Barbara Klemm feiert am 27. Dezember ihren siebzigsten Geburtstag. Die langjährige Redaktionsfotografin der F.A.Z. ist eine der größten Künstlerinnen ihres Metiers. Im Gespräch mit Verena Lueken erklärt sie, wie gute Aufnahmen entstehen.
Ein großer Teil Ihrer Arbeit für die Frankfurter Allgemeine Zeitung waren die Reisen, die Sie mit den Korrespondenten gemacht haben. Erinnern Sie sich an die erste dieser Reisen?
Ja, die ging nach Polen. Da hat die Zeitung mich hingeschickt, als die Verhandlungen für die Ostverträge begannen. Das war 1970. Ich war gerade festangestellt worden und wurde gleich in den Osten geschickt. Zu dieser Zeit war eine solche Reise ja nicht so ganz leicht.
Mit wem sind Sie gefahren?
Damals war Bernhard Heimrich Korrespondent. Wir hatten einen Übersetzer dabei, der gleichzeitig natürlich der Aufpasser war. Schwierig für mich war, dass bei den Verhandlungen unser Außenminister Walter Scheel meist nicht da war. Ich musste auch etwas Politisches nach Hause bringen, also wollte ich den deutschen und den polnischen Außenminister zusammen auf einem Bild haben. Der Pressesprecher sagte mir, es gebe nur ein gemeinsames Abendessen, und da sei keine Presse zugelassen. Aber ich könne mich ja vor das Hotel stellen. Ich dachte, das wird natürlich nichts, zumal ich wie immer keinen Blitz hatte und auch keinen benutzen wollte. Es war November, und es war nass. Also habe ich mir einen Rock angezogen, meine Tasche umgehängt, alle Apparate eingesteckt und bin schnurstracks durch die Hotelhalle, die voller Sicherheitsleute war, gelaufen. Ich hatte die Nase sehr weit oben - da sah ich eine offene Tür, in der Männer in Anzügen und auch Walter Scheel standen. Auf die bin ich zugesteuert. Als Scheel mich sah, fragte er: „Was machen Sie denn hier?“ „Oh“, hab ich gesagt, „ich will fotografieren.“ Da sagte er: „Na, dann bleiben Sie mal da.“
Kannte Scheel Sie denn?
Er kannte mich aus dem Jahr zuvor. Bei den Bundestagswahlen 1969 hatte die NPD zum ersten Mal einen Saalschutz aufgestellt, und es gab eine große Schlägerei im Cantate-Saal in Frankfurt. Da habe ich ein Bild gemacht, das durch die europäische Presse gegangen ist. Zuerst hat es die F.A.Z. gedruckt und dann der „Spiegel“, der „Observer“ in England und „Paris Match“ und viele andere.
Was war das für ein Bild?
Es waren nur drei Männer darauf, die in der Ecke standen. Die Schlacht war schon vorbei, als ich ankam. Aber diese feisten Kerle - das war so eine Gruppierung, bei der sich etwas entlarvt hat, das an den Saalschutz des „Dritten Reichs“ erinnerte. Eigentlich war es ein ziemlich harmloses Bild. Gleichzeitig hat es etwas sehr Bedrohliches ausgedrückt. Walter Scheel sagte mir damals, ich hätte damit mehr als alle Parteien dazu beigetragen, dass die NPD nicht in den Bundestag kam. Ich glaube, es ist das einzige meiner Bilder, das eine politische Wirkung hatte. Deshalb war Walter Scheel mir sehr zugewandt. In diesem Hotel in Warschau konnte ich bis zum Anfang des Abendessens bleiben. Schließlich waren beide Außenminister im Saal, und hinter ihnen hing ein Gobelin mit einer Liebesszene. Ich habe zweimal auf den Auslöser gedrückt, dann hat der Pressesprecher gesagt: „Ich glaube, jetzt reicht es.“ Ich habe gesagt: „Ja, vielen Dank“ und bin verschwunden.
Als Schreibender glaubt man, im Pulk der Pressefotografen setze sich der mit den stärksten Ellenbogen durch. Sie haben immer versucht, sich dem gar nicht auszusetzen?
Manchmal musste ich auch drängeln und meinen Platz verteidigen. Aber ich hab immer versucht, mich aus diesem Kampf herauszunehmen. Man muss einen unglaublich klaren Kopf behalten und sehr schnell reagieren können. Manchmal kann man schon, bevor das Hauptereignis stattfindet, zu einem Bild kommen, das erzählt, was man erzählen will, oder aber, wenn sich etwas auflöst. Bei Pressekonferenzen zum Beispiel, wenn die Politiker schon denken, es sei vorbei, sieht man sie plötzlich in einer überraschenden Konstellation. Vor allem muss man sich bewegen. Manchmal denkt man, den optimalen Platz für eine Veranstaltung gefunden zu haben, und möchte den nicht aufgeben. Aber wenn ich dann doch wegging, es anderswo versuchte und einen anderen Blick bekam, hat mir das schon sehr schöne Bilder gebracht. Auch Cartier-Bresson hat geschrieben, man müsse als Fotograf immer in Bewegung bleiben.
Es sind diese überraschenden Kompositionen, die als Erstes bei Ihren Bildern auffallen.
Ich habe Eltern gehabt, die beide Künstler waren. Von ihnen habe ich vielleicht eine Begabung für die Komposition mitbekommen.
Sehen Sie das in dem Augenblick der Aufnahme oder später in der Dunkelkammer?
Das ist unterschiedlich. Es ist auch eine Trainingssache. Am Anfang war es sicher unbewusst und manchmal auch Glück. Wenn man dann sehr viel arbeitet, merkt man plötzlich, wie sich eine Szene mit einer kleinen Bewegung nach rechts oder links anders ordnet.
Wenn man Zeit dazu hat.
Das ist natürlich in der Pressefotografie ganz schwer. Weil jemand plötzlich dazwischenrennt oder die Figur nicht da stehen bleibt, wo ich sie gerne hätte. Das macht ungemein nervös und man denkt: Kriegt man's? Gleichzeitig muss man die Ruhe bewahren.
Noch einmal zurück zu der Reise nach Polen. Das Bild von den Vertragsverhandlungen hatten Sie. Aber es sind dann noch ganz andere Bilder entstanden.
Ja, die Redaktion hat gesagt: „Jetzt fahrt doch mal an die Oder-Neiße-Grenze und zeigt unseren Lesern, worum es eigentlich geht.“ Das war die eigentlich schwierige Aufgabe.
Sie sind nach Frankfurt/Oder, nach Görlitz und Liegnitz gefahren, zum Beispiel.
Es wirkte, als sei da gerade der Krieg zu Ende gegangen. Wir hatten ja keine Vorstellung, wie es im Osten aussieht. Wir hatten diesen Aufpasser vom Geheimdienst dabei. Der wollte sehr viele Sachen nicht, die ich wollte.
Zum Beispiel?
In Küstrin kam ein Trupp von Häftlingen vorbei. Ich saß im Auto, der Aufpasser saß vor mir, und ich kurbelte sofort das Fenster herunter und wollte fotografieren. Da hat er mir die Hand vors Objektiv gehalten. Oder: Wir standen an der Oder-Neiße-Grenze. Auch da durfte ich nicht fotografieren. Aber Bernhard Heimrich ist einfach bis an die Grenze gegangen. Ich sah, wie ein Grenzpolizist auf ihn zuging und mit dem Gewehr herumfuchtelte. Da habe ich zu unserem Dolmetscher gesagt: „Jetzt gehen Sie mal schnell da hin und retten Sie meinen Kollegen.“ Und in der Zwischenzeit habe ich meine Bilder gemacht.
Sie sind eine zurückhaltende Person. Aber das klingt nach Draufgängertum, nach Risikobereitschaft allemal.
Risikobereit, klar, aber auch mit Tricks und Einfällen muss man arbeiten, an den offiziellen Wegen vorbei, das lernt man mit der Zeit. Bei politischen Anlässen habe ich immer gedacht, wenn sie mich rausschmeißen, schmeißen sie mich halt raus.
Hat es Ihnen geholfen, eine Frau zu sein unter all den Männern?
Ich glaube schon. Zu der Zeit war Pressefotografie eine reine Männerdomäne. Heute gibt es viele gute Fotografinnen. Aber damals haben die Politiker wohl gedacht, na ja, ist ja ganz nett, mal eine Frau in diesem Beruf zu sehen.
Schärft der Druck, mit einer Geschichte zurückkommen zu müssen oder mit einem Bild zu einer Geschichte, den Blick?
Sicher. Ich musste versuchen, in kurzer Zeit das Wesentliche in den Griff zu bekommen. Und das erforderte Vorarbeit unseres wunderbaren Archivs und der guten Korrespondenten. Das kann ich nicht anders sagen. Deren Vorbereitung war die entscheidende Hilfe, etwa wenn Walter Haubrich in Lima einen Arbeiterpriester organisiert hatte, der mit mir durch die Slums ging. Da konnte ich an Orten Bilder machen, an die ich allein gar nicht hätte gehen können.
Auf Ihren Bildern sind fast immer Menschen zu sehen. Wissen die, dass sie fotografiert werden?
Möglichst nicht. Ich möchte Fotos, die die Situation so zeigen, als wäre ich nicht dagewesen.
Das legt doch eigentlich die Arbeit mit einer kleinen Digitalkamera nahe.
Das reizt mich gar nicht. Erstens sind die professionellen Digitalkameras auch enorm schwer, die Arbeit wird nicht leichter, ich müsste noch mehr schleppen. Zweitens gehe ich gerne in die Dunkelkammer. Für mich ist dieser Entwicklungs- und Vergrößerungsprozess, wie ich die Tonwerte legen kann, der zweite Schritt zu einem guten Bild. Die Neugier, die ich habe, wenn ich von einer Reise zurückkomme und in die Dunkelkammer gehe, um zu sehen, wie die Bilder geworden sind, die ist den Kollegen heute genommen, sie können ihre Bilder ja immer sofort sehen. Das Geheimnisvolle geht dabei verloren. Ich glaube auch, dass das zu einer Unkonzentriertheit führt und man vielleicht den wichtigen Moment verpassen könnte.
Weil der Blick immer anderswo ist.
Ja, bei dem Bild, das schon gemacht ist, nicht mehr bei der Sache selbst.
Für die Zeitung mussten Sie in Einzelbildern denken. Aber auch in Ihren Büchern und Ausstellungen sind keine Serien zu finden, obwohl die Reisen doch Serien nahelegten?
Ich denke wirklich in Einzelbildern. Ich suche ein Bild, das den Leser neugierig macht, das eine Geschichte erzählt, auch wenn die sich nicht unbedingt decken muss mit der, die der Artikel darunter erzählt. In den Ausstellungen und Büchern stehen dann vielleicht einmal vier oder fünf Bilder von einer Reise beisammen. Aber für mich ist eine Serie nie interessant gewesen. Das Hintereinanderstellen mehrerer Bilder, die ein Gespräch abbilden, wie im Film sozusagen, das habe ich nie sonderlich gemocht.
Das ist ein hoher Anspruch, ein Arbeiten ohne Netz, könnte man sagen.
Deshalb bin ich zu den Porträtaufträgen gerne allein gegangen - wenn ich die Sprache konnte. Weil ich das Gefühl hatte, wenn ein Redakteur daneben sitzt, konzentriert sich die Person auf sie oder ihn, weil ihm der Text natürlich viel wichtiger ist als ein Bild. Das Fotografieren ist scheinbar leichter, weil ich von dem Gespräch profitiere und nicht selber reden muss. Aber den Bildern fehlt oft etwas Wesentliches.
Einem Ihrer Bücher ist ein Motto von Salman Rushdie vorangestellt: „Ein Foto ist eine moralische Entscheidung in einer Achtelsekunde.“ Treffen Sie tatsächlich mit Ihren Bildern eine moralische Entscheidung?
Ich treffe eine moralische Entscheidung besonders bei den Bildern, die ich nicht mache. Die zu sehr in die Intimsphäre eingreifen würden. Das muss ich für mich immer wieder entscheiden. In diesem Beruf gehen wir auf sehr dünnem Eis. Was kann man zeigen, was nicht?
Was wollen Sie nicht zeigen?
Zu großes Elend, Armut, körperliches Leiden. Zum Beispiel geriet ich einmal in Rumänien zufällig in eine Beerdigung auf dem Land. Da sind die Särge offen, und da lag ein junger Mann, der verunglückt war. Alle und auch ich strömten in diese Kirche. Ich hatte die Kamera so in der Hand, dass man sie sah. Aber ich hab mich nicht getraut zu fotografieren. Die Frau und die Mutter des Toten haben geweint. Plötzlich hat mich aber jemand geschubst und mit Gesten angedeutet, ich solle fotografieren. Und dann hab ich es gemacht. Aber ich habe nur einmal ausgelöst. Es ist ein sehr berührendes Bild geworden, wie dieser junge Mann in dem Sarg liegt mit den Trauernden darum herum. Aber ich hätte es nicht fertiggebracht, wenn ich nicht aufgefordert worden wäre.
Wenn Sie das Porträt eines Menschen aufnehmen, finden Sie dann vorher heraus, was andere in diesem Menschen schon gesehen haben, um nach Neuem Ausschau zu halten?
Bei einem Porträt habe ich das gemacht. Das war beim Schriftsteller Thomas Bernhard, weil alle mir Angst gemacht hatten, er wäre so kompliziert. Ich habe mir dann Bilder von ihm angesehen und festgestellt, dass er nie in die Kamera geschaut hat. Das fand ich sehr erstaunlich. Er war dann mit mir sehr offen, sehr freundlich, es lief ganz wunderbar. Aber ich merkte, wie er auswich, sobald ich fotografieren wollte. Er hatte mich mit dem Gespräch gefangen und damit von sich abgelenkt.
So entstand dann dieses Bild, auf dem er sich abwendet und sozusagen aus dem Bild läuft?
Genau. In einem seiner Zimmer hing ein gemaltes Porträt von einem jungen Mann. Ich fragte, ob es ein Verwandter von ihm sei. Er verneinte und meinte nur: „Der guckt mich so schön an.“ Da habe ich gesagt: „Ich möchte, dass Sie mir einmal so in die Kamera schauen.“ Da hat er gelächelt und hat zu mir in die Kamera geblickt. Dieses Bild hatte etwas fast Privates. Ich habe es erst zu seinem Tod an die Zeitung gegeben. Da war so ein Lächeln in den Augen, von dem ich dachte, eigentlich war es für mich bestimmt.
Schönes Interview...
Oliver Susami (COSu)
- 27.12.2009, 11:59 Uhr
Barbara Klemm prägte schon vor Jahrzehnten
Klaus S. Weis (Zettels_Traum)
- 27.12.2009, 23:52 Uhr