16.04.2010 · Der Bauherr trifft den Architekten des Berliner Schlosses: Bundesbau- und Verkehrsminister Peter Ramsauer, bisher kein Freund des Wiederaufbaus mit barocken Zutaten, besucht den Architekten Franco Stella in seinem Atelier. Leitfrage des Treffens war, ob man das, was man will, auch kann.
Von Regina MönchEs ist nicht leicht, den Bundesbau- und verkehrsminister Ramsauer zu verstehen. „An mir zerrt es aus allen Richtungen“, gestand er kürzlich in einem Interview. Er will für wieder seidenglatte Straßen sorgen nach diesem harten Winter, für staufreie Autobahnen und ist bekanntlich auch ein leidenschaftlicher Pianist. Doch wenn er, zumindest bisher, über das Berliner Schloss sprach, dessen Bauherr er schließlich ist, vermittelte er eher den Eindruck eines Rechnungsprüfers, der kurz davor steht, einen Baustopp zu verhängen. Erst traf es die Kuppel, die er, etwas zu großzügig, in ein paar ihm wohl nützlicher scheinende Autobahnkilometer umrechnete, dann traf sein Bannstrahl die barocken Fassaden.
Als er jetzt im Atelier von Franco Stella, den er respektvoll Maestro nannte, vor dessen Schlossmodell stand und aufmerksam zuhörte, wollte man schon hoffen, das Aufrechnen habe ein Ende, zumal der klavierspielende Minister seine kleine Rede mit „Bei uns in der Musik ...“ begann. Er stehe voll und ganz hinter diesem Projekt, versicherte Peter Ramsauer, lobte den „Maestro“ und den tapferen Spendensammler Wilhelm von Boddien und erhob das Berliner Schloss zum „geschichtsträchtigen Symbol für die Wiedervereinigung“.
„Wir haben Zeit“
Doch gleich war er wieder Kaufmann, nach eigenem Bekunden ein vorsichtiger, der an die Haushaltsbeschlüsse des Parlaments gebunden sei. Und offenbar hatte er sich für diesen Nachmittag im Stella-Atelier vorgenommen, dieses Mal nicht aus allen Richtungen an sich zerren zu lassen, sondern an den Plänen seines Gastgebers. Man müsse halt schauen, ob man das, was man will, auch alles kann. So einer der vielen kaufmännisch-rätselhaften Ramsauer-Sätze. Ein anderer sprach von barocken Schmuckelementen, die nicht alle in der Bausumme von 552 Millionen Euro enthalten seien, als sei dem Minister ein Rüschenhemd untergeschoben worden, obwohl er doch uni und schmucklos bestellt hatte. Dann doch ein Bekenntnis zu den drei Barockfassaden, die „wir wollen“, gefolgt von „doch was nützen uns die schönsten Fassaden, wenn nicht auch ein schönes Innenleben“ bezahlt werden könnte. Die Kuppel könne warten. „Wir haben Zeit“, sagte er nebenher. Immerhin besser als Kuppel weg.
Er werde oft missverstanden, klagte der Minister, und es sei schon erstaunlich, wer alles glaube, ihn ermahnen zu dürfen. Klaus Wowereit etwa hatte moniert, dass der Bund jede Woche neue Zweifel säe; und in die Mitte Berlins könne man doch nicht allen Ernstes „ein halbfertiges Gebäude“ stellen. „Ausgerechnet dieser Bürgermeister!“, erregte sich der Minister in Stellas Büro.
Ein nicht gerade kleiner Haken
Franco Stella führte ihn schließlich vorbei an Fassadenaufrissen zu einer Wand, wo Kopien der originalen Architektenzeichnungen zur Schlosskuppel hängen, die einst auch die Schlosskapelle beherbergt hatte, wie der Ausführungsentwurf (unsere Abbildung) zeigt. Freundlich schwieg der Minister und ließ offen, welcher Partei im sich langsam ideologisch aufladenden Kuppelstreit er sich anschließen würde, wäre die Geldfrage geklärt. Argumentiert die Seite der Kuppelgegner mit Schlüter und den größeren preußischen Königen, die das Barockschloss nur ohne Kuppel erlebt hätten, verteidigen sie die anderen als seine architektonische Vollendung. Friedrich Wilhelm IV. ließ erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts anstelle eines noch von Eosander von Göthe geplanten Turmes den Kuppelbau mit der Kapelle drin errichten. Entworfen hat ihn Friedrich August Stüler, der nach Schlüter und Eosander dritte große Schlossarchitekt.
Und natürlich plant das Büro Stella auch darum ein Schloss mit Kuppel. Man sitzt jedoch nicht nur über den Entwürfen, sondern – obwohl der Bauherr daran zu zweifeln scheint – berechnet auch penibel, was wie viel kosten würde. Der Vorentwurf für eine geschlossene Kuppel – auch die Bundesregierung hatte im Juli 2007 verkündet, sie sei Teil der Planung – bleibt selbstverständlich im vorgegebenen Kostenrahmen. Ob sie jedoch dereinst ihre Anmut nach historischem Vorbild wird entfalten können, mit einer schönen Laterne (deren Entwurf fürs gesprengte Original auf Gottfried Schadow zurückgehen soll), mit Balustraden, Profilierungen, Figuren und einem Kreuz obendrauf, das wird wohl doch von den Spenden der Bürger abhängen. Die unscharfen Hinweise des Bundesbauministeriums, Teile der historischen Fassaden könnten auch zeitlich versetzt (was wohl heißen soll, je nach Haushaltslage) hergestellt werden, haben einen nicht gerade kleinen Haken.
Die Warnung des Königs
Es handelt sich beim aufwendigen Fassadenschmuck schließlich nicht um Fertigteile, die man im nächsten Baumarkt bestellt. Die Künstler, die zum Beispiel mit dem Figurenschmuck beauftragt werden sollen, werden Jahre brauchen, um diese Kunstwerke zu schaffen. Sollen sie einen solchen Auftrag nach Treu und Glauben übernehmen und auf eigenen Kredit? Oder auf die Hoffnung des Ministers setzen, mit dem Fortschreiten des gewaltigen Baus werde ein regelrechter Spendensog entstehen?
Das Ökonomische und das Ästhetische als letztlich fiskalischer Konflikt hat sich am Berliner Schloss während seiner langen Geschichte immer mal wieder entzündet: 1817 fand der sparsame König zum Beispiel die sehr überfällige Erneuerung der Balustradenfiguren an der Lustgartenseite zu teuer und vor allem überflüssig. Karl Friedrich Schinkel, der damals in Preußen in ästhetischen Fragen die Bauaufsicht führte, versuchte ihn umzustimmen. In seinem Gutachten, das sich wie ein Manifest zur Verteidigung des Schönen liest, begründete Schinkel nicht nur einleuchtend die Unverzichtbarkeit des kunstvollen Schmucks, sondern machte auch vernünftige Finanzierungsvorschläge. Er warnte zudem seinen König vor dem Ansehensverlust, was man heute vielleicht Imageschaden nennen würde: „Welch einen widrigen Eindruck würde es im Lande und im Auslande machen, wenn nach so glänzenden Ereignissen in der Geschichte das Königliche Schloss in Berlin eines Hauptschmuckes beraubt würde aus einem ökonomischen Grunde.“
Ach, wär doch einer wie Schinkel!
Jorge Loma (JorgeLoma)
- 16.04.2010, 20:12 Uhr
Man sollte sich mit dem Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosse Zeit lassen,
Lothar W. Pawliczak (LotharPawliczak)
- 17.04.2010, 11:29 Uhr
Geistige Lehre unserer Regierenden
Daniel Wolfgang Engeldinger (SOLAND33)
- 17.04.2010, 11:41 Uhr
Wer zahlt den Blödsinn?
Marcel Meier (MarcelMeier)
- 17.04.2010, 13:37 Uhr
Bezahlen
Michael Looman (micalo66)
- 17.04.2010, 13:49 Uhr