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Englische Künstler : Aus der zweiten Reihe ins Rampenlicht

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Die ganze Welt feiert die englischen Künstler Bacon, Moore und Riley. Das Tate-Museum will nun den Kanon mit zwei Wanderausstellungen um Barbara Hepworth und Frank Auerbach erweitern. Zu Recht?

          Als Barbara Hepworth erfuhr, wie ihr Werk 1959 auf der zweiten Documenta in Kassel vertreten war, wurde sie sauer. Die Documenta, diese ehrgeizige deutsche Erfindung der Nachkriegszeit, zählte damals schon zu den weltweit wichtigsten Ausstellungen für Gegenwartskunst. Messen konnte sich damit nur noch die Biennale in Venedig. Ausgerechnet aber in Kassel, so schrieb ihr ein Freund, war der große Auftritt verschenkt worden: „Henry Moore“, so ihr Zeuge vor Ort, „beendet die Schau der Skulpturen mit einer der größten Arbeiten, die ich je von ihm gesehen habe.“ Hepworth stand also mal wieder im Schatten des Freundes und Kollegen, ihre Galeristen hatten nur kleine Werke nach Deutschland geschickt, wenn auch immerhin drei davon. Die Präsentation in Kassel schien Hepworth unangemessen, zum Schäumen brachte sie schließlich die fehlende Resonanz in New York. Was zu tun sei, schrieb sie 1965 nun an ihre zukünftige Galerie, Marlborough Fine Art: „Seit der Einweihung des Hammarskjöld-Denkmals ist von mir keine Skulptur mehr in New York zu sehen gewesen. Das ist irrwitzig und muss als Erstes geändert werden.“

          Wie recht sie hatte – so ließe sich knapp die Botschaft der neuen Retrospektive in der Tate Britain zusammenfassen, der umfassendsten seit knapp einem halben Jahrhundert. In ihrem Zentrum steht die internationale Ausstrahlung des Werks, und diese Perspektive ist natürlich eine doppelte: Der Blick zurück in die Geschichte soll die zukünftige Rezeption befeuern. In England ist Hepworth nämlich bereits ein Star, ihr Werk ist dort in sämtlichen großen privaten und öffentlichen Sammlungen vertreten, in St Ives betreibt die Tate das „Barbara Hepworth Museum and Sculpture Garden“, ihre Werke schmücken zahlreiche Gärten und Parks.

          Hauseigene Künstlerprominenz

          In Deutschland kennt man sie dagegen weniger. Das Gleiche gilt auch für den Maler Frank Auerbach. Auch dessen Bekanntheitsgrad ist in England mit Abstand am höchsten. Zwei Tate-Ausstellungen wollen jetzt der hauseigenen Künstlerprominenz endlich auch einen würdigen Platz außerhalb der englischen Kunstgeschichte erstreiten. Auf Reisen geht die Hepworth-Schau, die im Mai nächsten Jahres ins Arp Museum kommen wird. In Bonn hat kürzlich die Schau „Frank Auerbach“ eröffnet, die in umgekehrter Richtung im Herbst nach London in die Tate Britain zurückwandert. Der Vergleich beider Projekte ist aufschlussreich: Zwischen den Künstlern liegt eine Generation, Hepworth wurde 1903 geboren, Auerbach 1931. Trotz des Altersunterschieds machten beide in der Nachkriegszeit Karriere. Hepworth, die zuvor in England Erfolge gefeiert hatte, nahm 1950 an der Biennale in Venedig teil, 1955 und 1959 an der Documenta. Nachdem Dag Hammarskjöld, der Generalsekretär der Vereinten Nationen, 1961 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam, erhielt sie den Auftrag für eine Skulptur vor dem UN-Gebäude in New York; die haushohe Bronze „Single Form“ wurde ihr größtes Werk.

          Als die Künstlerin bereits ihre Heimat im Ausland repräsentierte, studierte Frank Auerbach noch in London, zuletzt am Royal College of Arts. Er war bereits fünfundfünfzig, als er 1986 die Einladung erhielt, den englischen Pavillon auf der Kunst-Biennale in Venedig zu gestalten. Dafür wurde er mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet, zusammen mit Sigmar Polke.

          Die Biographien von Hepworth und Auerbach sind mit Deutschland verbunden. Auerbach wurde in Berlin als Sohn jüdischer Eltern geboren, die ihn, um sein Leben zu retten, 1939 mit einem Kindertransport nach England schickten. Auerbachs Mutter und Vater wurden von den Nationalsozialisten ermordet.

          Keine Erzählung, kein Kontext, keine Seitenblicke

          Hepworth kam im englischen Wakefield zur Welt. Der Zweite Weltkrieg hatte aber den englischen Kunstbetrieb nachhaltig verändert. Vertreten wurde ihr Werk von Gimpel Fils – der Galerie, die 1946 in London von den Söhnen des legendären französischen Kunsthändlers René Gimpel gegründet worden war. Dessen Autobiographie schloss im Jahr 1939 mit den Worten: „Wir sind im Krieg.“ Er, der aus einer jüdischen Familie kam, schloss sich der Résistance an. 1945 starb er im deutschen Konzentrationslager Neuengamme. Seine Söhne führten die Kunsthändlertradition in London fort. Marlborough Fine Arts schließlich, die Londoner Galerie, die später Hepworth und bis heute Auerbach vertritt, wurde ebenfalls von zwei Männern gegründet, die vor den Nationalsozialisten geflohen waren – aus Wien im Jahr 1938. Einer davon, Harry Fischer, brachte die sogenannte „Fischer-Liste“ nach England, die sämtliche Werke der von den Nationalsozialisten aus Museumsbesitz beschlagnahmten „Entarteten Kunst“ aufführte.

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