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Ausstellung zu Nicholas Nixon : Bebe und ihre Schwestern

Der amerikanische Fotograf Nicholas Nixon hat von 1975 bis 2014 jedes Jahr eine Aufnahme von vier Schwestern gemacht. Die Münchner Pinakothek zeigt nun die Fotografien, die das Momenthafte des Augenblicks fühlbar machen.

          Was ist ein Moment? Man braucht vierzig Bilder, nicht ein einziges, um eine Vorstellung davon zu bekommen, was das sein könnte – ein Moment. Vierzig Bilder hat der renommierte amerikanische Fotograf Nicholas Nixon von den vier Brown-Schwestern gemacht, seit 1975 alljährlich eine Aufnahme. Das Gruppenbild als Déjà-vu: gleiche Anordnung der Personen, gleiches Format. Eine von den vier Schwestern, Bebe (Dritte von links), ist Nixons Frau, die anderen heißen (von links nach rechts) Heather, Mimi, Laurie. Der Fotograf hat seine Langzeitarbeit aber nicht „Heather, Mimi, Bebe, Laurie“ genannt, sondern schlicht „The Brown Sisters“. Ihre Namenlosigkeit verstärkt die Undurchdringlichkeit der Mienen, mit denen die Schwestern Jahr für Jahr die immergleiche Aufstellung nehmen. Welche Spuren zeichnen sich in ihren Gesichtern ab, welche werden folgen?

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          In der Münchner Pinakothek der Moderne sind von heute an alle vierzig Bilder zu sehen, die zwischen 1975 und 2014 gemacht wurden. Der serielle Effekt erweitert den Moment nach hinten, in die Vergangenheit, und nach vorne, in die Zukunft. Es gelingt nicht, ein Bild für sich allein zu betrachten. Man sieht jedes Bild nur im Fluss der anderen Bilder. Man kann gar nicht anders, als eine Aufnahme von, sagen wir, 1992 in ein Verhältnis zu setzen zu allen früheren und späteren Bildern der Serie. Hier ist Gegenwartsfotografie auf der Höhe ihrer Möglichkeiten. Sie zeigt, dass Gegenwart, kaum greift man auf sie zu, sich als Chimäre erweist. Ganz im Moment, wird der Moment doch auf sein Vorher und Nachher hin entgrenzt – und hört also auf, eine kompakte Zeiteinheit zu sein. Jede Gegenwart der Brown Sisters lebt – zwanghaft, wenn man so will – von der Erwartung des Zukünftigen wie von der Erinnerung des Gewesenen. Ist diese Labilität des Momentanen den Schwestern durch die alljährliche Rechenschaft, die sie vor dem Fotografen leisten, besonders bewusst? Ihre Mienen verraten es nicht. Man kann es nur vermuten.

          Der Philosoph Edmund Husserl hat diesen Erlebnisfluss, in dem jedes Erleben mehr oder weniger bewusst steht, mit einer Melodie verglichen. Man nimmt nicht etwa eine Abfolge von Tönen wahr, sondern erst im Mithören der früheren (Retention) und späteren Töne (Protention) stellt sich das Melodieerlebnis ein. So ist es auch mit Nixons Bilderfolge. Sie ist ein Urbild des Erlebens von Zeit. Wenn man nicht aufpasst, überlagern das Früher und das Später so weitgehend das Jetzt, dass man den Stand verliert. Dann wird das Jetzt zum reinen Kreuzungspunkt anderer Zeiten, ohne eigenes Gewicht. Nehmen wir nur das Gesicht Mimis von 1978: Kann man ihm trauen, wenn man es mit ihrem Gesicht von 1975 oder 2014 überblendet? Ist sie hinter dem Augenschein eine andere geworden? Nein? In welchem Sinne blieb sie dann aber dieselbe? Die Brown Sisters sind, fotografisch einzigartig dokumentiert, mehr als ihre Zustände in der Zeit. So geht Leben im Moment.

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