Je näher man ein Wort ansieht, desto ferner sieht es zurück, heißt es in einem alten Film von Alexander Kluge. Dann folgt eine Einblendung: „Deutschland“. In diesem Jahr dagegen lautet das Wort, das aus der Ferne zurückschaut, „Friedrich“. Manche ergänzen „der Große“, andere setzen nur eine römische Zwei dahinter, wie es der preußischen Königszählung entspricht. So oder so, man entkommt ihm nicht, weder auf Theater- und Opernbühnen noch in Konzerthallen, und in den Museen schon gar nicht. Und das hat so schon seine Richtigkeit - schließlich haben das ganze neunzehnte Jahrhundert und ein Gutteil des zwanzigsten um sein Bild gerungen, sein Erbe, seinen Nachruhm, haben ihn Generationen von Künstlern und Historikern idealisiert, popularisiert und instrumentalisiert. Und das alles für „Deutschland“, so wie es aus preußischer, antipreußischer, wilhelminischer, republikanischer oder nationalsozialistischer Perspektive jeweils gesehen wurde. Sehr nah glaubte Friedrichs Nachwelt ihm damals zu sein. Und sehr fern blickt er heute von dort zurück.
Das Deutsche Historische Museum, dessen Dauerausstellung in jenem Zeughaus residiert, in dem einst die Waffen und Uniformen für Friedrichs Armee aufbewahrt wurden, dokumentiert das Nachleben des Preußenkönigs in Form eines Bilder- und Skulpturenarsenals. „Friedrich der Große - verehrt, verklärt, verdammt“, die Hommage des Museums zum dreihundertsten Geburtstag des Monarchen, ist weniger eine Ausstellung als eine Parade, ein Aufmarsch der zahllosen, auch heute längst nicht beendeten Versuche, den Sieger von Leuthen und Tischgenossen Voltaires auf Papier und Leinwand, in Bronze, Gips und Porzellan zu bannen.
Eines der wenigen Objekte, die noch von Friedrich selbst stammen, ist sein blutbeflecktes Totenhemd, das mit seinem Spitzenbesatz an Hals und Ärmeln durchaus königlich, in seinem Zuschnitt aber rührend klein und dürftig wirkt. „Wie ein Kinderleib“ sei die Leiche des 74-Jährigen gewesen, schreibt Thomas Mann in seinem Aufsatz über „Friedrich und die große Koalition“ - „ein Kobold, ein ungeschlechtlicher, boshafter Troll“, der gleichwohl „große, notwendige Dinge“ in die Wege leitete, den Aufstieg Preußens zur Großmacht, die Reform des Staats, die Einigung Deutschlands. Nichts davon sieht man diesem Leinenhemd an; man muss es erst hineinlegen, um es dann in ihm wiederzufinden.
Im Katalog liegt mehr Erkenntnis als in den Schauräumen
Und darin liegt das Problem der Ausstellung. Mit Gemälden, Stoffen, Stichen, Drucken, Bronzen, Zinnfiguren, Tabaksdosen und Plakaten lässt sich vieles illustrieren, ein Wechsel der Formen ebenso wie ein Wandel der Mentalität; aber die geschichtlichen Kräfte, die hinter diesen Oberflächen wirken, erkennt man dadurch nicht. Der Tiefpunkt, den das Ansehen Friedrichs des Großen während der Befreiungskriege erreichte, als sein „Franzosentum“ als Gipfel des Vaterlandsverrats galt, wird im DHM so wenig sichtbar wie die Rolle, die seine zum Kriegshelden verkürzte Gestalt in der Zeit der Gesinnungskämpfe zwischen „großdeutschen“, also habsburgfreundlichen, und „kleindeutsch“-preußischen Patrioten vor der Reichsgründung von 1871 und später im Kulturkampf zwischen Bismarck und der katholischen Kirche spielte. Noch gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts tat man gut daran, den Namen des Königs in Bayern nicht allzu laut auszusprechen, wie Philipp von Eulenburg in einem Brief an seinen Freund Wilhelm II. bemerkte - während ebenjener Hohenzollernkaiser in Berlin in altpreußischer Generalsuniform zum Kostümball ging, allsommerlich bequem im sanitär aufgerüsteten Neuen Palais seines Urahnen hauste und sich mit seiner Familie vor dem Reiterdenkmal Friedrichs in Sanssouci porträtieren ließ.
Dies alles liest man, wenn überhaupt, im Katalog zur DHM-Ausstellung. In den Schauräumen selbst erfährt man es nicht. Hier regiert die Pracht der Objekte: Bilder von Pesne, Franke, Warthmüller, Ziesenis (dem einzigen Maler, dem der „Alte Fritz“ Modell saß), Skarbina und Corinth, Stiche von Chodowiecki und Menzel, Repliken der Denkmäler von Schadow und Rauch, Wahlplakate der DVP, DNVP, NSDAP. Je weiter der Friedrichkult fortschreitet, desto absurder wird er: Die Tabakfabrik Knippenberg nutzt den Feind des Rauchens, die Firma „Friedrichsbräu“ den Bierverächter F. als Werbefigur, der Zirkus Busch, die SS, der gleichgeschaltete „Simplicissimus“ und zuletzt sogar die Rote Armee beschwören seinen Geist. Am Ende steht die totale Erschöpfung einer Ikone, die für alles herhalten musste, was mit Pflicht, Gehorsam, Nation, Disziplin und Sparsamkeit zu tun hatte, mit Werten also, zu denen der Herr des Kultes selbst ein durchaus quecksilbriges Verhältnis pflegte.
Und die Ermüdung des Besuchers. Der Ausstellungsstil der Ära Ottomeyer, die Einschüchterung des Publikums durch ein Überangebot an Objekten, behauptet sich, wie man hier sieht, auch unter dem neuen Direktor Alexander Koch, und es kann noch einige Zeit dauern, bis das DHM seiner wichtigsten Aufgabe, historische Vorgänge in der gebotenen Komplexität anschaulich zu machen, wieder gerecht wird. Bis dahin muss man seine Präsentationen als Ausdruck einer Sammelwut betrachten, die mit dem Preußenkult vor 1945 manches gemeinsam hat. Auch wenn das nicht das Ziel der Übung war.
Ein Drama zwischen Künstler und Obrigkeit
Vielleicht kann man die Ausstellung zu den Friedrich-Bildern Adolph Menzels, mit der die Alte Nationalgalerie das Jubiläumsjahr begeht, auch deshalb mehr genießen, weil sie statt vieler Geschichten nur eine Geschichte erzählt. Es ist der Roman einer großen Leidenschaft. Sie beginnt im Frühjahr 1839, als der dreiundzwanzigjährige Menzel von seinem Freund Franz Kugler den Auftrag erhält, zu dessen „Volksbuch“ über Friedrich den Großen die Illustrationen zu machen. Das Buch bleibt zunächst ein Ladenhüter, auch Menzels Holzschnitte werden kritisiert; der alte Schadow findet sie „zu fantastisch“. Aber Menzel ist gepackt. Er fährt nach Sanssouci, misst mit dem Zollstock die Säle aus, zeichnet Statuen, Vasen, Uniformen, liest, kopiert, paust sogar Pesnes Gemälde ab.
Vierzig Jahre lang wird er nun „Fritziana“ machen, vom „Flötenkonzert in Sanssouci“ (das von den Dekorateuren der Ufa später penibelst nachgestellt wurde) und der „Bittschrift“ bis zur Vignette in den „Werken Friedrichs des Großen“, von impressionistisch angehauchten Gouachen bis zu peniblen Kleider- und Figurenstudien. Die Zeitgenossen reißen sich um Menzels Bilder, doch der Maler selbst wird dabei immer unglücklicher, denn was die Obrigkeit ihm mit der einen Hand gibt, entzieht sie ihm mit der anderen. Seine lehmigen Malgründe und unköniglichen Posen seien nicht „courfähig“, heißt es, und auch der kauzige Humor, den er in seinen Skizzen und Entwürfen auslebt, eckt immer wieder an. Im Jahr 1867, als sich die deutsche Einigung unter preußischer Hegemonie bereits abzeichnet, kommt es zum Eklat. Menzels „Ansprache bei Leuthen“ soll für die im Bau befindliche Nationalgalerie angekauft werden, doch Wilhelm I. mäkelt an dem Bild herum, er findet den König zu klein, seine Offiziere zu groß dargestellt. Menzel nimmt die „Ansprache“ zurück, zerkratzt sie im Zorn mit einem Messer, stellt die Arbeit ein. Nie wieder wird er ein großes Friedrich-Bild malen.
Die Alte Nationalgalerie braucht dieses Künstlerdrama, das eigentlich ein Liebesdrama ist, nicht aufdringlich auszudeuten. Es genügt, seine Stationen nachzuzeichnen: lauter Beweise einer Sehnsucht, die nie zu stillen war. Denn je mehr sich Menzel in die Physiognomie des Königs vertiefte, desto schmerzlicher spürte er, dass er ihm dabei dennoch keinen Deut näher kam. Er malte die fritzischsten aller Porträts des Alten Fritz, er prägte das Bild des Philosophen von Sanssouci auf Jahrhunderte hinaus, aber am Ende gab er es auf. Die Stelle, an der in der „Ansprache von Leuthen“ der Sprecher stehen sollte, blieb leer. Jeder kann sich dort hineindenken, was er will. Noch besser aber ist es, man lässt das Andenken weiß.
De-Nobilitierung posthum
Hinrich Mock (HinrichM)
- 25.03.2012, 15:51 Uhr