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Rainer Werner Fassbinder : Luftdicht in Vitrinen

Rainer Werner Fassbinder war der wichtigste Regisseur der alten Bundesrepublik. Eine Berliner Ausstellung versucht, ihn noch einmal in die Gegenwart zu holen.

          Ein paar Jahre lang, als wir nicht mehr nur ins Kino gingen, sondern anfingen, übers Kino zu schreiben, Mitte der achtziger Jahre war das, da drehte sich im deutschen Film scheinbar alles um die Frage, wie es weitergehen solle ohne Fassbinder. Und kaum dass einer zum Nachfolger ausgerufen wurde, da war er auch schon wieder verschwunden, bis dann irgendwann in den neunziger Jahren, wenn nicht gleich die Erinnerung an Fassbinder, dann doch bei vielen das Gefühl verschwunden war, es müsse jetzt noch Filme geben wie seine.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Die Ausstellung, die jetzt im Berliner Gropius-Bau eröffnet wird, eine Koproduktion zwischen den Berliner Festspielen, dem Deutschen Filmmuseum in Frankfurt und der Rainer Werner Fassbinder Foundation, heißt „Fassbinder – Jetzt“. Das „Jetzt“ ist in Versalien gedruckt, als müsse man es besonders betonen, weil man der These nicht ganz traut, die sich darin verbirgt. Und dieses „Jetzt“ hat, wenn man als Student im Kino „Die Ehe der Maria Braun“ (1979) oder „Querelle“ (1982) gesehen oder als Schüler eine Serie wie „Acht Stunden sind kein Tag“ (1972) im Fernsehen erlebt und erst später verstanden hat, auch etwas Gespenstisches, weil es daran denken lässt, dass Rainer Werner Fassbinder am 31. Mai siebzig Jahre alt geworden wäre.

          Man kann sich Fassbinder mit siebzig überhaupt nicht vorstellen, bei dem Tempo, in dem er gearbeitet hat, 41 Filme in 13 Jahren, bei dem Lebenswandel, den Drogen, den Exzessen, mit denen er sich verausgabt und seine Gesundheit ruiniert hatte, als er, gerade 37 Jahre alt, am 10. Juni 1982 starb; nur zwölf Tage übrigens nach Romy Schneider, die man wahnsinnig gerne einmal in einem seiner Filme gesehen hätte. Aber das sind so Wünsche und Phantasien, die einem nur im Museum und im Irrealis durch den Kopf gehen, wenn man einen Brief von ihr an Fassbinder liest.

          Die Ausstellung bevorzugt den Indikativ. Sie will zeigen, wer Fassbinder war und was er bewirkt hat. Man sollte dieses Bild nicht automatisch mit der Wahrheit verwechseln, es ist auch keine Legende, eher eine amtliche Version, wie sie die Fassbinder Foundation formuliert, die sich um Digitalisierung und Restaurierung der Filme verdient gemacht hat und von Juliane Lorenz, Fassbinders Cutterin und letzter Lebensgefährtin, geleitet wird. Dass einige Mitglieder der großen, naturgemäß zerstrittenen und schon zu Fassbinders Lebzeiten in Eifersüchteleien verwickelten Künstlerfamilie Juliane Lorenz Ausgrenzung und Monopolisierung der Erinnerung vorwerfen, das ist, wo es um öffentliches Erinnern und Gedenken geht, ein unvermeidliches Betriebsgeräusch.

          Angst vorm Alleinsein

          Wie man Fassbinder wahrnahm, das ist im ersten Raum zu sehen. Internationale Schlagzeilen, die ihn mal zum „Messias“, mal zum „Kraftwerk“ machen, dazu neun Monitore mit Interviewausschnitten, die das Image vom ungepflegten Spießerschreck der späten sechziger und siebziger Jahre dokumentieren, vom Berserker, der seine Theatergruppe, im Geist der rebellischen Zeiten, „antitheater“ nannte, der sich gern ungehobelt und maulfaul gab und unglaublich belesen, begeisternd und begeisterungsfähig gewesen sein muss. Bereit, den Anführer zu geben, bereit, sich zu exponieren, getrieben von Arbeitswut und von der Angst vorm Alleinsein.

          Etwas davon klingt immer auch in diesen unvergesslichen Filmtiteln nach, der leichte Eishauch von Melville im Debüt „Liebe ist kälter als der Tod“ (1969), die Mischung von Poesie und Bedrohlichkeit in „Warnung vor einer heiligen Nutte“ (1971), „Götter der Pest“ (1969) oder „In einem Jahr mit 13 Monden“ (1978). Und in diesem einen Titel, der auch alle anderen umfasst: „Ich will doch nur, daß ihr mich liebt“ (1975).

          Man sieht im Gropius-Bau Fassbinders Arbeitswelt: eine Diashow an der Wand, Bilder von Dreharbeiten. Man hört sie auch: Auszüge der Bänder, auf die er in nur drei Tagen das Drehbuch zu „Berlin Alexanderplatz“ (1980) diktierte. Ein paar Meter weiter das voluminöse Tonband und die Schreibmaschine, auf der seine Mutter das Band abtippte. Ein Flipperautomat, ein Bayern-Trikot mit der Nummer acht, von Paul Breitner. Fassbinder liebte den Fußball, und er liebte Listen, in kleiner Schrift findet man auch Tabellen oder Mannschaftsaufstellungen zwischen Drehbuchskizzen. Tablets direkt an den Vitrinen erlauben den Besuchern das Blättern in Drehbüchern und Storyboards. Und an der Wand ein Regal mit Video-2000-Kassetten, einem verschollenen Format. Viel Hitchcock, viel Michael Curtiz, Douglas Sirk und Wolfgang Staudte.

          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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          Das Konzept der Ausstellung bleibt streng. Es gibt, wie in einer guten Filmeinstellung, nicht mehr zu sehen, als Besucher sinnvoll aufnehmen können. Kein Overkill, Reduktion ist das Prinzip. Auch bei den Kostümen von Barbara Baum, denen ein eigener Raum gewidmet ist. Das Silberlamé-Kleid, das Hanna Schygulla als Lili Marleen trug; Maria Brauns Leopardenfellkragenmantel; oder der Matrosenanzug aus „Querelle“. Mit diesen Exponaten passiert etwa Seltsames, wenn man vor ihnen steht. Jenseits der Leinwand erscheinen sie unwirklicher als assyrische Spangen oder römische Scherben. Als wären die Kleider trotz ihrer Stofflichkeit entmaterialisiert, selber ein Teil jener Kinofiktion geworden, in der sie von einer Figur getragen wurden.

          Worin die Ausstellung sich vom üblichen Regie-Helden-Gedenken unterscheiden will, das ist die Konfrontation von Fassbinders Werk mit der bildenden Kunst, mit Installationen, kurzen Filmen und drei dieser immer wieder grandiosen, riesigen, leuchtenden Dias von Jeff Wall, der Fassbinder oft als Inspiration genannt hat. Die insgesamt acht Arbeiten sollen nachweisen, dass und wie Fassbinders Werk in die bildende Kunst hineingewirkt hat, bis heute.

          Um diese Querverbindungen und Diffusionen sichtbar werden zu lassen, beginnt dieser Teil der Schau mit einer schönen Kompilation von Kamerafahrten aus Fassbinder-Filmen, natürlich mit der berühmten Kreisfahrt aus „Martha“, die Fassbinder und sein Kameramann Michael Ballhaus 1974 gemeinsam entwickelt, verfeinert und später auch separat variiert haben. Die Künstlerin Runa Islam hat diese Fahrt mit zwei Schauspielern 1998 nachgestellt und parallel gezeigt, wie sie technisch „hergestellt“ wurde. Was man auf den drei Leinwänden der Installation „Tuin“ sieht, zieht einen zugleich in den Raum des Films hinein. Nicht alle künstlerischen Arbeiten jedoch wirken in ihren Bezügen schlüssig oder zwingend; die eine oder andere entfaltete sich womöglich besser, wenn sie aus der Beweispflicht entlassen wäre.

          Und dann bleibt man, zwischen zwei Installationen, wieder gebannt stehen in einem Raum mit drei Leinwänden. Ausschnitte aus 14 Fassbinder-Filmen, mit wiederkehrenden Motiven und Stilmitteln und auch schauderhaft hässlichen, kulturhistorisch sehr relevanten Tapeten. Man sieht die Rahmen, die Kadrierungen, das Faible für bestimmte Bildkompositionen; orientiert sich im Durcheinander, fragt sich, wie einer bis zu vier oder fünf Filme in einem Jahr drehen konnte, Gangsterfilmableger, Historisches wie „Fontane Effi Briest“ (1974), Melodramen mit Widerhaken, Science-Fiction. Ein Auf und Ab und Hin und Her, ein bisschen „Volkskunst“, wie Fassbinder das manchmal nannte. Selten sieht man dabei Landschaften, meist Menschen in Räumen, in der Enge, gefangen, auch in ihren Körpern – und die Befreiungsversuche.

          Leben und Werk in der Zeitkapsel

          Am Ende dieser Passage durch Erinnerungen, Werkschnipsel, Entwürfe, künstlerische Nebenwirkungen ist man ein wenig ratlos, was dieser Mann mit der Lederjacke (es gibt natürlich auch eine zu sehen), den meist viel zu großen Brillen und der ewigen Zigarette da angerichtet hat. Es bleibt, wie schon bei der Pasolini-Ausstellung im vergangenen Herbst, dieses leise Unbehagen, ein Leben & Werk in Vitrinen, Ausschnitten, Objekten geordnet und stillgestellt zu sehen. Der ganze Aufbruch und die Melancholie des Scheiterns, alles in einer Zeitkapsel luftdicht verpackt. Man kann das gar nicht den Machern der sehenswerten Ausstellung anlasten. Bei Temperamenten wie eben Pasolini und Fassbinder fällt es einem nur noch schmerzhafter auf, was passiert, wenn der Film ins Museum kommt.

          Man muss jetzt gar nicht wieder mit den beschwichtigenden Superlativen kommen vom wichtigsten/einflussreichsten/bedeutendsten Regisseur der Bundesrepublik. Alles geschenkt, alles nicht falsch. Schließlich hat Fassbinder selbst mal gesagt, er wolle fürs Kino sein, was Shakespeare fürs Theater, Marx für die Politik und Freud für die Psychologie war. Bescheidenheit hatte er nicht nötig. Und mit seinem Wunsch, Filme zu machen, „so schön und so kraftvoll und so wunderbar“ wie Hollywoodfilme und trotzdem nicht affirmativ – damit war er weit übers Autorenkino der siebziger Jahre hinaus, und nur zu gerne hätte man weiter zugeschaut, wie er versucht hätte, sich diesen Wunsch zu erfüllen.

          Die einzige Nagelprobe heute sind jedoch die Filme. Springt da noch ein Funken über? Aber ja, wenn man nicht schon völlig abgekühlt ist. Wie sind sie gealtert? Nicht alle gleich gut. Welche Gefühle, Sehnsüchte, welche Energie, welche Verzweiflung, Hoffnung, Wut sind da noch zu spüren? Oft mehr, als zu verkraften sind. Was erzählen sie nun, da sie zugleich zum Fenster geworden sind auf eine Vergangenheit, über deutsche Zustände und Befindlichkeiten, über die siebziger Jahre; und was, wenn man sie jetzt wiedersieht, über einen selbst? Mehr, als man zu wissen glaubte.

          „Fassbinder - JETZT“, Martin-Gropius-Bau, Berlin, bis zum 23. August. Katalog: 25 Euro

          Quelle: F.A.S.

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