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Berliner Gemäldegalerie Was machbar ist, muss nicht richtig sein

 ·  Eine Machbarkeitsstudie entscheidet über den Umzug der Gemäldegalerie am Kulturforum. Ihr Ergebnis, heißt es, werde alle befriedigen. Das darf man bezweifeln.

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Bernd Neumann, seit bald acht Jahren Kulturstaatsminister, nutzt den Jahresanfang gern dazu, sich in den Kernfragen seines Amtsbereichs zu positionieren. Die Gelegenheit, mit einer dpa-Reporterin ein längeres Interview zu führen, kam ihm deshalb gerade recht, und die Themen lagen auch schon bereit: einerseits der geplante Umzug der Gemäldegalerie, andererseits die seit zehn Jahren beschlossene Errichtung des Humboldtforums alias Berliner Schloss. Letztere scheint nach längerer Planungs- und Diskussionszeit und trotz der sinnlos populistischen Bauverschiebung vor drei Jahren nun endlich in Gang zu kommen: Schon im Mai, verspricht Neumann, werde der Grundstein gelegt; man habe sich bewusst entschieden, den Baubeginn noch vor der Bundestagswahl anzusetzen. So wird auf dem noch leeren Schlossplatz wohl schließlich doch entstehen, was der sogenannten fortschrittlichen Architektenschaft ein Graus und für die meisten anderen eine Verheißung ist: ein Museumsgebäude im Geist und in den Formen Schlüters, das Berlin eine neue Mitte gibt.

Die Frage, was aus der Gemäldegalerie am Berliner Kulturforum werden soll, wird hingegen durch eine Machbarkeitsstudie entschieden, die Neumann im Herbst beim Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR) in Auftrag gegeben hat. Die Bekanntgabe des Ergebnisses ist für März angekündigt, aber schon drei Monate vorher bemüht sich der Minister, auf allen Seiten die Gemüter zu beruhigen. Das Ehepaar Pietzsch, dessen Sammlung moderner Malerei von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz als Druckmittel für den Umzug benutzt wird, könne sich auf eine „klare Grundsatzentscheidung“ für eine „zukunftsfähige Lösung“ freuen; und die Freunde der Gemäldegalerie müssten nicht befürchten, dass deren „wertvolle Bestände“ für Jahre im Depot verschwinden könnten, selbst dann nicht, wenn eine gemeinsame Präsentation der Alten Meister mit der Skulpturensammlung des Bodemuseums „präferiert“ würde.

Weder realistisch noch plausibel

Dann nämlich werde der Umzug der Gemälde vom Kulturforum auf die Museumsinsel so lange verschoben, bis dort der gegenüber vom Bodemuseum geplante Neubau fertig sei - und das könne „nach Möglichkeit in fünf bis sechs Jahren“ sein. Diese Bemerkung ist einer der beiden Gründe für die Unruhe, die das Interview trotz aller Beruhigungsformeln auslösen muss. Denn Neumann stellt einen Zeitplan in Aussicht, der weder realistisch noch plausibel ist. Allein die Planungs- und Ausschreibungsphase dauert bei öffentlichen Großbauten ungefähr zwei Jahre, und angesichts der städtebaulichen Bedeutung, die einem Galerieneubau gegenüber der Museumsinsel zukäme, kann sich auch niemand eine planerische Übereilung wünschen.

Was aber die Kosten eines neuen Museumsgebäudes angeht, die von Optimisten auf hundertfünfzig Millionen Euro, von Skeptikern auf etwa das Doppelte geschätzt werden, so hat der Kulturstaatsminister anscheinend ein paarmal zu oft den berühmten „Mann mit dem Goldhelm“ in der Gemäldegalerie betrachtet, denn er scheint sich selbst für diesen Mann zu halten. Allein für die Sanierung des Pergamonmuseums, die gerade begonnen hat, muss der Bund bis 2025 knapp vierhundert Millionen Euro ausgeben; der Bau und die Ausstattung des Humboldtforums werden mit etwa sechshundert Millionen Euro beziffert, die zu neunzig Prozent aus Bundesmitteln erbracht werden; und die für 2015 anstehende Sanierung der Neuen Nationalgalerie, die den jetzigen Umzugsstreit überhaupt erst ausgelöst hat, schlägt mit einem zweistelligen Millionenbetrag zu Buche. Neumann aber will in den kommenden Jahren eine weitere Viertelmilliarde aus dem Himmel des Bundeshaushalts herabregnen lassen, um der Preußenstiftung jeden ihrer Wünsche zu erfüllen. Das wird nicht funktionieren.

Protest der europäischen Kunsthistoriker

Der zweite Grund zur Beunruhigung liegt in der Art des Verfahrens selbst. Eine Machbarkeitsstudie prüft ja gerade nicht, ob ein Projekt sinnvoll ist; sie stellt nur fest, ob es durchgeführt werden kann. Eine fairere Methode gebe es nicht, beeilt sich der Minister zu erklären. Auf den zweiten Blick indessen erscheint die Studie eher als spanische Wand, hinter der die Verantwortlichen der Preußenstiftung ihre Umzugspläne weiter vorantreiben. Es liegt in ihrem Interesse, dass das in aller Stille geschieht. Doch man hört so einiges.

So sollen die Kuratoren der Gemälde- und der Skulpturensammlung, in deren Händen die Detailarbeit bei der beabsichtigten Zusammenführung der Sammlungen im Bodemuseum und seinem Erweiterungsbau liegen würde, durchaus nicht einmütig von den Plänen ihrer Stiftungsdirektoren begeistert sein. Und bei diesen selbst regt sich Nachdenklichkeit angesichts des nahezu einmütigen Protests der europäischen Kunsthistoriker, wie sie sich in den Unterschriftenlisten der Aufrufe des Amerikaners Jeffrey Hamburger und des Verbands Deutscher Kunsthistoriker manifestiert. Nur in der angelsächsischen Welt, wo das kulturhistorische Arrangieren künstlerischer Werke eine lange Tradition hat, findet das Projekt nach wie vor breite Unterstützung. Aber reicht sie aus, um das, was machbar ist, auch vernünftig zu finden?

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