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Berliner Kulturpolitik : Rettet die Gemäldegalerie!

Seit 1998 residiert die kostbare Galerie Alte Meister am Berliner Kulturforum. Für ein Forum der Moderne soll sie nun umverlagert und verkleinert werden - das Debakel kopfloser Kulturpolitik.

          Der 1. April ist nun auch schon mehr als zwölf Wochen her: Damit sinken die Chancen, dass sich der Plan, den sich die örtlichen Kulturpolitiker für die Zukunft der Berliner Gemäldegalerie ausgedacht haben und der dank einer großzügigen Bewilligung von Bundesgeldern auch Realität zu werden droht, doch noch als schlechter Aprilscherz entpuppt.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Was passiert in Berlin? Um die Dramatik dessen zu verstehen, was hinter der Ankündigung steckt, auf absehbare Zeit eine der bedeutendsten Altmeister-Sammlungen der Welt nur noch „in komprimierter Weise“ zu zeigen, muss man sich vorstellen, dass die Leitung des Metropolitan Museum in New York plötzlich entschiede, Poussin und Goya vorerst ins Depot zu tun und stattdessen erstklassige Designermöbel in den so freiwerdenden Räumen zu zeigen. Eine solche Idee würde in New York für einen dummen Scherz gehalten werden, und schlüge es jemand ernsthaft vor, würde er schnellstmöglich entlassen.

          Nachvollziehbar und sogar reizvoll

          Nicht so in Berlin: Hier kann kein Vorschlag irre und undurchdacht genug sein, um nicht sofort umgesetzt zu werden. Der neueste, in einer Nacht-und-Nebel-Aktion verabschiedete: die seit 1998 am Kulturforum beheimatete Gemäldegalerie auszuräumen, in Teilen auf die Museumsinsel zu bringen und die dort nicht unterzubringenden Gemälde zu magazinieren, bis Geld für den Umbau der inselnahen Kasernen verfügbar ist. Die Altmeistergalerie dagegen soll Teile der Sammlung Marx und die private Sammlung Pietzsch aufnehmen, um das Kulturforum zum Zentrum für das zwanzigsten Jahrhundert zu machen.

          Der Plan geht auf damalige Überlegungen des ehemaligen Generaldirektor Peter-Klaus Schuster zurück. Das gigantische Revirement der Berliner Museumslandschaft, das ihm einst vorschwebte, ist als Plan nachvollziehbar und sogar reizvoll - funktioniert aber nur, wenn man ähnliche Geldreserven wie Abu Dhabi und Qatar besitzt. Für Schusters Idee, mit einer Museumsinsel der klassischen Künste samt Schloss mit Dahlemer Sammlungen in Mitte, einer metaphorischen Zweiten Museumsinsel des zwanzigsten Jahrhunderts am Kulturforum, für die man dann einen Großteil der Gemäldegalerie umbauen müsste, um sie dem zwanzigsten Jahrhundert anzupassen, sowie für die Umwandlung des dann freien Hamburger Bahnhofs in ein Haus des 21. Jahrhunderts, brauchte man, realistisch betrachtet, zwischen 700 Millionen und einer Milliarde Euro - wenn das Schloss nicht ohnehin viel teurer wird.

          „Vorübergehend“ heißt: auf unbestimmte Zeit

          Solange diese Summe nicht da ist, sollte niemand umzuräumen beginnen - schon gar nicht das Wertvollste, was Berlin an Kunst hat, verschwinden lassen. Auch wenn es offiziell nur vorübergehend ist. Man weiß, was „vorübergehend“ im Planungschaos des stadtgewordenen Dauerprovisoriums Berlin meist heißt: auf unbestimmte Zeit.

          Es geht bei diesem Plan nicht nur - was schlimm genug wäre - darum, vorübergehend einige Gemälde ins Depot zu stellen, um sie ein paar Jahre später umso besser präsentieren zu können. Es geht um eine grundlegende Verlagerung der Gewichte und Prioritäten in der Museumspolitik: Teil des Dilemmas ist, dass auch vielen kunstinteressierten Politikern erst einmal die Bedeutung der Berliner Gemäldegalerie erklärt werden muss. Sie birgt eine der bedeutendsten Sammlungen europäischer Malerei vom dreizehnten bis zum achtzehnten Jahrhundert: Tizian, Rubens, van Eyck und Velázquez, Hieronymus Bosch und Lucas van Leyden, Frans Hals, Masaccio, Fra Angelico, Parmigianino, Giorgione, Lorenzo Lotto, Sebastiano del Piombo.

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