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Veröffentlicht: 30.05.2014, 16:15 Uhr

Berliner Kunstbiennale Diese schönen Dinge, die keine Kunst sind

Die Berlin-Biennale für Kunst zieht in diesem Jahr ins Ethnologische Museum in den Westen der Hauptstadt um. Was sucht sie dort - und was findet sie?

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Die Berliner Kulturpolitik leidet unter einem Arche-Noah-Komplex. Was es an wichtiger Kunst zu sehen gibt, soll auf die Museumsinsel gebracht werden, so als werde alles, was jenseits von ihr liegt, bald von einer Sintflut davongespült: Die Ethnologischen Sammlungen, die derzeit in einem wunderbaren Museum im Westen der Stadt gezeigt werden, sollen ins neue Stadtschloss, das gerade als monumentale Betonrekonstruktion in den Berliner Himmel wächst und darauf wartet, mit einem Fassadenmäntelchen in Nostalgie-Optik umhüllt zu werden. Die Gemäldegalerie soll, allen Nichtmachbarkeitsstudien zum Trotz, nun doch noch irgendwie vom Kulturforum an die Museumsinsel ziehen, und die Orte für Gegenwartskunst befinden sich ohnehin fast alle in Berlins Mitte - eine Konzentration, die vor allem den Touristenbussen entgegenkommt, die dann für „Kunst“ in Zukunft nur noch ein- bis zweimal halten müssen.

Niklas Maak Folgen:

Und so ist es eines der größten Verdienste des Kurators der achten Berlin-Biennale, Juan Gaitán, und seines Teams, dass sie die alle zwei Jahre stattfindende Kunstschau nicht wieder in Mitte und an ein paar zu Fuß erreichbaren Außenposten, sondern genau dort angesiedelt haben, wo demnächst alles abgeräumt werden soll: in Dahlem, im Westen der Stadt. Dorthin musste zu den Eröffnungstagen das verblüffte Berliner Kunstvolk reisen - Menschen, die das idyllische Einbahnstraßendickicht von Berlin Mitte oft jahrelang nicht verlassen und eher wissen, wie man von der Auguststraße nach Basel oder Sankt Moritz kommt, als dass sie den Weg zu den Dahlemer Sammlungen beschreiben könnten.

Der ethnologische Bick

Man sah sie mit vom Regen aufgeweichten Faltplänen und feuchten iPhones in den Berliner Villenvororten stehen, verzweifelt die wenigen sichtbaren Einheimischen ansprechend: Ist dies da jetzt das Asiatische Museum? Wie kommen wir zum Waldhaus? Das aber „Haus am Waldsee“ heißt, früher einer der wichtigsten Kunst-Orte West-Berlins war und ebenfalls einen Teil der Biennale beherbergt; sie wird diesmal zu einer selbst fast ethologischen Expedition in eine Kulturwelt, die bald zur Vergangenheit gehören wird.

Der ethnologische Blick dominiert die Ausstellung auf mehreren Ebenen. Saâdane Afif hat einen Licht-und-Lautsprecher-Mast des Bahnhofs von Düren nachgebaut. „Ach-tung. Zug heute / ohne Halt / in Wattenscheid, ich wieder / hole“ schnarrt eine Stimme, und es wird einem bewusst, wie seltsam das Durchsagedeutsch, der komisch scheppernde Silbenfall, jemandem vorkommen muss, der es zum ersten Mal hört. Ein Porträt Deutschlands, seiner zu sehr aufgeräumten, kalten Atmosphäre, in wenigen Objekten? Bitte sehr: Lautsprecher, obsessives Flutlicht, serifenfreies, kaltsachliches Hinweisschild, Ordnung, klare Ansage, Zug hält nicht in der übergroßen Leere der Provinz.

Ein paar Räume weiter hat Wolfgang Tillmans in einen Raum über Nordamerikas Indianer und die ersten Kontakte zu den Europäern verschiedene Gegenstände und Fotografien so kunstvoll eingefügt, dass immer neue Rückkopplungen zwischen den sehr subjektiven Aufnahmen und den repräsentativen Gegenständen der Sammlung entstehen: Ein Turnschuh erscheint wie ein uralter Fetisch, ein Bild zeigt einen aufgebrochenen Hummer so, als sei er selbst eine phantastische amerikanische Landschaft voller Bizarrheiten und Versprechen.

Weniger Platz hätte ausgereicht

Gegenüber tauchen neben Relikten indianischer Kultur Aufnahmen der mexikanischen Grenze und das im Flugzeug fotografierte Schild „Elbow Room“ auf, es entsteht ein eindringliches persönliches Porträt des heutigen Amerikas. Vieles wirkt wie Ethnologie mit umgekehrter Blickrichtung: Otobong Nkanga präsentiert das Mineral Glimmer, das in Kosmetika ebenso Verwendung findet wie bei Radaranlagen, und erzählt davon ausgehend die Geschichte einer neuen Kolonialisierung. Jimmy Robert aus Guadeloupe zeigt in einem Film, wie eine Dragqueen vor einem Bauwerk von Oscar Niemeyer so tanzt, als wolle sie die brasilianisch überhitzte Moderne noch heftiger in Bewegung setzen, Alberto Baraya entdeckte in Berlins Läden einen erstaunlichen Artenreichtum an Plastikblumen und präsentiert sie in Vitrinen wie Humboldtsche Funde.

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