Home
http://www.faz.net/-gqz-75qne
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Banksy-Dokumentation im Fernsehen Drehort ausgekochtes Künstlerhirn

In dem Dokumentarfilm „Exit Through the Gift Shop“ mischt Street-Art-Aktionist Banksy die Kunstwelt auf. Er entlarvt, wie auf dem Kunstmarkt auch mit schrägem Schrott Geld zu machen ist.

© Telepool Banksy bei der Arbeit? Szene aus dem Film „Exit Through the Gift Shop“

Man kann es kaum glauben, aber es gibt ihn wirklich, den Kauz Thierry Guetta. Er hat schon zwei Ausstellungen unter seinem Pseudonym „Mr. Brainwash“ in London eröffnet und dort seine Neonfarben-Trashkunst im sechsstelligen Pfundpreisbereich verkauft. Die Besucher standen Schlange, einmal um das Gebäude herum. Diese unheimliche Erfolgsgeschichte kann nur der Kunstmarkt schreiben, der sich damit selbst wieder einmal parodiert.

Begonnen hat alles 2010, im Kino, mit „Exit Through the Gift Shop“, begeisternd und verwirrend. Niemand wusste: Was ist wahr, und was ist Fake? In dem temporeichen Dokumentarfilm (definitiv einer der besten in den vergangenen Jahren) folgen wir Thierry Guetta, einem bis dahin braven Familienvater mit französischem Akzent, auf seiner Suche nach dem Street-Art-Künstler Banksy. Guetta plant einen Film über den großen Unbekannten, von dem wir nur die Sprayer-Kunst kennen - sie erzielt schon seit einigen Jahren hohe Zuschläge auf Auktionen.

Sind die Menschen wirklich so bescheuert?

Doch nicht Banksy wird zum Objekt des Films, sondern der schräge, überdrehte Thierry Guetta, der Suchende, Unfertige, Naive, Neugierige - kurzum, er ist eine ziemliche Nervensäge. Doch nun ist Banksy der Regisseur - angeblich. Wir folgen Guetta in die Nacht und begleiten ihn bei der Verwandlung zum erfolgreichen Künstler „Mr. Brainwash“. Der Film beschleunigt, je geschickter Guetta agiert und vormacht, wie man mit schrägem Schrott in der Kunstszene Aufmerksamkeit erregt (natürlich tut er stets so, als sei er da ungewollt hineingeraten) und sogar richtig Geld macht.

Doch nehmen wir dem Film das alles ab? Sind die Menschen wirklich so bescheuert? Wer ist dieser Thierry Guetta, der das behaupten darf? Mit dem Wissen um den Epilog in der Realität, die erfolgreiche Ausstellung der Marke „Mr. Brainwash“, liest sich der Film noch einmal anders: Guetta ist das Medium, mit dem sich Banksy einmischt, dem Kunstmarkt zeigt, was er ist - jenseits von illegalen Nacht-und-Nebel-Spray-Aktionen.

Sehnsucht nach dem großen Coup

Die Menschen kommen in Scharen und wollen teilhaben - warum? Das Publikum sehnt sich nach Ereignissen, die zumindest scheinbar in die Geschichte eingehen. Und sie hoffen auf einen ökonomischen Coup, auf steigende Preise, wie man sie bei Banksy in der Anfangszeit erleben durfte. Und Mr. Brainwash beziehungsweise Banksy weiß, wie man die Menge lockt: Die ersten 250 Besucher erhielten in London ein signiertes Poster. Marketing ist alles - auch in der Trash-Kunstszene.

Der Bayerische Rundfunk zeigt jetzt „Exit Through the Gift Shop“ in einer Reihe mit anderen Kunstdokumentarfilmen jeden Dienstagabend, unter anderen über Georg Baselitz und Andreas Gursky. Banksys unverschämter Guerrilladreh reibt sich vorteilhaft am Rest der Reihe und verändert sicherlich die Sicht auf die folgenden Filme.

Mehr zum Thema

Exit Through the Gift Shop läuft heute um 22.45 Uhr im BR-Fernsehen.

Quelle: F.A.Z.

 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Ausstellung The Observatory Auf der Suche nach dem magischen Moment

Der Fotograf Sascha Weidner ist Anfang April gestorben. Das Stadtmuseum Hofheim zeigt im Rahmen des Festivals Ray nun andere Werke von ihm als geplant. Mehr Von Katharina Deschka-Hoeck

21.07.2015, 17:35 Uhr | Rhein-Main
Oscar-Verleihung Film über Edward Snowden ist bester Dokumentarfilm

Der Streifen über den amerikanischen Whistleblower Edward Snowden, der die NSA-Affäre ins Rollen brachte, hat einen Oscar für den besten Dokumentarfilm erhalten. Das Team hinter Citizen Four, Laura Poitras, Mathilde Bonnefoy und Dirk Wilutzky war nach der Preisverleihung glücklich und bewegt. Mehr

23.02.2015, 09:17 Uhr | Feuilleton
Kulturgutschutzgesetz Wut, Hysterie und Hybris

Ein diskretes Milieu steigt auf die Barrikaden: Sammler und Kunsthändler wehren sich gegen ein neues Kulturschutzgesetz. Aber protestieren sie wirklich gegen eine Nationalisierung deutscher Kunst? Oder verteidigen sie nur ihre Privilegien? Mehr Von Boris Pofalla

22.07.2015, 19:23 Uhr | Feuilleton
Gazastreifen Banksy-Gemälde weit unter Wert verkauft

Der bekannte Straßenkünstler Banksy hat bei seinem Besuch im Gazastreifen mehrere Bilder hinterlassen. Für manche Palästinenser ist das ein Grund zur Freude, doch einer von ihnen verkaufte seine durch eine griechische Banksy-Göttin veredelte Tür aus Unkenntnis wohl weit unter Preis. Mehr

03.04.2015, 16:37 Uhr | Gesellschaft
Die Kunst der Achtziger Die Freiheit der genialen Dilletanten

Die achtziger Jahre leben auf riesigen Leinwänden. Ausstellungen in Frankfurt, München und Augsburg zeigen die damaligen Künstler als gut ausgebildete Dilettanten. Ihre Werke sind vieles, aber nicht subversiv. Mehr Von Julia Voss

23.07.2015, 11:31 Uhr | Feuilleton

Veröffentlicht: 15.01.2013, 17:40 Uhr

Glosse

Der wahre Tourist tourt nicht

Von Jürgen Kaube

Im Durchschnitt halten sich jene Touristen, die nicht Strände frequentieren, kaum länger als zwei Tage an einem Reiseziel auf. In seinen „Schriften zur Technik“ befasst sich der Philosoph Hans Blumenberg mit dem Preis dieser Rastlosigkeit. Mehr 1 2