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Ausstellung zur „Polenaktion“ : Sie bauten sich eine eigene Stadt

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Wer heute nach den Spuren der Notquartiere sucht, wo Juden aus Deutschland oft Monate ausharrten, muss zweihundert Kilometer vor der Hauptstadt aus dem Berlin-Warschau-Express aussteigen. Bild: Yad Vashem

Und manch einer überlebte in Sibirien: Eine Berliner Ausstellung erinnert an die Ausweisung der polnischen Juden aus Deutschland im Herbst 1938.

          Am Bahnsteig von Bentschen hängt ein großes historisches Foto des Lagers für polnische Juden, die ab dem 28. Oktober 1938 aus ihren Wohnungen im Deutschen Reich gerissen und an die deutsch-polnische Grenze transportiert wurden. Heutige Reisende mahnt es: „Ein Koffer ist nicht immer das Symbol für eine Reise.“ Das von Wojciech Olejniczak initiierte Projekt „Zbaszyn1938.pl“ dokumentiert im Internet auf Deutsch, Polnisch und Englisch Fotografien und Berichte der Ausgewiesenen.

          Anita Rucioch-Golek hat mit ihren Schülern vom Lyzeum in Bentschen einen Rundgang durch die jüdische Geschichte der Stadt entwickelt, in dem die Orte der sogenannten „Polenaktion“ eine besondere Rolle spielen. Die Kleinstadt lag ab 1920 an der neuen Grenze zwischen dem Deutschen Reich und der Polnischen Republik. Achtzehn Jahre später wurde sie aufgrund der Lage an der Eisenbahnstrecke zum ersten Sammellager für mehr als achttausend polnische Juden, die aus dem Deutschen Reich ausgewiesen wurden und zunächst keine Zuflucht bei Familien in Polen fanden oder auf ein Visum für ein anderes Land warteten.

          Hinter der Phantomgrenze

          Wer heute nach den Spuren der Notquartiere sucht, wo Juden aus Deutschland oft Monate ausharrten, muss, zweihundert Kilometer von Berlin entfernt, aus dem Berlin-Warschau-Express aussteigen. Eine Station weiter, mit der Regionalbahn, liegt die nach dem Ersten Weltkrieg gegründete Stadt Neu-Bentschen. Zwischen beiden Orten, die auf Polnisch Zbąszynek und Zbąszyń heißen, liegt eine Phantomgrenze, die bis 1939 existierende Ostgrenze des Deutschen Reichs.

          Eine von Alina Bothe kuratierte Ausstellung im Berliner Centrum Judaicum zeigt, wie die Ausgewiesenen 1938 die letzten sechs Kilometer zwischen der Grenzstation in Neu-Bentschen und dem Bahnhof in Bentschen mit ihren Kindern und dem einzigen erlaubten Koffer pro Person unter größten Strapazen zurücklegen mussten. Den Anstoß für die als „Polenaktion“ bezeichnete Zwangsaussiedlung von 17.000 polnischen Juden gab ein neues polnisches Gesetz vom März 1938. Doch es zielte vor allem auf polnische Juden im Deutschen Reich, wo sie längst der systematischen nationalsozialistischen Diskriminierung ausgesetzt waren, begleitet von einer immer aggressiveren Medienkampagne gegen „Ostjuden“. Die polnische Regierung nutzte ihrerseits die Not und Ungewissheit der in Bentschen Festsitzenden als Ressource in den Verhandlungen über ihre Umverteilung innerhalb Europas. Die Situation in Bentschen, so Bothe, spielte etwa in der britischen Diskussion über die Organisation von Kindertransporten eine wichtige Rolle.

          Rekonstruierte Familiengeschichten

          Die Stärke der gemeinsam mit Studenten der Freien Universität erarbeiteten Ausstellung besteht darin, dass sie die Geschichte der „Polenaktion“ am Schicksal von sechs Familien erzählt. Veronique Mickisch rekonstruierte die Geschichte der Familie Adler, die seit dem Vorabend des Ersten Weltkriegs in Berlin lebte und in Kreuzberg ein Pelzgeschäft betrieb, bis sie 1935 zur Aufgabe gezwungen wurde. Vater und Sohn stellten sich den Behörden und wurden nach Polen ausgewiesen. Die in Berlin Zurückgebliebenen erlebten 1938 den Novemberpogrom; im folgenden März wurden dann auch Sabina Adler und ihre Kinder ausgewiesen.

          Durch den Fokus auf einzelne Familien ordnet die Ausstellung den strapaziösen Aufenthalt in Bentschen in den Kontext nationalsozialistischer Herrschaft ein und erzählt zugleich konkret, was die Flüchtlinge erwartete. Leo Adler wurde noch im September 1939 zusammen mit anderen Juden in der Kleinstadt Dynów von einer Einsatzgruppe der SS ermordet. Seiner Frau und den Kindern gelang die Flucht in den sowjetisch besetzten Teil Polens. Da sie aber die sowjetische Staatsbürgerschaft nicht annehmen wollten, wurden sie nach Sibirien deportiert. Sie überlebten, kamen nach Kriegsende als „Displaced Persons“ nach Kulmbach und konnten 1948 nach Israel ausreisen.

          Im Begleitband zur Ausstellung setzen sich die Autoren kritisch mit den Begriffen Ausweisung, Abschiebung und Deportation auseinander. Sie verweisen darauf, dass in zeitgenössischen Berichten die Rede von Deportationen gewesen sei, die Lagerinsassen sich aber selbst oft als Flüchtlinge beschrieben. Gegen die Verwendung des Begriffs Ausweisung würde sprechen, dass es sich bei der „Polenaktion“ um einen systematisch vorbereiteten Akt handelte, der in aller Öffentlichkeit stattfand und mit erheblicher physischer Gewalt einherging. Doch mit Blick auf die späteren Transporte in die Vernichtungslager verbiete sich die Verwendung des Begriffs Deportation. Betrachtet man das Lager nicht allein im retrospektiven Schatten der Schoa, erteilt Bentschen noch eine wichtige Lektion: Flüchtlinge sind keine passive Masse von Opfern staatlicher Gewalt, sie haben selbst das Potential, ihre Situation zu verändern. Da das Lager in Bentschen nicht vom polnischen Staat eingerichtet wurde, sondern indirekt vom deutschen Staat erzwungen wurde, war es vor allem an den jüdischen Insassen, ihren Alltag selbst zu organisieren.

          Polen als Staat beschränkte gezielt die Möglichkeit, Bentschen zu verlassen, so dass auch nach den ersten Wochen noch immer mehr als fünftausend Menschen bleiben mussten. Emanuel Ringelblum, der spätere Chronist des Warschauer Gettos, hat in mehreren Briefen von seinem zweimonatigen Einsatz als Freiwilliger Zeugnis abgelegt. Er koordinierte die Verteilung von Gütern der jüdischen Hilfsorganisation Joint. Am 6. Dezember 1938 schreibt er seinem Freund Rafael Mahler: „Innerhalb weniger Wochen haben wir eine ganze Stadt für die Flüchtlinge errichtet – dort gab es eine Versorgungsabteilung, ein Krankenhaus, eine Tischlerwerkstatt, Schneider, Schuster, Buchläden, Büros für juristische Beihilfe und sogar eine Migrationsabteilung, eine eigene Post mit 53 Mitarbeitern und ein Büro für Soziale Fragen, ein Organisationskomitee (...) sowie einen Reinigungsdienst und eine Sanitätsstation.“ Nur zwanzig von mehr als vierhundert Helfern seien nicht selbst Flüchtlinge gewesen.

          Es wäre falsch, das Lager von Bentschen mit den geplanten Lagern gleichzusetzen, die bald überall im Süden der Europäischen Union entstehen sollen. Die Ausgewiesenen von 1938 waren trotz ihrer polnischen Staatsbürgerschaft zuvor Teil der deutschen Gesellschaft. Doch war die „Polenaktion“ ein Radikalisierungsschritt in der nationalsozialistischen Judenpolitik, die wenig später zum Holocaust führte.

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