Home
http://www.faz.net/-gsa-75kp2
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Berliner Gemäldegalerie Was machbar ist, muss nicht richtig sein

Eine Machbarkeitsstudie entscheidet über den Umzug der Gemäldegalerie am Kulturforum. Ihr Ergebnis, heißt es, werde alle befriedigen. Das darf man bezweifeln.

© dpa Vergrößern Die Gemäldegalerie am Potsdamer Platz.

Bernd Neumann, seit bald acht Jahren Kulturstaatsminister, nutzt den Jahresanfang gern dazu, sich in den Kernfragen seines Amtsbereichs zu positionieren. Die Gelegenheit, mit einer dpa-Reporterin ein längeres Interview zu führen, kam ihm deshalb gerade recht, und die Themen lagen auch schon bereit: einerseits der geplante Umzug der Gemäldegalerie, andererseits die seit zehn Jahren beschlossene Errichtung des Humboldtforums alias Berliner Schloss. Letztere scheint nach längerer Planungs- und Diskussionszeit und trotz der sinnlos populistischen Bauverschiebung vor drei Jahren nun endlich in Gang zu kommen: Schon im Mai, verspricht Neumann, werde der Grundstein gelegt; man habe sich bewusst entschieden, den Baubeginn noch vor der Bundestagswahl anzusetzen. So wird auf dem noch leeren Schlossplatz wohl schließlich doch entstehen, was der sogenannten fortschrittlichen Architektenschaft ein Graus und für die meisten anderen eine Verheißung ist: ein Museumsgebäude im Geist und in den Formen Schlüters, das Berlin eine neue Mitte gibt.

Andreas  Kilb Folgen:    

Die Frage, was aus der Gemäldegalerie am Berliner Kulturforum werden soll, wird hingegen durch eine Machbarkeitsstudie entschieden, die Neumann im Herbst beim Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR) in Auftrag gegeben hat. Die Bekanntgabe des Ergebnisses ist für März angekündigt, aber schon drei Monate vorher bemüht sich der Minister, auf allen Seiten die Gemüter zu beruhigen. Das Ehepaar Pietzsch, dessen Sammlung moderner Malerei von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz als Druckmittel für den Umzug benutzt wird, könne sich auf eine „klare Grundsatzentscheidung“ für eine „zukunftsfähige Lösung“ freuen; und die Freunde der Gemäldegalerie müssten nicht befürchten, dass deren „wertvolle Bestände“ für Jahre im Depot verschwinden könnten, selbst dann nicht, wenn eine gemeinsame Präsentation der Alten Meister mit der Skulpturensammlung des Bodemuseums „präferiert“ würde.

Weder realistisch noch plausibel

Dann nämlich werde der Umzug der Gemälde vom Kulturforum auf die Museumsinsel so lange verschoben, bis dort der gegenüber vom Bodemuseum geplante Neubau fertig sei - und das könne „nach Möglichkeit in fünf bis sechs Jahren“ sein. Diese Bemerkung ist einer der beiden Gründe für die Unruhe, die das Interview trotz aller Beruhigungsformeln auslösen muss. Denn Neumann stellt einen Zeitplan in Aussicht, der weder realistisch noch plausibel ist. Allein die Planungs- und Ausschreibungsphase dauert bei öffentlichen Großbauten ungefähr zwei Jahre, und angesichts der städtebaulichen Bedeutung, die einem Galerieneubau gegenüber der Museumsinsel zukäme, kann sich auch niemand eine planerische Übereilung wünschen.

Kulturstaatsminister Bernd Neumann © dpa Vergrößern Kulturstaatsminister Bernd Neumann spricht am 24.03.2012 während des Landesparteitages der CDU Bremen.

Was aber die Kosten eines neuen Museumsgebäudes angeht, die von Optimisten auf hundertfünfzig Millionen Euro, von Skeptikern auf etwa das Doppelte geschätzt werden, so hat der Kulturstaatsminister anscheinend ein paarmal zu oft den berühmten „Mann mit dem Goldhelm“ in der Gemäldegalerie betrachtet, denn er scheint sich selbst für diesen Mann zu halten. Allein für die Sanierung des Pergamonmuseums, die gerade begonnen hat, muss der Bund bis 2025 knapp vierhundert Millionen Euro ausgeben; der Bau und die Ausstattung des Humboldtforums werden mit etwa sechshundert Millionen Euro beziffert, die zu neunzig Prozent aus Bundesmitteln erbracht werden; und die für 2015 anstehende Sanierung der Neuen Nationalgalerie, die den jetzigen Umzugsstreit überhaupt erst ausgelöst hat, schlägt mit einem zweistelligen Millionenbetrag zu Buche. Neumann aber will in den kommenden Jahren eine weitere Viertelmilliarde aus dem Himmel des Bundeshaushalts herabregnen lassen, um der Preußenstiftung jeden ihrer Wünsche zu erfüllen. Das wird nicht funktionieren.

Protest der europäischen Kunsthistoriker

Der zweite Grund zur Beunruhigung liegt in der Art des Verfahrens selbst. Eine Machbarkeitsstudie prüft ja gerade nicht, ob ein Projekt sinnvoll ist; sie stellt nur fest, ob es durchgeführt werden kann. Eine fairere Methode gebe es nicht, beeilt sich der Minister zu erklären. Auf den zweiten Blick indessen erscheint die Studie eher als spanische Wand, hinter der die Verantwortlichen der Preußenstiftung ihre Umzugspläne weiter vorantreiben. Es liegt in ihrem Interesse, dass das in aller Stille geschieht. Doch man hört so einiges.

Mehr zum Thema

So sollen die Kuratoren der Gemälde- und der Skulpturensammlung, in deren Händen die Detailarbeit bei der beabsichtigten Zusammenführung der Sammlungen im Bodemuseum und seinem Erweiterungsbau liegen würde, durchaus nicht einmütig von den Plänen ihrer Stiftungsdirektoren begeistert sein. Und bei diesen selbst regt sich Nachdenklichkeit angesichts des nahezu einmütigen Protests der europäischen Kunsthistoriker, wie sie sich in den Unterschriftenlisten der Aufrufe des Amerikaners Jeffrey Hamburger und des Verbands Deutscher Kunsthistoriker manifestiert. Nur in der angelsächsischen Welt, wo das kulturhistorische Arrangieren künstlerischer Werke eine lange Tradition hat, findet das Projekt nach wie vor breite Unterstützung. Aber reicht sie aus, um das, was machbar ist, auch vernünftig zu finden?

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Berliner Modewoche – Tag 1 Die Party geht doch weiter

Der erste Tag der Fashion Week zeigt, welche Bedeutung die Mode für Berlin hat – und warum sich das dringend ändern sollte. Mehr Von Florian Siebeck und Jennifer Wiebking, Berlin

20.01.2015, 06:56 Uhr | Stil
Art Detective Kunstdetektive spielen Sherlock Holmes

In den Archiven der staatlichen Museen in Großbritannien lagern mehr als 30.000 alte Gemälde, über die so gut wie nichts bekannt ist. Kunsthistoriker sind mit der Recherche überfordert und wenden sich mit der Initiative "Art Detective" an die Öffentlichkeit. Kunstinteressierte Laien recherchieren den Hintergrund der Werke. Mehr

17.12.2014, 18:02 Uhr | Feuilleton
Opel-Gesamtbetriebsratschef Wir sind wieder die Gewinner

In schwerer Zeit wurde Wolfgang Schäfer-Klug bei Opel zum obersten Arbeitnehmervertreter gewählt. Nun sieht er die Marke mit dem Blitz auf der Überholspur und nennt neue Stellen ein Dauerthema. Mehr

21.01.2015, 14:26 Uhr | Rhein-Main
25 Jahre Mauerfall Erschöpft in Willy Brandts Auto

Barbara Klemm sind im Wendeherbst 1989 historische Bilder an der Berliner Mauer gelungen. Im Videointerview erinnert sich die vielfach ausgezeichnete F.A.Z.-Fotografin an die bewegenden Tage und ihre Autofahrt mit Willy Brandt. Mehr

20.10.2014, 15:07 Uhr | Politik
Erzähl mir vom Krieg! Vier Frauen der Schreibfront

Matthias Sträßner seziert Tagebücher von Frauen, die den Zusammenbruch des Dritten Reiches in Berlin und den Beginn der Besatzungszeit beschrieben: Ruth Andreas-Friedrich, Ursula von Kardorff, Margret Boveri und Marta Hillers. Wie authentisch sind ihre Aufzeichnungen? Mehr Von Rainer Blasius

26.01.2015, 09:56 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 07.01.2013, 17:20 Uhr

Der süße Qualm von Anarchie

Von Mark Siemons

Seit die Menschen nur noch gesund leben wollen, geraten Raucher immer mehr unter Rechtfertigungszwang. Eine Podiumsdiskussion in Berlin feierte nun das Recht auf lasterhaftes Leben. Mehr 1