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Berliner Gemäldegalerie : Ist das nicht Bismarck?

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Aufstieg und Fall eines weltberühmten Gemäldes: Nicht Rembrandt malte den „Mann mit dem Goldhelm“. Ein genauer Blick auf das Bild lohnt sich dennoch.

          Im Jahre 1890 erreichte den Direktor der Berliner Gemäldegalerie, Wilhelm Bode, die Fotografie von einer Leinwand aus Schweizer Privatbesitz; es gehe, so wurde ihm mitgeteilt, um ein Rembrandtbild. Bode schickte das Foto umgehend zurück. Doch 1897 erreichte es ihn, jetzt als Original, wiederum, diesmal aus London. Jetzt griff Bode, nach Beratung mit seinem Restaurator, zu und erwarb das Bild für zwanzigtausend Reichsmark. Er hatte erkannt, dass aus dem Stück etwas zu machen sei, da, so schreibt er später, „unter dem argen Schmutz“ sich ein Bild von Rembrandt „als völlig erhalten erwies“.

          Warum Bode plötzlich dieses Interesse gewonnen hat und sich auf einen Erwerb einließ, darüber lassen sich Vermutungen anstellen. Er hatte ein Jahr zuvor den „Verein der Freunde des Kaiser-Friedrich-Museums“ gegründet, in dem die Großen der Berliner Gesellschaft als Sponsoren vertreten waren. Rembrandts „Goldhelm“ ist unter den ersten Erwerbungen dieses Vereins und als Leihgabe an die Gemäldegalerie weitergegeben worden. Für beide Institutionen ist das Bild lange eine Art Reklameschild gewesen, das durch kolorierte Postkarten und zahllose Abbildungen der deutschen Seele angedient wurde.

          Von Restaurierungen geprägt

          Dass der Mann unter dem Goldhelm zu einem nationalen Symbol werden konnte, verdankt er auch seiner Physiognomie. Sie erinnert an manches der über achthundert Bildnisse, die der Maler Franz Lenbach in der Gründerzeit von Bismarck gemacht hat. Der Vergleich Bismarcks mit Rembrandt ist im Kultbuch dieser Jahre, in dem Buch von Julius Langbehn mit dem Titel „Rembrandt als Erzieher“, das Bode auch wohlwollend rezensiert hat, festgehalten: „An Gleichgültigkeit gegen die Tradition, an ,Keckheit des Wurfs’ gleicht Bismarcks Staatskunst einem Bilde Rembrandts.“

          Die letzten Restaurierungen haben offenbart, in welch hohem Maße die Restaurierung von 1897 auch das Gesicht des Mannes unter dem Goldhelm geprägt hat, so dass es alle Stimmungen des vorigen Jahrhunderts bedienen konnte. Lenbachs Vorlagen wurden auch im zwanzigsten Jahrhundert noch kopiert. Das hier abgebildete Gemälde stammt höchstwahrscheinlich von dem österreichischen Kunsthistoriker Hans Sedlmayr, der nicht nur mit seiner These über den „Verlust der Mitte“ 1948 Furore machte, sondern sich offenkundig auch im Malen übte.

          Eine folgenreiche Deutung im Jahr 1972

          Die Literatur über Rembrandt hat einiges dazu beigetragen, dass die Physiognomie, in der Bode noch diejenige von Rembrandts Bruder Adriaen, einem armen Schuster, erkennen wollte, immer geheimnisvoller wurde. Richard Hamann sah 1948 „das Gesicht eines alten Kondottiere“, der „mürrisch, unfroh, die Augen nach innen blickend, resigniert“ sei, so dass der Mann „bedrückt vom Goldhelm, einem Symbol des Glanzes, um sein Menschsein betrogen“ erscheine. Ein Museumskatalog von 1975 hat dem Träger des Helms einen „allerhöchsten militärischen Rang“ bescheinigt und ein „Gesicht voll drohender Kraft“ gesehen.

          Der Hamburger Kunsthistoriker Wolfgang Schöne hatte der Akademie der Wissenschaft zu Göttingen 1972 eine Deutung vorgetragen und auch veröffentlicht, die er in eine Gesamtwürdigung der politischen Ikonographie Rembrandts eingebettet hat. Er konnte noch davon ausgehen, dass „niemand je daran gezweifelt hat, dass es ein eigenhändiges Werk von Rembrandt und um 1650 entstanden ist“. Schönes wohlbegründete These, dass es sich um ein „Bildnis des Mars nach dem Schweigen der Waffen“ handle, ist weithin akzeptiert worden. Die Idee des ruhenden oder zur Ruhe gekommenen, deshalb in sich gekehrten Mars ist in zahlreichen Graphiken des 17. Jahrhunderts bildlich und literarisch vorgetragen worden.

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