http://www.faz.net/-gqz-7hk70

Berliner Ausstellung „Geraubte Mitte“ : Unter dem Pflaster ruht die Schuld

  • -Aktualisiert am

Fast ein Fünftel aller Immobilien im Berliner Stadtkern waren Anfang des 20. Jahrhunderts jüdisches Eigentum. In Berlin entlarvt nun die Ausstellung „Geraubte Mitte“ die völlige Geschichtsvergessenheit aktueller Baupläne.

          Die Ausstellung im Berliner Ephraim-Palais ist klein. Aber sie birgt so viel Zündstoff, dass die Debatten über die Bebauung des Berliner Stadtkerns fortan einen anderen Tonfall annehmen werden, ja müssen. Von nun an wird es nicht mehr nur um ein ästhetisches Pro und Contra von Moderne und Tradition gehen: Was wir unter dem Titel „Geraubte Mitte“ sehen, bezeugt, dass alle Baumaßnahmen, die hier nach dem Zweiten Weltkrieg stattfanden, auf einer Unrechtsgeschichte ruhen, die bisher bloß zugeschüttet wurde.

          Berlins Mitte ist die tundraweite Fläche zwischen dem kommenden „Humboldtforum“ an Stelle des Berliner Stadtschlosses und dem Alexanderplatz. Sie liegt zu Füßen des Roten Rathauses. Und während die absonderliche „Humboldtbox“ mittlerweile zu einem der beliebtesten Besuchsorte in der Berliner Stadtmitte geworden ist, weil von ihr aus so hübsch auf die Baustelle des Stadtschlosses zu schauen ist, dient das Areal östlich davon bloß für allerlei Allotria und jugendliche Schlägerbanden. Ansonsten pfeift der Geschichtswind durch die Leere des verwehten Kerns, aus dem das heutige Großstadtgebilde entstanden ist. Nur die gotische Marienkirche, Versammlungsort der stillen Revolution von 1989, versucht, allein gelassen, eine Ahnung davon wach zu halten.

          Effizienter Raub jüdischen Besitzes dank Albert Speer

          Die Kuratoren Benedikt Goebel und Lutz Mauersberger blicken mit ihrer Ausstellung erstmals genauer auf das, was unter dem Pflaster liegt. Den Strand finden sie dabei nicht, doch reichlich Zeugnisse des größten staatlichen Immobilienraubzugs an der jüdischen Bevölkerung, von dem die neuere Geschichte weiß, durchgeführt in den dreißiger Jahren im Rahmen einer konzertierten Aktion des Deutschen Reichs und des Berliner Magistrats. Sie war die erste Etappe einer megalomanen Stadtplanung mit „Altstadtforum“ und Ost-West-Achse im Zentrum Berlins. Letztere sollte die ungleich bekanntere Nord-Süd-Achse durch den Tiergarten ergänzen.

          Für beide Aktionen war Albert Speer als Generalbauinspektor von Berlin (GBI) der Dirigent am nazistischen Staatspult. Dank ihm funktionierte der behördliche Raub jüdischen Besitzes effizient und reibungslos; doch anders als im Tiergarten, dem heutigen Hansa-Viertel und Kulturforum profitierten in der Stadtmitte kaum Privatleute, sondern der Staat und die gleichgeschaltete Stadt. Nach dem Krieg und der Spaltung Berlins trat die DDR die Nachfolge des Dritten Reichs an, dachte aber keineswegs daran, dessen Unrecht wiedergutzumachen. Mit dem grausigen Argument, die sozialistische Enteignung von Grund und Boden dürfe vor „jüdischem Kapital“ nicht haltmachen, weil es sonst „Sondervergünstigungen gegenüber allen anderen Kapitalisten eingeräumt bekäme“, lehnte die Diktatur diesbezügliche Vorschläge ab.

          Weitere Themen

          Von wegen Respekt

          Rapper Kollegah legt nach : Von wegen Respekt

          Erst verteidigte der Rapper Kollegah seine wegen Antisemitismusvorwürfen in die Kritik geratenen Textzeilen im Namen der Kunstfreiheit, dann distanziert er sich. Nun zeigt er in einem neuen Interview: Aus dem „Echo“-Eklat hat er nichts gelernt.

          Superheldenerfinder Stan Lee ist tot Video-Seite öffnen

          Marvel-Autor : Superheldenerfinder Stan Lee ist tot

          Der Erschaffer von Spider-Man, Doctor Strange, Hulk und anderen Marvel-Helden wurde 95 Jahre alt. Stan Lee war dafür bekannt, seinen Superhelden eine in den 60er Jahren neuartige Komplexität und Menschlichkeit zu verleihen.

          Berliner Schildbürgerbauten

          Abriss nach kurzer Zeit? : Berliner Schildbürgerbauten

          Unter Wasser: Noch unvollendet, könnte das Marie-Elisabeth-Lüders-Haus für die Bundestagsabgeordneten schon bald wieder abgerissen werden. Angeblich kommt das billiger als die Rettung des fehlerhaften Baus.

          Käfer- und Katzen-Mumien Video-Seite öffnen

          Grabstelle in Ägypten : Käfer- und Katzen-Mumien

          Archäologen in Ägypten haben am Wochenende seltene Grabfunde vorgestellt. Sie fanden am Rand der Totenstadt von Sakkara mumifizierte Katzen und eine ganze Sammlung mumifizierter Skarabäen. Diese Käfer wurden als Symbol für den Sonnengott verehrt.

          Topmeldungen

          Warum Italien stur bleibt : Vier Gründe für den Trotz

          Rom bleibt stur und will, dass der Haushaltsentwurf bleibt, wie er ist. Für die trotzige Haltung gibt es vier Gründe. Doch auch die EU hat wenig Anlass, ihre Position zu ändern.

          Personalkrise im Weißen Haus : Feuert Trump die nächste Ministerin?

          Donald Trump hat gerade erst Justizminister Sessions rausgeworfen. Nun soll angeblich auch Heimatschutzministerin Kirstjen Nielsen gehen. Das könnte jedoch zu einem Showdown im Weißen Haus führen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.