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Gurlitt-Dokumentation bei der BBC : Komplizenschaft, Verschleierung und Verneinung

Der Fall Gurlitt ist eine verworrene Geschichte: Der britische Sender BBC zeigt nun eine zweiteilige Dokumentation und suggeriert, die Deutschen hätten sich eben nicht geändert

          „Die Kunst, die Hitler hasste“ und „Die Sünden der Väter“ heißen die beiden Teile einer mehr als zweistündigen Dokumentation der BBC, die den Fall Gurlitt als Ausgangspunkt nimmt für eine Untersuchung über den Umgang der Bundesrepublik mit jüdischer Beutekunst. Die durch faszinierendes Archivmaterial angereicherte Spurensuche beginnt im deutschen Wald mit einer Passage aus Elias Canettis „Masse und Macht“. Bilder von dicht wachsenden Douglasien werden unterlegt von einem komprimierten Zitat über das deutsche Waldgefühl als Ausdruck nationaler Identität. Die Standhaftigkeit jedes einzelnen Baumes wird mit der des Kriegers verglichen. Der Deutsche, so endet das Zitat, habe die Geradheit und die Rigidität der Bäume zu seinem eigenen Gesetz gemacht. Damit wird dem Zuschauer gleich zu Beginn suggeriert, was die zweiteilige Reportage leitmotivisch herausstellt: dass die Deutschen in Restitutionsfragen am Buchstaben des Gesetzes klebten, statt, wie es sich angesichts des unermesslichen Unrechts ziemen würde, das moralische Recht zu berücksichtigen.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          In der ersten Folge, die am am 28. Oktober 2014 ausgestrahlt wurde, standen Sammler der sogenannten entarteten Kunst im Vordergrund. Am 4. November geht es im zweiten Teil um den mühseligen Kampf von deren Nachkommen um die Rückgabe der von den Nationalsozialisten geraubten oder zwangsverkauften Werke. Diese Filme erzählten, „was geschehen und nicht geschehen ist, als der Krieg zu Ende ging“, verkündet der Moderator Alan Yentob am Anfang der zweiten Sendung. Es sei, so heißt es resümierend, eine Geschichte von Komplizenschaft, Verschleierung und Verneinung.

          Diese vielen Stränge werden an der Figur Hildebrand Gurlitts festgemacht, den die Sendung als Nutznießer jüdischer Not porträtiert. Die Einzelfälle, denen die BBC anhand seiner Biographie und der des Sohnes nachgeht, sind hinlänglich bekannt, erschüttern aber immer wieder. Es geht um den Erfurter Sammler Alfred Hess, um die Künstlerwitwe Sophie Lissitzky-Küppers, um den Breslauer Zuckerfabrikanten David Friedmann und den Düsseldorfer Kunsthändler Max Stern.

          Durch die vertrackten Hintergründe

          Die BBC zieht Provenienzforscher, Kunsthistoriker, Anwälte und die Nachfahren heran, um sich einen Weg zu bahnen durch die vertrackten Hintergründe. In ihrem Landhaus bei Dresden schildert die auf die Rückgabe von Paul Klees im Münchner Lenbachhaus hängendem Gemälde „Sumpflegende“ klagende Enkelin von Sophie Lissitzky-Küppers, wie ihre Großmutter verarmt in Sibirien starb, ohne eines der Bilder zurückbekommen zu haben, die sie 1926 bei der Auswanderung in die Sowjetunion einem Museum in Hannover als Leihgabe überlassen hatte.

          In seiner New Yorker Wohnung erinnert sich David Toren, wie er sich als Kind gern vor Liebermanns „Zwei Reiter am Strand“ setzte, das in der Breslauer Villa seines Großonkels hing. Hildebrand Gurlitt, der sich nach dem Krieg auf jüdische Herkunft berief und als Opfer des Hitler-Regimes darstellte, habe den Makel seiner jüdischen Großmutter in ein Milliardenvermögen verwandelt, sagt Toren mit trockenem Witz. Jene achtzehn Monate, die die Augsburger Staatsanwaltschaft verstreichen ließ, bevor sie mit der Entdeckung des Gurlitt-Horts an die Öffentlichkeit ging, erzürnen den 89 Jahre alten Mann. Selbst wenn er die Rückgabe erleben sollte, könnte er das Bild nicht mehr sehen: Er ist erblindet. In seiner Wohnung hängt eine Relieffassung der „Zwei Reiter“, die er liebevoll abtastet.

          Was in den Sendungen freilich unerwähnt bleibt, ist die komplexe Rechtslage, die verlangt, dass jeder Fall für sich geprüft wird. Stattdessen schert die BBC alles über einen Kamm und erweckt den Eindruck, die Gesamtheit der Deutschen habe die leidvolle Restitutionsfrage unter den Teppich kehren wollen und verhalte sich wie Henrik Hanstein, der Leiter des Kölner Auktionshauses Lempertz, der den Standpunkt vertritt, die durch sein Haus 1937 vorgenommene Versteigerung der Sammlung Stern sei kein Zwangsverkauf gewesen. Die BBC stellt Bilder aus Gegenwart und Vergangenheit nebeneinander - etwa Jubelszenen von Fußballzuschauern und Archivaufnahmen von Aufmärschen der NSDAP am selben Ort. Womit unterstellt wird, die Deutschen hätten sich nicht geändert.

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