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Vorantike Kulturschätze : Im Land unter den Schwingen des Adlers

Eine Berliner Ausstellung erkundet die vorantike Hochkultur der Handelsstädte von Margiana. Sie waren die Grundlage für die Zivilisation, wie wir sie heute kennen.

          Die globale Zivilisation, in der wir leben, basiert auf Städten. Das zivilisatorische Modell der Großsiedlung mit Wegenetz, Verwaltungszentrum und eigener Ökonomie, auf dem alle heutigen Städte gründen, entstand vor 5500 Jahren im Mündungsgebiet der Flüsse Euphrat und Tigris am Persischen Golf und wenig später im Tal des Indus. Beide Regionen waren arm an Rohstoffen, weshalb der Großteil des Materials, das für die technische und soziale Entwicklung nötig war, in der Umgebung erworben werden musste: Metall, Edelsteine, Elfenbein, Hölzer, Felle, Pferde. Im Lauf des dritten Jahrtausends vor Christus schob sich die Zone, in der diese Handelsgüter getauscht und die Errungenschaften der städtischen Hochkultur verbreitet wurden, immer weiter nach Norden ins Herz der asiatischen Landmasse vor.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Um die Mitte des Jahrtausends hatte sie das Gebiet des Amu-Darja und des Wüstenflusses Murgab an der Engstelle zwischen dem Kaspischen Meer und dem Hindukusch im heutigen Turkmenistan erreicht. In babylonischen Quellen heißt diese Gegend Magasch. Die Perser, deren Großreich erst zweitausend Jahre später entstand, nannten sie Margiana.

          Nichts zum Verlaufen

          Die Ausstellung, die das Berliner Museum für Vor- und Frühgeschichte der Kultur von Margiana widmet, ist mit zweihundertsechzig Objekten genau richtig dimensioniert. Man kann sich in ihr nicht verlaufen; man kann sie aber auch nicht, wie es im Neuen Museum mit seiner übermächtigen Architektur oft passiert, als Intermezzo abtun. Dazu kommt, dass die Kuratoren sich etwas Besonderes haben einfallen lassen, um den Ort, von dem ihre Exponate stammen, den Hügel von Gonur Tepe in der Wüste Karakum, in der Ausstellung zu visualisieren. Sie haben die Münchner Fotografin Herlinde Koelbl nach Turkmenistan eingeladen, um das Land, die Menschen und die Grabungsstätte aufzunehmen.

          Mit Koelbls Fotos beginnt im Griechischen Hof des Museums der Ausstellungsparcours: Bilder von Lehmziegelmauern im Frühlicht, bronzezeitlichen Brennöfen, Kamelen und Garküchen, von Schülerinnen mit Zöpfen, Männern mit Bärten und Wollkappen und reich geschmückten Bräuten in Rot, von Heldendenkmälern, Betonpalästen und leeren achtspurigen Straßen in der vielfarbig illuminierten Hauptstadt Aschgabat, von wo aus der allmächtige Präsident Gurbanguly Berdimuhamedow sein Volk regiert.

          Links hinten in einer Vitrine nahe am Eingang zu den Gewölben des Tiefgeschosses liegt das ästhetische Glanzstück der Ausstellung. Es ist ein Raubvogel: ein Adler mit angezogenen Krallen, dargestellt in dem Augenblick, in dem er vom Gleit- in den Sturzflug übergeht, um seine Beute zu packen. Kopf, Krallen, Schwanz und Schwingen sind aus weißer Fayence, die Flügelspitzen vergoldet; der ursprünglich hölzerne Körper wurde von den Archäologen durch Gips ergänzt.

          Die Skulptur misst nur achtzehn mal zwölf Zentimeter, doch sie gehört zu den hundert Stücken, die man auf eine Arche der Menschheit mitnehmen müsste. Die perfekte Aerodynamik der Flügel und Schwanzfedern, der Griff der gebogenen Krallen wirken mühelos, wie hingetupft, als wären sie nicht das Resultat von Jahrhunderten der Naturbeobachtung, von Künsten und Techniken, die durch Generationen weitergegeben und verfeinert wurden.

          Gonur Tepe, der Hauptort von Margiana, entstand um 2300 vor Christus und verfiel nach 1600, als sich das Flussbett des Murgab verlagerte und der Handel zwischen Indus und Euphrat und den Steppenregionen nördlich des Aralsees versiegte. Die Stadt bestand aus einer ummauerten Kernsiedlung, die von einem festungsartigen Palast beherrscht wurde, und einer südlich davon gelegenen Zitadelle, die womöglich als Kultzentrum diente. Da die Oxus-Kultur, wie sie in der Wissenschaft genannt wird, keine Schrift kannte, weiß man nichts über die Religion ihrer Bewohner.

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