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Berlin-Biennale : Das Verschwinden der Gegenwelt

Dass es bei einer Kunstpräsentation wie der Berlin-Biennale so aussieht wie in der Filiale einer Modekette, ist kein Zufall, sondern Programm. Bild: dpa

Kritik ist von gestern, die Revolution kommt ohne sie aus: Was die neueste Kunst von den Start-ups gelernt hat.

          Warum verwirren die Fitnessgeräte so sehr, die in Berlin gerade auf der Terrasse der Akademie der Künste stehen? Der amerikanische Künstler Nik Kosmas hat sie für die Berlin-Biennale dort aufgebaut. Das ist für sich genommen noch nicht ungewöhnlich; seit Marcel Duchamps Flaschentrockner ist es üblich, Objekte aus der außerkünstlerischen Sphäre durch Verlegung in einen Kunstkontext zu künstlerischen zu machen. Aber neu ist die Absichtserklärung, die dem Werk beigegeben wird: Diese Fitnessgeräte, beteuert der Katalog, „sind kein Statement, keine Installation und gehören zu keiner Performance. Es handelt sich weder um einen ironischen Kommentar zur Fitnessindustrie noch um einen clever versteckten Verweis auf abstrakte Plastik.“ Die Fitnessgeräte seien wirklich nur Fitnessgeräte, der Künstler, so erfahren wir, widme seine Zeit heute dem Gesundheits- und Ernährungsbusiness. Aber auch dies, versichert der Katalog, dürfe man nicht als Subversions- oder Verweigerungsgeste verstehen. Die Wahrheit sei viel vordergründiger: „Kosmas zeigt eindeutig, dass es durchaus intelligente Lebensformen jenseits der Kunstwelt gibt.“

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Diese Einstellung ist typisch für die Künstler und Kritiker im Umkreis des New Yorker „DIS Magazine“, die die diesjährige Berlin-Biennale verantworten. Sie reden einer „nicht-romantisierten Sicht der Kunstproduktion“ das Wort, und damit meinen sie, dass sie die Kunst nicht länger als eine Gegenwelt verstehen wollen. Sie halten es für ebenso illusorisch wie langweilig, ihr eine Position jenseits des Welt- und Markttreibens zuzuweisen und ihre Hervorbringungen vor allem daran zu messen, wie sehr sie diesen Abstand einhalten, wie „kritisch“ sie also sind. Jedes einzelne Kunstwerk, schreibt etwa die Kuratorin Agatha Wara in einem Editorial des Magazins, sei das Ergebnis verwickelter Interaktionen innerhalb eines Netzes Tausender Menschen, Interessen und Werte, und da sei es „völlig kontraproduktiv“, „jemanden auszusortieren, weil man ihm unterstellt, dass er auf der richtigen oder falschen Seite des Zauns steht“. Wer sich das erst einmal klargemacht hat, könne akzeptieren, dass die Kunst auch mal „die Eigenschaften gewöhnlicherer Dinge annimmt“. Die Ausgabe der Zeitschrift, in der Wara das schrieb, stellte passenderweise von Künstlern gefertigte Verkaufsprodukte vor, von einer Baseballkappe über einen Blumentopf bis zu einer Klopapierrolle.

          Die Gegenwart wird vorgeführt im Fummel

          Vor diesem Hintergrund erklärt die Berlin-Biennale nun: „Instead of unmasking the present, this is ‚The Present in Drag‘.“ Die Gegenwart soll nicht länger entlarvt, sondern in dem Fummel vorgeführt werden, den sie sich übergeworfen hat. Es habe schlichtweg keinen Sinn, hinter den Travestien und Fiktionen, die die Finanzmärkte nicht weniger als das individuelle Leben bestimmen, noch irgendetwas anderes zu erwarten: „Wann immer du dich am meisten ‚Du‘ fühlst, bist du in Wirklichkeit in einem Fummel.“ Statt sich also dem Trugbild einer inneren Wahrheit jenseits des äußeren Scheins hinzugeben, soll man lieber so genau wie möglich die Oberflächen erforschen.

          Deshalb hat es etwas Programmatisches, dass in der Akademie der Künste nun lauter von Künstlern gestaltete Leuchtkästen herumstehen, wie sie normalerweise für Werbung verwendet werden; statt, wie es früher üblich gewesen wäre, diese glänzenden Oberflächen zum Ausgangspunkt einer Kritik, Verfremdung oder Dekonstruktion zu machen, lassen die beteiligten Künstler sie nun so, wie sie sind, als bloße Spiegelungen einer Duty-free-Shop-Welt. „Die Wahrheit und die Logik von Dingen spiegeln sich in deren eigener Oberfläche“, wird dazu der Künstler Thomas Hirschhorn zitiert.

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