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Ausstellung zu Zukunftsbildern : Gegenwart war gestern

Warum ewig in der Retro-Schleife hänge? Das Morgen war noch nie so nah wie heute. Wie Avantgardisten die Zukunft herbeisehnten und Architektur neu dachten, zeigt das Wilhelm-Hack-Museum in Ludwigshafen.

          So wenig Lust auf Zukunft wie gegenwärtig war schon lange nicht mehr: Ob sie hoffnungsvoll ins neue Jahr gingen, wollten die Leute mit den Fragebögen vom Allensbach-Institut zu Silvester von den Deutschen wissen, und die Mehrheit antwortete ihnen, nein, im Gegenteil, sie sorgten sich eher. Von Zuversicht sprachen nur rund vierzig Prozent der Befragten; ein Jahr zuvor waren es noch sechsundfünfzig. Das mag man für ein kurzfristiges Stimmungstief halten in einem Land, dem die Flüchtlingskrise klarmacht, dass kein Zustand von Dauer ist, und sich Herausforderungen und Veränderungen aufdrängen, ob man nun will oder nicht. Dagegen hilft auch keine noch so heimelig vermeintliche Stabilität herbeidekorierende Retrowelle.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Wann also fängt die Zukunft an? Immerzu, und wer durch die glänzend bestückte Ausstellung im Ludwigshafener Wilhelm-Hack-Museum geht, das architektonische und städtebauliche Zukunftsvisionen der vergangenen hundert Jahre versammelt, dazu Design und Bildkunst, kommt nicht umhin zu denken: früher war mehr Aufbruch. Vor, zwischen und nach den Katastrophen des zwanzigsten Jahrhunderts und quer durch wirtschaftliche und gesellschaftliche Umwälzungen sollte immer wieder alles neu werden: neues Bauen, neues Wohnen, neue Kunst, neuer Mensch.

          Ideen für eine neue Wirklichkeit

          Dass das, was einmal Zukunftsvorstellung war - Modularchitektur, schwebende Schnellstraßen, auf denen ein ununterbrochener Verkehrsstrom fließt -, in der Realität oft nicht gerade menschheitsbeglückend geriet, sieht jeder, der den kurzen Weg vom Ludwigshafener Hauptbahnhof zum Museum geht. Die zwanzig Stationen der Ausstellung, die mit mehr als dreihundert Werken von annähernd hundertfünfzig Künstlern aufwartet und dabei kräftig aus der eigenen Sammlung schöpft, stellen das Morgen von gestern nicht als Lösungen für das Heute dar. Sondern als Kette historischer Ansätze, das noch Unsichtbare, bloß Vorgestellte sichtbar zu machen - auf dass es Wirklichkeit werde.

          Schwereloses Gleiten durch unwirtliche Welten zeigt Hussein Chalayans Ein-Monitor-Installation „Place to Passage“ von 2003

          Es geht um Fragen nach dem Morgen in „Wie leben? Zukunftsbilder von Malewitsch bis Fujimoto“, die den Bogen von der russischen Avantgarde bis zur Gegenwart spannen. Es geht aber auch - gleichsam unausgesprochen, weil die Schau ideologische und theoretische Hintergründe nur en passant steift - um die Suche nach vermeintlich universellen Regeln für das Leben in der Zukunft, um Normierung und die Einhegung des Menschen in Kästen, Kapseln und Röhren, im Dienste bestimmter Gesellschaftsmodelle.

          Die mehr Figurinen als Individuen gleichenden Arbeiter auf den Gemälden von Gerd Arntz, Franz Wilhelm Seiwert und Oskar Nerlinger aus den zwanziger und dreißiger Jahren illustrieren, wie die Industrialisierung den Menschen zum kalkulierbaren Teil einer Maschinerie machte. Die russische Avantgarde antwortete mit Bejahung auf diesen Prozess, der Künstler wird zum „Konstrukteur“. El Lissitzkys Selbstbildnis mit diesem Titel von 1924, eine Fotomontage mit Millimeterpapier und Zirkel, steht programmatisch für das Projekt, sich selbst und die Welt mit Hilfe der Mathematik neu zu konstruieren, als technisches Gebilde und Abstraktum.

          Ökologisch, digital gesteuert und himmelhoch: Vincent Callebauts Entwurf „Asian Cairns, Shenzhen, China“ (2013)

          Von hier aus lässt die Ausstellung den Zeitstrahl Richtung Zukunft losschießen, entlang einer wie nicht unterbrochen wirkenden Line: Von El Lissitzkys Entwürfen für Wolkenbügelhäuser in Moskau (die vorausweisen auf die Kranhäuser in Köln) geht es zu Piet Mondrians Primärfarben-Kompositionen und ihr Echo wie in Gerrit Thomas Rietvelds „Rot-Blauem Stuhl“, der auch als Nachbau davon zeugt, das universelle Farb- und Formharmonie nicht zwingend Bequemlichkeit nach sich zieht. Gleichsam den Ausbruch aus dem Raster, wie es De Stijl kultivierte, zeigen die Architekturmodelle und Fotografien ausgewählter Bauten von Le Corbusier und Mies van der Rohe: gebaute Zukunftsvorstellungen, die neben nie realisierten wie einem Modell von Walter Jonas’ Trichterstadt (1965) stehen.

          Schon Malewitsch träumte von Wohnraum in riesigen Raumfähren, die als „Häuser der Zukunft“ um die Erde kreisen sollten. Jenseits der Gegenwart, darüber herrscht ein erstaunlicher Konsens über die Epochen hinweg, sollen wir nach Vorstellung der Baumeister und Bildkünstler zu vielen wohnen und möglichst weit oben. So ist es ja auch gekommen, und so variieren es zahlreichen Architekturentwürfe von Heinz Rasch (1956) über Arata Isozaki (1982) bis Vincent Callebaut (2013). Callebauts Projektion einer komplett digital gesteuerten, ökologischen und smarten Megacity setzt sich aus Sphären zusammen, die tatsächlich beinahe aussehen, als schwebten sie. Futuristischer als Fritz Langs „Metropolis“, das als Referenzgröße nicht fehlen darf, wirkt es nicht.

          Offenes Wohnen, smarte Städte

          Schweben, fliegen, transformieren, neue Räume erobern - die Sektionen über die Zukunftsbilder der sechziger Jahre, die der Raumfahrt huldigten und kosmisches Bewusstsein suchten, bilden den eigentlichen Schwerpunkt der Ausstellung. Glas als Werkstoff der Zukunft, wie es sich das frühe zwanzigste Jahrhundert vorstellte, wird mit einem Modell von Tauts Glashaus für die Kölner Werkbundausstellung 1914 rasch abgehandelt, aber Designstücke aus Plastik zeigt die Ausstellung in Hülle und Fülle, die von der BASF anlässlich ihres hundertfünfzigjährigen Bestehens finanziert wurde. Stromlinienförmiges Industriedesign trifft auf Psychedelisches, Inneneinrichtungen mit Stahlrohrmöbeln auf lichtdurchflutete utopische Visionen von Licht und Leere, wie sie der Zero-Künstler Heinz Mack in der tunesischen Wüste für seinen Film „Tele-Mack“ inszenierte.

          Und heute? Treibt eher die Vermüllung der Welt die Künstler um, wie Dan Tobin Smiths Installation „The First Law of Kipple“ von 2014 zeigt: Kunststoffzeugs aus dem Haushalt, nach Farben sortiert, über den Boden verteilt, eine Landschaft des Abfalls. Oder Terreform ONEs Skulpur „Rapid Re(f)use“, die aufzeigen soll, wie eine stillgelegte Mülldeponie umgestaltet werden könnte: als Kreislauf von Aufbau und Abbau ohne Abfall. Oder Leben wie in einem dreidimensionalen Wald, entworfen von dem japanischen Architekten Sou Fujimoto. Die Zukunft, sie ist noch nicht gebaut.

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