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Geschichte der Einkaufszentren : Es war eine Mall in Amerika

„Dead Malls“ überziehen Amerika, doch noch immer wird so getan, als seien Einkaufszentren die Zukunft der Städte. Das Architekturmuseum in München zeigt eine entlarvende Ausstellung zur Geschichte der Shopping Mall – und lässt sich dabei korrumpieren.

          Bevor der Schweizer Architekt Justus Dahinden nach München kam, hatte er in Zürich eine Kirche entworfen, die ihren Turm in die Luft reckte wie ein Skorpion seinen Stachel; er hatte in Uganda eine Kathedrale und die Mityana-Pilgerstätte gebaut, die an einen in Stücke gehauenen Boullée’schen Kenotaphen erinnerte, aber all das war nichts gegen das, was er 1973 in München eröffnete: das Schwabylon, eine 160 Millionen Mark teure Shopping Mall, die wie ein psychedelisches Trugbild an der Leopoldstraße stand. Die Münchner fanden sich vor einer Art Stufenpyramide wieder, an deren Fassade ein haushoher rot-orange-gelber Sonnenauf- oder -untergang leuchtete, genau war das nicht zu sagen.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Im Inneren dieser neuen Freizeitwelt gab es keine Treppen, nur Rampen, die zu zwölf Restaurants, zu römischen Thermen und einer Kunsteisbahn führten; zum Schwabylon gehörte auch eine Großtankstelle sowie ein dreigeschossiges Nachtlokal in U-Boot-Optik, das „Yellow Submarine“, das sich in einem gigantischen Wassertank befand, in dem auf Wunsch des Betreibers auch noch dreißig Haie herumschwimmen sollten.

          Die Münchner waren von so vielen Rampen, U-Booten und Haien in ihrer Stadt aber nicht so begeistert, wie es nötig gewesen wäre – schon gut ein Jahr nach der Eröffnung wurde den letzten von 86 Ladenmietern wieder gekündigt, 1979, nur sechs Jahre nach der Eröffnung, wurde ein großer Teil der Mall abgerissen. Was von ihr blieb, war vor allem ein Begriff: „Erlebniswelt“, die Verbindung von Kaufhaus, Jahrmarkt und Freizeitpark. Schon 1951 hatte es so etwas in der Shopper’s World in Massachussetts gegeben.

          Neuerdings lieber in der Stadt als auf der grünen Wiese: Das Alexa in Berlin.
          Neuerdings lieber in der Stadt als auf der grünen Wiese: Das Alexa in Berlin. : Bild: Reuters

          Museumsdörfer statt Stadtzentren

          Dort versuchte man die Autofahrer der wachsenden Vororte mit Kinderfesten, Schönheitswettbewerben, Zirkus und Prominenten wie Anita Ekberg anzulocken. Aber vor allem ging es darum, der Zerfaserung der autogerechten Vorstädte mit einer Konzentration der Konsummöglichkeiten zu begegnen. Draußen vor der Stadt entstanden gigantische Anlagen, in deren Inneren das Stadtleben inszeniert wurde, das es in den Vororten nicht gab: Piazzetta, kleine Gassen, Läden, Brunnen – das Einkaufszentrum war auch die Verlustanzeige von Suburbia.

          Shopping Malls haben mit den klassischen Pariser Passagen des 19. Jahrhunderts wie der Passage des Panoramas, die Zola in „Nana“ beschreibt, weniger zu tun, als immer behauptet wird. Sie sind ja nichts anderes als überglaste Seitenstraßen und verbinden die Straßen der Stadt miteinander. Shopping Malls wurden schon früh dafür kritisiert, dass sie die Welt draußen ausgrenzen, um sie in ihrem Inneren konsumoptimiert nachzubauen.

          Verteidiger hielten dagegen, die Shopping Mall sei einer der letzten demokratischen Orte für alle, an dem sich unterschiedliche Bevölkerungsgruppen treffen: Im Einkaufszentrum sei mehr vom urbanen Geist der Begegnung und Durchmischung zu finden als in den scheinbar authentischen, in Museumsdörfer verwandelten Stadtzentren – wobei selbst der Marktreport eines Mall-Betreibers zu dem Schluss kommt, dass nur dreizehn Prozent der Teenager „das Center als Treffpunkt mit Freunden“ nutzen.

          Von den „unterschiedlichsten Malls“

          Shopping Malls gehören trotzdem, wenn man von den Besucherzahlen ausgeht, zu den erfolgreichsten Bautypen des 20. Jahrhunderts. In den Vereinigten Staaten machen 43.000 große Einkaufszentren mehr als die Hälfte des gesamten Umsatzes des Einzelhandels. Eine Münchner Ausstellung will anhand von 23 Malls aus aller Welt jetzt Geschichte und Gegenwart der Mall dokumentieren und die formalen, architektonischen und sozialen Parameter erforschen, nach denen diese Zentren funktionieren – und sich im Laufe ihrer jüngeren Geschichte verändern.

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