An Calvins Gesicht, schreibt Stefan Zweig in seinem Exilbuch „Castellio gegen Calvin“, sei alles „hart und hässlich“ gewesen: „die enge und strenge Stirn, unter der zwei tiefe und übernächtigte Augen flackern, die scharfe, hakige Nase, herrschsüchtig vorgestoßen zwischen eingefallenen Wangen“, und jener „wie mit einem Messer geschnittene Mund“, der nie lächelte. Es ist das Porträt eines skrupellosen Diktators, des Stalins der Reformation, der die Bevölkerung der Stadt Genf als Geisel nahm, um mit ihr den Gottesstaat auf Erden zu errichten. In der Ausstellung über den Calvinismus in Deutschland und Europa, die das Deutsche Historische Museum in Berlin seit vorgestern zeigt, sucht man dieses Porträt vergebens.
Statt dessen trifft man einen Mann, der hinter seiner geschichtlichen Wirkung verschwindet. Zwar sind die von Zweig so gehässig geschilderten Züge des Glaubenslehrers, die hohlen Wangen, die lange Nase, der schmale Mund, auch auf Ferdinand Hodlers Calvin-Bildnis von 1884 gut zu erkennen, zwar gibt das Greisenporträt, das ein anonymer Franzose 1550 von dem damals erst Vierzigjährigen malte, erschöpfend Auskunft über die Mühen innerweltlicher Askese. Dann aber kommt die von Sabine Witt und Ansgar Reiß kuratierte Ausstellung rasch von der Person zur Sache: Glaubensstreit und Glaubenskrieg, Fürstenbünde, Bilderstürme, neue Kirchen und neue Kunst. Das ist gut calvinistisch gedacht - schließlich soll sich auch der Gläubige bei der Betrachtung von Gottes Weisheit nicht von menschlichen Gesichtspunkten irreführen lassen.
An getrennten Tischen
Andererseits wünschte man sich schon, die große Schau im DHM würde sich ein wenig ausführlicher mit der Vita jenes Mannes beschäftigen, der vor fünfhundert Jahren in der picardischen Kleinstadt Noyon geboren wurde und zum Gründer einer Glaubensrichtung wurde, deren Bedeutung für die Geschichte Europas kaum zu überschätzen ist. Ein halbes Jahrhundert nach Calvins Tod bekannten sich zwei von vier weltlichen Kurfürsten in Deutschland zu seinen Lehren, in Frankreich, England, Polen und Ungarn gab es starke reformierte Minderheiten, und mit den Niederlanden und der Schweiz spielten zwei calvinistisch geprägte junge Republiken im Konzert der europäischen Mächte mit.
Calvin selbst ahnte von alledem nichts, als er 1553 seinen Widersacher Michel Servet, dessen Konterfei das DHM etwas zu beiläufig präsentiert, den Genfer Stadtvätern auslieferte, die Servet auf den Scheiterhaufen schickten. Angeblich wollte Calvin dem gegnerischen Theologen den Feuertod ersparen, aber seine stille Billigung der Mordmethoden der katholischen Inquisition hat das Ansehen seiner Reformideen doch nachhaltig beschädigt. Auch deshalb gab es zwischen Calvinisten und Lutheranern lange Zeit keine Verständigung, nur jenen verbissenen Kleinkrieg, den die Ausstellung mit einem protestantischen Spottbild von 1574 belegt. Es zeigt Calvin und Zwingli beim Versuch, die Himmelsleiter zu erklimmen, um die „Lade der Geheimnus Gottes“ zu rauben. Den Erlöser haben die Calvinisten an seinen Thron gefesselt, damit er nicht zur Erde herabsteigen und beim Abendmahl unter ihnen weilen kann. An Jesu Statt bricht der Teufel mit ihnen das Brot.
Flüchtiger als Marmor
Die Niederlande, Heimat vieler wichtiger Leihgaben, bilden einen selbstverständlichen Schwerpunkt der Schau. Mit dem Freiheitskampf der Seeprovinzen gegen die Statthalter Spaniens gewann die junge Orthodoxie nicht nur historisches Gewicht, sondern auch eine weltliche Bastion, von der aus sie weitere Territorien Mittel- und Osteuropas eroberte. Hier liefen die Fäden einer religiös geprägten Heiratspolitik zusammen, durch die sich die calvinistischen Oranier mit gleichgesinnten Dynastien des deutschen und englischen Sprachraums verbanden. Noch im sechzehnten Jahrhundert wurden die Kurpfalz und Siebenbürgen reformiert, später folgten Brandenburg, Hessen-Kassel, Anhalt, Bremen und Ostfriesland. Als 1619 der pfälzische Kurfürst und bekennende Calvinist Friedrich die böhmische Königskrone errang, stieß die Bewegung ins Herz des Heiligen Römischen Reiches vor und löste dadurch den großen Gegenschlag aus: den Dreißigjährigen Krieg.
Wie die Reformation im Geiste Calvins im Alltag aussah, zeigt in der Ausstellung ein Gemälde von Dirck van Delen. In einem Gotteshaus, das nach dem Muster holländischer Hallenkirchen konstruiert ist, werden Statuen von ihren Sockeln gestürzt. Ein Marmortorso liegt in einer Ecke auf dem Boden, ein anderer wird gerade mit Hämmern zerklopft, Fledderer schleppen Bruchstücke fort, ein ängstlicher Mönch verbirgt sich hinter einer Säule. Der künstlerische Aderlass, den der Bildersturm mit sich brachte, wurde durch den Aufschwung der bürgerlichen Kunstproduktion freilich mehr als kompensiert. In dem Porträt Friedrichs V. von der Pfalz, das 1632, im Todesjahr des besiegten und heimatlosen „Winterkönigs“, in der Werkstatt von Gerrit van Honthorst entstand, ist beides gegenwärtig, die Blüte der niederländischen Malerei und die Tragödie des politischen Calvinismus in Deutschland. Zwar wurden jene Fürsten und Gläubigen, die sich Reformierte nannten - „qui inter illos reformati vocantur“ -, im Westfälischen Frieden erstmals offiziell anerkannt, aber der expansive Drang der Bewegung war gebrochen.
Die Religion des Geldes
Vor hundert Jahren hat Max Weber in seiner „Protestantischen Ethik“ den Aufstieg des Calvinismus mit der Geburt des neuzeitlichen Kapitalismus verknüpft. Auch wenn seine These seither vielfach relativiert und zerredet wurde, bleibt sie im Kern unwiderlegt, und auch diese Ausstellung widerlegt sie nicht. Die goldenen und silbernen Kannen, Becher und Kelche aus reformierten Kirchen künden zwar von den Reichtümern der Frommen, die dem Kapitalfluss auf diese Weise entzogen wurden, aber sie bezeugen zugleich den Gewerbefleiß, der das Kapital am Fließen hielt. Im Calvinismus gibt es für die Gläubigen kein käufliches Heil und keinen Ausweg ins Kloster. Sie sind Gott und einander ausgeliefert, so wie die Gemeinde in der Amsterdamer Nieuwezijds-Kapelle, die Hans van Baden 1658 gemalt hat, sich unter den Blicken ihrer Ältesten auf den Bänken ringsum duckt. Nur Frömmigkeit und Arbeitseifer bringen in diesem System gegenseitiger Überwachung soziales Ansehen ein. Die Reformation, schrieb Weber, habe die „Lebensmethodik“ aus den Klöstern ins weltliche Berufsleben hinausgetragen. Das gilt noch immer.
Mit den Kirchenunionen des neunzehnten Jahrhunderts ging der Calvinismus in Deutschland in der protestantischen Ökumene auf. In anderen europäischen Ländern hat er dagegen seine alten scharfen Konturen behalten, in kirchlichen wie in kaufmännischen Fragen. Eine denkwürdige Preziose der Ausstellung ist jene um 1840 entstandene Geldzählmaschine aus Bern, die die verbuchten Summen auf einem uhrenartigen Zifferblatt anzeigt. Unter dem Symbol der göttlichen Vorsehung stehen auf Französisch die Zeilen: „Ich wache über die Interessen des Gemeinwohls, gebe den Kunden Rechenschaft und biete Schutz gegen Irrtum und Kritik.“ Geld, so heißt es in einem Film des frommen Robert Bresson, sei unser sichtbarer Gott. Auf dem Berner Zifferblatt kann man ablesen, was das bedeutet.