bonn hat, während ein Nachrichtendienst, der besser weiter im Verborgenen gearbeitet hätte, für das Dreifache des geplanten Schlossbudgets in die Hauptstadt umzieht, werden nicht erwähnt.

Bis heute ist unklar, was das Haus der Weltkulturen darstellen soll

Die Vagheit und Beliebigkeit der Konzeption des Humboldt-Forums, das den Schlossbau füllen soll, hat zu dem jetzigen Debakel beigetragen. Bis heute ist es der Stiftung Preußischer Kulturbesitz trotz zahlloser Interviews, Konferenzen, Aufsätze, Bildbände und Ausstellungen nicht gelungen zu erklären, wie sie sich ihr Haus der Weltkulturen hinter den Schlüterfassaden eigentlich vorstellt. Dass die Dahlemer Museen der Stiftung ein neues Domizil brauchen, ist bekannt; dass das Berliner Schloss mehr sein muss als eine neue Hülle für alte Sammlungen, wissen alle Beteiligten. Aber worin genau die Einzigartigkeit des Humboldt-Forums bestehen soll, lässt sich bis heute nicht genau erkennen.

Mit der Verschiebung kommt nun erst recht die Stunde der Visionen, Podien und Diskurse. Die Chance, auf diese Weise zu der notwendigen Klarheit zu gelangen, ist gering. Wider alle Wahrscheinlichkeit muss man dennoch hoffen, dass sie genutzt wird.

Wolfgang Thierses Instinkt ist richtig

Die anfänglich skeptischen Sozialdemokraten sind inzwischen, zur ewigen Schande des deutschen Konservativismus, die treuesten Freunde des Schlossprojekts geworden. Offenbar haben sie als erste der großen Parteien erkannt, dass sie das preußische Element in ihrer Geschichte nicht verdrängen können, sondern ihm einen sichtbaren Ausdruck geben müssen. Man mag den Enthusiasmus, mit dem sich Politiker wie Wolfgang Thierse für das Schloss und das Einheitsdenkmal einsetzen, für naiv halten, aber Thierses Instinkt ist richtig.

Dieses Land kann nur über Kulturbauten den Anschluss an seine verlorenen Traditionen wiederfinden. Wer es mit Einkaufspassagen und postmodernen Stahl-Glas-Palästen zuschüttet, verstärkt nur die Geschichtsvergessenheit, von der nahezu jede öffentliche Debatte in Deutschland zeugt.

Der Rasen grünt, Blüten trägt er keine

Mindestens vier, vermutlich aber zehn Jahre lang oder noch länger dient nun die fünfstöckige Humboldt-Box, die im kommenden Dezember auf dem Schlossgelände eröffnet wird, als Platzhalter für ein Großvorhaben, das sich die reichste aller europäischen Kulturnationen nicht leisten zu können glaubt. Auch dieser Bau ist ein geschichtliches Sinnbild: Vom Aussichtsturm der Möglichkeiten fällt der Blick des Besuchers auf die Brache der Gegenwart.

Der Rasen, der dort unten grünt, wo das Schloss stehen sollte, ist mit hehren Begriffen und klingenden Phrasen getränkt, aber Blumen trägt er nicht. Die kulturpolitische Gießkanne, die von Berlin aus die föderalen Pflänzchen der Republik mit ihren Wohltaten versorgt, nährt auch ihn. Aber für eine richtige Blüte reicht ihre Kraft nicht aus.

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