Bauen im Bestand - das ist leicht gesagt und noch leichter gefordert. Nach fünfzig Jahren autistischer, die Umgebung ignorierender oder zerstörender Architektur kann jedes anpassungswillige neue Gebäude mit allgemeinem Wohlwollen rechnen. Was aber, wenn der Standort, wie beim künftigen Bauhausmuseum in Weimar, architektonisch eine scharfkantige Bruchstelle und ideologisch ein Minenfeld ist?
Da ist zum einen das Neue Museum, ein hinreißender Rundbogenbau der Neorenaissance, den die Phantasie sofort mit der Klassik, Weimars Daseinsgrund, verknüpft. Ihm, der durch den Wiederaufbau 1998 (Ulrike Ludewig) einige bestechend schöne neue Raumkompositionen hinzugewann, steht das einstige „Gauforum“ gegenüber, das einzige (fast) vollendete des „Dritten Reichs“, pompös, düster, peinlich. Letzteres gleich doppelt: Zum einen trotzt das todessüchtige Pathos allen Behübschungen mittels Begrünung und freundlicher Farbe. Zum anderen posaunt das Einkaufszentrum „Weimar-Atrium“, das seit 2005 die „Halle der Volksgemeinschaft“ ersetzt, die marktwirtschaftliche „Gnade des Vergessens“ in alle Welt.
Als Antipode zu den NS-Kolossen könnte die nahe Weimarhalle dienen - wenn der originale, 1932 von Max und Günther Voge als später Höhepunkt festlicher Neuen Sachlichkeit errichtete Bau noch stünde. Doch er wurde 1997, mitten im Versuch, ihn als Bauhaus-Denkmal zu restaurieren, wegen Baufälligkeit abgerissen und 1999 durch einen Neubau Meinhard von Gerkans ersetzt. Dieses den Fluchtlinien des Vorgängers folgende „Congresscenter“ müht sich redlich, pendelt aber zwischen altbackener Post- und ökologisch angehauchter, blasser Zweiter Moderne. Eigentlich ansprechend, aber das Gesamtbild verunklärend, mischen sich am Nordrand des Areals Siedlungsbauten der zwanziger Jahre ein. Eine alles andere als beneidenswerte Ausgangssituation also für das Duo Heike Hanada und Bendict Tonon, dessen überarbeitetem, zuvor drittplaziertem Entwurf vor zwei Tagen der Sieg im internationalen Wettbewerb zugesprochen wurde.
Eine Kaaba aus Licht
„Wieder einmal wird das Bauhaus in der kommenden Zeit zu einem Zeichen des Aufbruchs werden“, schwärmte Thüringens Kulturminister Christoph Matschie. Aufbruch? Den ersten Eindruck bestimmt Altbekanntes: Das Museum wird als glasübersponnener Kubus im Grün des Weimarhallen-Parks schweben, magisch wie seit 1997 Peter Zumthors Kunsthaus Bregenz oder Leipzigs 2004 eröffnetes Kunstmuseum vom Berliner Trio Hufnagel/Pütz/Rafaelian, an dessen anschließende, quälende mehrjährige Suche nach geeignetem Glas für die Außenhülle man allerdings nicht denken möchte.
Mit dem nächstliegenden Vorbild, dem gläsernen Bauhaus des Walter Gropius in Dessau, hat der Entwurf dagegen nichts zu tun. Der Dessauer Welterbe-Bau ist transparent, das Weimarer Haus aber wird sich opak zeigen - satinierte Glasstreifen auf Metallhalterungen, überzogen von einem linearen, unregelmäßigen Raster aus eingeätzten schwarzen Linien sollen einen hermetischen Betonblock - eine „monolithische Raumskulptur“ - umhüllen.
Leuchtelemente werden, auch das kennt man vom Bodensee (Kunsthaus) bis an die Elbe (Elbphilharmonie), den Museumskubus nachts zur Kaaba aus Licht stilisieren. Dass unsereins beim Blick auf das simulierte Weimarer Bauhausmuseum dennoch eher die Moderne der Weimarer Republik assoziiert, liegt am Präsentationsstil von Hanada und Tonon: Die gesamte untere Bildhälfte ihrer Computeranimationen nimmt der strahlende, mit Steinplatten belegte und von einem längsrechteckigen verführerisch schimmernden Bassin durchzogene Museumsvorplatz ein. Dieselbe Optik wandte Mies van der Rohe an, als er 1929 seinen später weltberühmten Weltausstellungs-Pavillon für Barcelona darbot. Bis heute folgen Fotografen seiner Perspektive - und nutzen Architekten sie, um ihren eigenen Entwürfen Glanz zu verleihen.
Aus dem Mittelmaß führen
Nicht, dass Heike Hanada und Benedict Tonon Taschenspielertricks nötig hätten: Sie rücken mit dem Mies-Effekt lediglich ihre Idee, das Museum auf einen Treppensockel zu stellen, ins beste Licht. Und die ist der eigentliche Coup ihres Entwurfs: Das Podest hilft ihnen nämlich aus der Verlegenheit, sich zwischen den beschriebenen Bauten zu positionieren. Herausgehoben und doch Teil des Gesamten, wird das Bauhausmuseum zum Primus inter Pares - und kann damit möglicherweise die splittrige Stadtlandschaft des Standorts befrieden; vielleicht sogar so sehr, dass es als Manifestation des Bauhauses der Stadt das Selbstvertrauen gibt, endlich die tapsigen gestalterischen Verharmlosungsversuche am einstigen Gauforum zu lassen und sich dem architektonischen NS-Erbe zu stellen.
Das Innere des künftigen Museums? Es werden die bewährten, neutral-weißen Säle und Kabinette entstehen, konstruktivistisch angehaucht durch rasante Wandscheiben, Rampen und Treppen. Dass all dies funktional bestehen dürfte, verbürgt Heike Hanada, die immerhin 2007 ausgewählt wurde, Stockholms dem Welterbe Bauhaus ebenbürtige Asplund-Bibliothek von 1927 zu erweitern. Und Benedict Tonon, hervorgetreten mit markanten Großstadtbauten in Hamburg, Berlin und Dortmund, steht unverkennbar in der Tradition der klassischen Moderne eines Mies van der Rohe, Le Corbusier und Fritz Schumacher. Die vollmundige Prognose von der neuen Bauhaus-Sensation darf man abhaken. Es genügt, dass der Entwurf tatsächlich „einen wichtigen Impuls für die gesamte Stadtentwicklung setzen“ - und damit Weimar aus dem bisherigen Mittelmaß führen kann.
Bauen im Bestand
Karl S. Walter (skeptiker01)
- 15.07.2012, 17:56 Uhr
Architektur, sprachlich
Walter von den Driesch (sungura)
- 15.07.2012, 17:06 Uhr