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Berliner Kunstfund Unter dem Pflaster die Tänzerin

Die Kunst aus den Trümmern: Vor dem Roten Rathaus in Berlin wurden beim U-Bahn-Bau Werke ausgegraben, die von den Nationalsozialisten für ihre Schau „Entartete Kunst“ eingezogen worden waren. Indizien weisen auch auf den Besitzer der Kunstwerke.

© AFP Vergrößern Um den Fundzustand zu dokumentieren, wurde Marg Molls „Tänzerin” nur teilweise gereinigt.

Auf den ersten Blick könnte man das "Stehende Mädchen" von Otto Baum für ein antikes Fundstück halten. Für eine Votivfigur, an die sie äußerlich erinnert, ist Baums schlanke Bronze mit fünfundsechzig Zentimetern zwar zu hoch, doch ihr grünlich verwitterter Zustand zeugt von den Zerstörungen der Zeit, und ihr quadratischer Sockel hat sich unter starkem Druck oder großer Hitze verbogen. Aber das "Stehende Mädchen" ist keine Hinterlassenschaft der klassischen Griechen, sondern ein Gruß aus der jüngeren deutschen Vergangenheit. Einst ein bedeutendes Exponat der nationalsozialistischen Wanderausstellung "Entartete Kunst", galt Otto Baums Skulptur seit dem Zweiten Weltkrieg als verschollen. Jetzt wurde sie wiederentdeckt: im Schutt des mittelalterlichen Stadtzentrums vor dem Roten Rathaus in Berlin.

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In anderen europäischen Großstädten treffen Archäologen nur ausnahmsweise auf Fundschichten aus dem zwanzigsten Jahrhundert. In Berlin ist diese Begegnung beinahe die Regel: Wo immer in der Mitte der Stadt gegraben wird, öffnet sich die Pandorabüchse der deutschen Geschichte. Deshalb konnte es niemanden wundern, dass die Grabungsarbeiten für den Bau der U-Bahnlinie 5 auf dem Gelände des 1865 abgerissenen spätgotischen Berliner Rathauses (F.A.Z. vom 4. November) auch Trümmer der im Bombenkrieg zerstörten Altstadt zu Tage förderten.

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Als erstes ein Bronzekopf

Überraschend war allerdings, was die Archäologen des Landesdenkmalamts im Januar dieses Jahres zwischen den Trümmerhaufen der einstigen König- und heutigen Rathausstraße fanden: einen von Mörtel verklebten Bronzekopf, der nach gründlicher Reinigung als Werk des Bildhauers Edwin Scharff (1887 bis 1955) identifiziert wurde. Scharffs Porträt der Filmschauspielerin Anni Mewes war 1937 in München als "entartet" beschlagnahmt worden und später vermisst; vor seinem Verschwinden hatte es sich im Besitz des Reichspropagandaministeriums befunden.

Berliner Skulpturenfund © dpa Vergrößern Bildnis der Schauspielerin Anni Mewes von Edwin Scharff aus dem Jahr 1921

Durch diesen Fund aufgerüttelt, begannen die Ausgräber, das Areal genauer zu erforschen. Im August wurden sechs weitere Bronzen und Terrakotten gefunden, die sämtlich zum einstigen Bestand der "entarteten Kunst" gehörten, darunter ein abstrakter "Kopf" des in Majdanek ermordeten Otto Freundlich (1878 bis 1943), eine expressionistische "Tänzerin" von Marg Moll (1884 bis 1977), Otto Baums Mädchenstatuette und das obere Stück einer "Schwangeren" der späteren Documenta-Teilnehmerin Emy Roeder (1890 bis 1971), die in der Propagandaausstellung der Nazis an prominenter Stelle figurierte. Eine Nachgrabung Ende Oktober brachte noch einmal vier Kunstwerke ans Tageslicht. Insgesamt fand man acht inzwischen eindeutig zugeschriebene und vier noch unidentifizierte Skulpturen, die unter Aufsicht der Stiftung Preußischer Kulturbesitz gereinigt wurden und ab heute im Griechensaal des Neuen Museums zu sehen sind.

Aus dem Besitz des Treuhandanwalts Erhard Oewerdieck?

Wie kamen die Bronzen aus dem Keller von Goebbels' Ministerium, in dem die nicht zum Verkauf vorgesehene "entartete" Kunst gelagert wurde, in den Bombenschutt der Königstraße? Die Verteilung der Funde zeige, so die Berliner Archäologen, dass die Skulpturen aus den oberen Stockwerken durch die brennenden Decken in den Keller gestürzt seien. Sie standen also in einer der Wohnungen. In dem 1942 "arisierten" Haus Nr. 50 jedoch wohnte der als Retter mehrerer jüdischer Mitbürger bekannte und in Yad Vashem geehrte Treuhandanwalt Erhard Oewerdieck (1893 bis 1977). Sein Tresor mit Geschäftspapieren wurde gleichfalls unter den Trümmern gefunden. Noch gibt es keine Unterlagen, die Oewerdieck als Besitzer der Kunstwerke ausweisen, doch die Indizien zeigen deutlich auf ihn.

Gut sechzehntausend Stücke, darunter Hauptwerke des deutschen Expressionismus, verzeichnete die 1937 erstellte Liste "entarteter" Kunst. Viele davon gelten als verloren. Elf von ihnen hat die Berliner Erde jetzt unter abenteuerlichen Umständen freigegeben. Unsere Antike, das sieht man, ist nicht weit. Sie liegt direkt unter dem Trottoir.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 09.11.2010, 12:29 Uhr

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