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Irrtum in Kairo : Ramses, II. Wahl

Anfangs war die Freude noch groß: Der Fund einer Statue Ramses II. hätte dem wirtschaftlich gebeutelten Ägypten gutgetan. Bild: AP

Mit der vorschnellen Darstellung einer Statue von Ramses II. als „Sensationsfund“ hat sich die Ägyptologie munter blamiert. Darf man von Archäologen künftig nicht mehr erwarten als von nebenberuflichen Fremdenführern?

          Der durchschnittliche arme Teufel, der in Ägypten Touristen seine Dienste als Fremdenführer anbietet, beherrscht zwei stehende Redewendungen: eine, die vor dem jeweiligen Felsengrab/Tempel/Palast oder wo auch immer er die potentiellen Kunden erwartet, munter zugerufen wird, und eine, die dann im Inneren weihevoll geflüstert zur Anwendung kommt. Die erste lautet: „Which country are you from?“, und wird fortgesetzt mit „Ah, Germany! Germany good country“ (ersetzbar durch „Austria“, „Switzerland“ oder „Singapore“, wenn’s der Geschäftsanbahnung dient).

          Die zweite feste Phrase, die geflüsterte im Inneren der Sehenswürdigkeit, lautet „Ramses the second“. Und da gibt es keine Wahl; jedes Herrscherporträt, jede Inschrift, jeder Bauherr ist für die nebenberuflichen Fremdenführer Ramses II., denn den kennen alle Ägypter und alle Touristen, und da seine Herrschaftszeit mit 66 Jahren die längste aller Pharaonen und sein Selbstverherrlichungswille enorm war, ist die Trefferquote auch gar nicht so schlecht.

          Wer kennt schon Psammetich I.?

          Für das übliche kleine Bakschisch, das am Ende fällig wird, darf man nicht mehr erwarten. Von Archäologen dagegen schon. Als aber am vergangenen Montag im Kairoer Stadtteil Matarya der Torso einer ursprünglich acht Meter hohen Kolossalstatue, von der man ein paar Tage zuvor schon den Kopf gefunden hatte, nebst ein paar kleinen Bruchstücken zum Vorschein kam, beeilte sich der ägyptische Minister für Altertümer, den Fund als Sensation zu feiern. Es könne nur Ramses II. dargestellt sein, auch wenn aus sich berufen glaubendem deutschen Expertenmund zu hören war, dass die Lippenpartie des Kopfes auf einen noch früheren Pharao verweise. Aber dann müsse die Statue eben unter Ramses II. umgearbeitet, also usurpiert worden sein – eine Praxis, die der großmächtige Herrscher schätzte, denn auch damals schon sollte es in Ägypten keine Bildnisse anderer Könige geben.

          Vorgestern hat dann der Antikenminister verkündet, dass man es bei der neu entdeckten Statue mit einem Bildnis von Psammetich I. zu tun habe. Dieser Pharaonenname ist weder armen ägyptischen Teufeln noch reichen ausländischen Touristen geläufig, und sein Träger regierte auch nicht vor, sondern satte sechshundert Jahre nach Ramses II.; die kleineren Bruchstücke wiederum sollen von einem Bildnis stammen, das Sethos II. darstellt, der zwar in derselben Dynastie wie Ramses II. Pharao wurde, aber auch erst nach ihm. So hat sich die Ägyptologie munter blamiert, indem sie sich zur Echokammer einer Volksweisheit machte, die in jedem steinernen Herrn mit Lendentuch, Knebelbart und Doppelkrone Ramses II. sehen will. Wer’s schon nicht genau weiß, sollte wenigstens flüstern.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

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          Quelle: F.A.Z.

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