30.09.2005 · Minimalistisch bis wohltuend: In Berlin eröffnen Biennale, Artforum sowie eine Flick- und eine Picasso-Schau. Diese Woche ist die Hauptstadt also im Ausstellungsrausch, und es öffnet sich eine merkwürdige Welt.
Von Niklas Maak, BerlinWo man sich nach Subkultur sehnt, ist diese meistens nicht zu finden, das gilt sogar für die subkulturreiche Stadt Berlin. Zum dritten Mal wurde dort der „Preis der Nationalgalerie für junge Kunst“ unter vier Kandidaten vergeben, die alle unter vierzig sein und in Berlin arbeiten mußten; diesmal ging die Auszeichnung an die 40jährige Monica Bonvicini, die in einem Raum des Hamburger Bahnhofs eine strenge Konstruktion aus Ketten und Lederschaukeln errichtet hatte, wie sie in Sex-Clubs üblich sind (F.A.Z. vom 29. September). Indem SM-Subkultur „demonstrativ in einen öffentlichen Rahmen“ gestellt werde, hieß es in der Presseerklärung, lade man dazu ein, sich mit „Prozessen der Subkultur der 1960er Jahre“ auseinanderzusetzen. Aber der kettenrasselnden Einladung zur Subkultur war man anderswo in Berlin schon auf ganz andere Weise gefolgt.
Während man sich im Hamburger Bahnhof noch mit der Definition des künstlerischen Jungseins und der Subkultur herumschlug, überraschten zwei eindeutig junge Kuratoren mit der Entdeckung entschlossen alter Künstler: Massimiliano Gioni und Ali Subotnick, die zusammen mit dem Künstler Maurizio Cattelan die vierte Berlin-Biennale für zeitgenössische Kunst leiten, erklärten diese unerwartet früh für eröffnet. Der Ort, an dem sich die Biennale bis zu ihrem offiziellen Beginn im März 2006 warmläuft, ist ein Raum in der Auguststraße 50 A. Für Aufsehen und Irritation sorgte im Vorfeld der Name der neuen Einrichtung: Die Kuratoren haben der renommierten „Gagosian Gallery“ den Namen gestohlen und verschicken nun fröhlich Einladungskarten als „Gagosian Berlin“. „Guerilla-Franchising“ nennt Cattelan dieses Vorgehen, das genauso für die gewünschte Aufmerksamkeit sorgte wie die Figur des von einem Kometen erschlagenen Papstes, die ihn berühmt machte.
Träumende Schokoladentafeln
Schon einmal hatten die drei Kuratoren einen eigenwilligen Ort gegründet - seit 2002 betreiben sie die nur nach einer Galerie aussehende „Wrong Gallery“, die man nicht betreten kann und die auch nichts verkauft. Die falsche „Gagosian“ dagegen kann betreten werden - und zeigt zwei der ältesten in Berlin lebenden Künstler, nämlich Dorothy Iannone, die Lebensgefährtin des 1998 verstorbenen Dieter Roth, und ihren gemeinamen Freund Emmett Williams, der zu den Gründern der Fluxus-Bewegung gezählt wird. „Berlin Beauties“ ist eine extrem bunte, eroto-anarchische, vor Komplimenten und Liebeserklärungen sprühende Bildkakophonie von Videos, Zeichnungen, Schallplatten, Wandcomics und Skulpturen, in denen Williams, Iannone und Roth ihre Freundschaft dokumentierten - und das Verhältnis von individueller Erfüllung und gesellschaftlichem Glück ausloteten.
Eine der Arbeiten heißt „Eine Tafel Schokolade davon träumend, Dieter Roth zu sein“, eine andere, die eine wilde Beziehung vorführt, „Aua Aua Box“. Die Werke, die viel aktueller, energiegeladener und erfindungsreicher wirken als vieles, was auf der Messe an halbherzig hingepinselter Kunstmarktkunst zu finden ist, machen die Ausstellung zu einem historischen Bewußtseinssprengsatz: Sie zeigt, welche Energie einmal in dieser Stadt existierte - und woran man anknüpfen könnte.
Im kuratorischen Mixer durchgequirlt
Wie nötig ein solcher Bewußtseinsort ist, zeigt sich beim Blick in den Hamburger Bahnhof. So löblich ein Preis für Künstler ist, die auch einmal jung waren - drei der vier nominierten sind knapp unter oder gerde vierzig und wurden schon vor zehn Jahren zu den bekannteren jungen Künstlern gezählt - es bringt nicht viel, wenn das Interesse am Glamour eines Berliner Kunst-Oscarchens nicht in ein kontinuierliches Interesse an Gegenwartskunst mündet.
Davon kündet die Ausstellung, die unter dem Titel „Fast nichts - minimalistische Werke aus der Sammlung Flick“ in die Hallen des Hamburger Bahnhofs gestellt wurde, sicherlich nicht. Die Schau zeigt, wie unbekümmert die Bestände der Sammler, in diesem Fall aus dem Fundus von Flick und Marzona, in den kuratorischen Mixer gehauen und so lange durchgequirlt werden, bis sie unter ein griffiges Label passen. So müssen, weil sie nun einmal im Haus sind, Arbeiten von Bruce Nauman und Thomas Ruff, Robert Smithson und Anri Sala als durchaus minimalistisch verkauft werden, eine terminologische Überdehnung, die dem strengen Begriff nicht besonders gut bekommt. Der Besucher darf sich wundern, warum in einer Themenausstellung zum Minimalismus, die einige beachtliche Werke zu bieten hat, ausgerechnet Donald Judd fehlen darf, dafür Abwegiges, das mit Minimalismus „fast nichts“ zu tun hat, in einer mühsamen terminologischen Bastelarbeit zum Minimalismus erklärt wird. Die Betreuung von Flick bindet offensichtlich die nötigen Mittel und kuratorischen Energien für das, was eine wirkliche Themenausstellung mit Leihgaben von außen leisten könnte.
Das Grundproblem der Gegenwartskunst: das zu große Interesse an ihr
Wie stark der Markt nicht nur die Kunstpräsentation, sondern auch ihre Produktion im Griff hat, zeigt sich auch auf dem Artforum. Dort offenbart sich, daß ein Grundproblem der Gegenwartskunst das zu große Interesse an ihr ist. Es gibt zu viele Sammler, deswegen zuviel eilig hingehauene Kunst. Zeitgenössische Kunst ist in vielerlei Hinsicht der Nachfolger der New Economy; die Rituale der Kunstmessen gleichen denen der Dot-Com-Branche verblüffend, nur daß die Ware den Käufern zusätzlich zum Spekulationsgewinn noch ein schmeichelhaftes Lebensgefühl, nämlich den Glauben, vermittelt, zur Kulturelite zu gehören.
Daß der bisher ungebremste Höhenflug des Kunsthandels so enden könnte wie vor Jahren die Dot-Com-Blase, gilt als wahrscheinlich; die Frage ist bloß, wann. Denkbar, daß spätestens 2007, wenn gleichzeitig die documenta, die Art Basel und die Kunstbiennale eröffnen, offenbar wird, wieviel schlechte Kunst zu überhöhten Preisen in einen von immer weniger Sachkenntnis geprägten Markt geblasen wurde.
Picassos berühmte Ziege
Es ist jedenfalls eine Wohltat, nach dem Besuch des Artforums in die Neue Nationalgalerie zu gehen, wo im Untergeschoß vorübergehend große Teile des Musee Picasso eingezogen sind. Gezeigt werden rund 90 Gemälde und Skulpturen und 80 Arbeiten auf Papier, die der Künstler zeit seines Lebens bei sich behalten hatte. Zu sehen sind die berühmte Ziege und der zum Stier mutierte Fahrradsattel, frühe Porträts und späte Akte und immer wieder Porträts wie das der „Jacqueline mit verschränkten Händen“, in denen Picasso das Verhältnis von Naturform und Artefakt, Körper und Konstruktion auslotet.
Hälse werden zu Pfeilern, Körperteile zu semiabstraktem Strandgut der Malerei, dessen Herkunft rätselhaft ist. Es sind noch heute verstörende Bilder, die vorführen, was der Philosoph Hans Blumenberg als ontologische Monstren beschrieb. War in der klassischen Ontologie die Herkunft eines Dinges eindeutig bestimmbar, so zeigen sich hier Formen, die aus einem unbestimmten Feld zwischen Natur und Kultur, Körperbau und Baukörpern zu stammen scheinen.
Die „Gagosian“ ist ein Hoffnungsschimmer
Es ist eine merkwürdige Welt, die sich in dieser Woche zwischen Artforum und „Gagosian“, Picasso und Iannone auftut. In einer Situation, in der der zwischen Kaufrausch und Kollapsängsten hysterisch schwankende Kunstmarkt sich immer tiefer in die Produktion von Kunst frißt, ist besonders die „Gagosian Gallery“ ein Hoffnungsschimmer. Mit ihr bekommt Berlin einen Ort, an dem regelmäßig, jeden Monat, neue Ausstellungsformen und neue Künstler gezeigt werden - und es ist kein Zufall, daß hier die Wiederentdeckung der alten Helden des Fluxus die größten Erneuerungsenergien produziert.