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Rainer Werner Fassbinder : Luftdicht in Vitrinen

Etwas davon klingt immer auch in diesen unvergesslichen Filmtiteln nach, der leichte Eishauch von Melville im Debüt „Liebe ist kälter als der Tod“ (1969), die Mischung von Poesie und Bedrohlichkeit in „Warnung vor einer heiligen Nutte“ (1971), „Götter der Pest“ (1969) oder „In einem Jahr mit 13 Monden“ (1978). Und in diesem einen Titel, der auch alle anderen umfasst: „Ich will doch nur, daß ihr mich liebt“ (1975).

Man sieht im Gropius-Bau Fassbinders Arbeitswelt: eine Diashow an der Wand, Bilder von Dreharbeiten. Man hört sie auch: Auszüge der Bänder, auf die er in nur drei Tagen das Drehbuch zu „Berlin Alexanderplatz“ (1980) diktierte. Ein paar Meter weiter das voluminöse Tonband und die Schreibmaschine, auf der seine Mutter das Band abtippte. Ein Flipperautomat, ein Bayern-Trikot mit der Nummer acht, von Paul Breitner. Fassbinder liebte den Fußball, und er liebte Listen, in kleiner Schrift findet man auch Tabellen oder Mannschaftsaufstellungen zwischen Drehbuchskizzen. Tablets direkt an den Vitrinen erlauben den Besuchern das Blättern in Drehbüchern und Storyboards. Und an der Wand ein Regal mit Video-2000-Kassetten, einem verschollenen Format. Viel Hitchcock, viel Michael Curtiz, Douglas Sirk und Wolfgang Staudte.

Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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Das Konzept der Ausstellung bleibt streng. Es gibt, wie in einer guten Filmeinstellung, nicht mehr zu sehen, als Besucher sinnvoll aufnehmen können. Kein Overkill, Reduktion ist das Prinzip. Auch bei den Kostümen von Barbara Baum, denen ein eigener Raum gewidmet ist. Das Silberlamé-Kleid, das Hanna Schygulla als Lili Marleen trug; Maria Brauns Leopardenfellkragenmantel; oder der Matrosenanzug aus „Querelle“. Mit diesen Exponaten passiert etwa Seltsames, wenn man vor ihnen steht. Jenseits der Leinwand erscheinen sie unwirklicher als assyrische Spangen oder römische Scherben. Als wären die Kleider trotz ihrer Stofflichkeit entmaterialisiert, selber ein Teil jener Kinofiktion geworden, in der sie von einer Figur getragen wurden.

Worin die Ausstellung sich vom üblichen Regie-Helden-Gedenken unterscheiden will, das ist die Konfrontation von Fassbinders Werk mit der bildenden Kunst, mit Installationen, kurzen Filmen und drei dieser immer wieder grandiosen, riesigen, leuchtenden Dias von Jeff Wall, der Fassbinder oft als Inspiration genannt hat. Die insgesamt acht Arbeiten sollen nachweisen, dass und wie Fassbinders Werk in die bildende Kunst hineingewirkt hat, bis heute.

Um diese Querverbindungen und Diffusionen sichtbar werden zu lassen, beginnt dieser Teil der Schau mit einer schönen Kompilation von Kamerafahrten aus Fassbinder-Filmen, natürlich mit der berühmten Kreisfahrt aus „Martha“, die Fassbinder und sein Kameramann Michael Ballhaus 1974 gemeinsam entwickelt, verfeinert und später auch separat variiert haben. Die Künstlerin Runa Islam hat diese Fahrt mit zwei Schauspielern 1998 nachgestellt und parallel gezeigt, wie sie technisch „hergestellt“ wurde. Was man auf den drei Leinwänden der Installation „Tuin“ sieht, zieht einen zugleich in den Raum des Films hinein. Nicht alle künstlerischen Arbeiten jedoch wirken in ihren Bezügen schlüssig oder zwingend; die eine oder andere entfaltete sich womöglich besser, wenn sie aus der Beweispflicht entlassen wäre.

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