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Ausstellung „Weltklasse“ in Düsseldorf : Das Glück der stillen Brüter

Eine herrliche Versammlung kapitaler Werke illustriert die Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft: Das Museum Kunstpalast beschwört die große Zeit, als die Völker der Welt ihre Maler nach Düsseldorf in die Schule schickten.

          Die große Ausstellung über die Düsseldorfer Malerschule im Düsseldorfer Museum Kunstpalast beginnt mit einer Überraschung. Hat Paul Delaroche etwa auch in Düsseldorf studiert? Das erste Bild, das man sieht, sind „Die Prinzen im Tower“, das allerberühmteste Werk des französischen Meisters der spektakulären historischen Szenen. Nein, Delaroche war Pariser und ging in Paris in die Lehre bei Antoine-Jean Gros. Die Düsseldorfer haben den Louvre bewogen, das Bild herauszurücken, weil sie ihren Gegenstand für das vergleichende Studium aufbereiten wollten. „Weltklasse“ heißt im unbescheidenen Lokalstil die Schau. Das ist zunächst einmal als Wortspiel gemeint: Man dokumentiert, dass die 1819 gegründete Düsseldorfer Akademie die Pflanzschule für Maler aller jungen Nationen war. Aber man möchte auch zeigen, dass die Düsseldorfer Meister, jedenfalls in der ersten Hälfte des von der Ausstellung abgedeckten Jahrhunderts, der internationalen Konkurrenz gewachsen waren.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Nun ließe sich der Gedanke der 1835 unter dem Einfluss von Delaroche gemalten Komposition „Die Ermordung der Söhne Eduards IV.“ von Theodor Hildebrandt auch beurteilen, wenn nur ein Stich des Vorbilds daneben hinge. Allerdings vertrat Wilhelm von Schadow, nach der Berufung von Peter Cornelius nach München als zweiter Akademiedirektor der eigentliche Schulgründer, in seinen 1828 gedruckten „Gedanken über eine folgerichtige Ausbildung des Malers“ entschieden die Ansicht, „dass die Erfindung erst in dem Augenblick aufhöre, da der Maler den Pinsel aus der Hand legt“. Schadow, Mitglied des Lukasbundes, trieb den nazarenischen Idealismus nicht so weit, dass er die Wahrheit eines Bildes im Übersinnlichen der reinen Idee gesucht hätte. „Das Kunstwerk ist erst da, wenn es vollendet ist.“ Die Düsseldorfer brillierten in der Feinmalerei, und so kann man jetzt also die Nuancen des Inkarnats der todgeweihten Prinzen bei Delaroche und Hildebrandt nebeneinander betrachten, die Nachahmung von Samt und Seide, Delaroches in Schwarz übergehendes Grün und Hildebrandts von der Finsternis geschiedenes Rosa. Welch grandioser Luxus!

          Der Siegeszug der Düsseldorfer Malerschule auf dem nationalen und internationalen Kunstmarkt war auch ein Triumph der Logistik. Die Hauptwerke wurden auf Tournee geschickt. Der amerikanische Konsul John Godfrey Boker, ein aus Remscheid gebürtiger Kaufmann, unterhielt in New York eine „Düsseldorf Gallery“. Zu schön wäre es gewesen, wenn das bekannteste in Düsseldorf gemalte Bild zum transatlantischen Heimatbesuch aus New York hätte kommen dürfen. Aber das Metropolitan Museum of Art leiht „Washington überquert den Delaware“ von Emanuel Leutze nicht aus.

          In dem Saal, den die Ausstellung dem Leitmotiv der Fahrt übers Wasser widmet, stößt man stattdessen - schon wieder eine Überraschung! - auf das Signaturbild der Dresdner Romantik aus der Gemäldegalerie Neue Meister, Ludwig Richters „Überfahrt am Schreckenstein“ von 1837. In den Weihnachtswochen des Jahres 1836 war in Dresden eine Auswahl von zwanzig Düsseldorfer Gemälden gezeigt worden. Hildebrandts schlafende Prinzen standen nicht zur Verfügung, da das Bild von 21 anderen Städten verlangt wurde und „schon unangenehme Beschädigungen bei den Ausstellungen erlitten“ hatte. Auch so dominierten die Historiengemälde, darunter das Fanal der „Hussitenpredigt“ von Carl Friedrich Lessing; mit Johann Wilhelm Schirmer war aber auch der Schadow-Schüler vertreten, für den 1839 eine Professur für Landschaftsmalerei an der Düsseldorfer Akademie geschaffen wurde.

          Gegründet im Zeichen der Restauration

          Das Düsseldorfer Gastspiel in Dresden war ein Ereignis auch nach den Maßstäben der heutigen Eventwirtschaft. 5587 Eintrittskarten wurden verkauft, der sächsische König soll den Canaletto-Saal im Palais auf der Brühlschen Terrasse fast täglich aufgesucht haben. Ludwig Richter bewunderte an den biblischen Historien von Eduard Bendemann und Christian Köhler das „tiefste Eingehen und Charakterisieren einzelner Seelenzustände“ und unternahm mit seiner Allegorie der Lebensfahrt einen „ersten Versuch“, die „Figuren zur Hauptsache“ zu machen. Neben dem alten Harfenspieler sitzt im Boot ein Mann ohne Auge für die Landschaft, eine pathetisch gekrümmte Verkörperung der Reflexion wie Bendemanns trauernde Juden auf den Trümmern von Jerusalem.

          Das von Carl Gustav Carus betriebene Unternehmen, den erst fünfundzwanzigjährigen Bendemann nach Dresden zu ziehen, war zunächst nicht erfolgreich. Richter, acht Jahre älter als Bendemann, spottete in einem Brief an den Bernburger Hofmaler Wilhelm von Kügelgen: „Nun ist den Leuten eingefallen, hier - weil kein Düsseldorfer herkommen will - selbst eine Art Düsseldorfer zu fabrizieren, wie man etwa den Düsseldorfer Senf auch hier nach dem Rezepte machen kann. Nämlich: das Zusammenarbeiten der Künstler soll alles getan haben, und man will uns jüngeren, selbständigen Künstlern ein Lokal geben, wo wir uns gegenseitig in die Höhe bugsieren sollen.“

          Der Düsseldorfer kam dann doch: Bendemann nahm den Ruf 1838 an und holte 1839 seinen Schwager Julius Hübner nach. Interessant, dass die sächsische Kulturpolitik im Ehrgeiz, das preußische Modell zu kopieren, nicht bei der Programmatik ansetzte, sondern bei der Organisation. Die Düsseldorfer Malerschule ist geeignet, die Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft zu illustrieren. Im Zeichen der Restauration erfolgte die Gründung der Akademie: Die Lebensform von Meister und Schülern gehorchte einem patriarchalischen Konzept, mit dem es auch die konservative Staatsphilosophie der Epoche noch einmal ernst meinte. Dieses Urstadium der Lebens- und Arbeitsgemeinschaft einer erweiterten Familie hält ein 1830 in Rom begonnenes Gruppenbild fest, das eine Gruppenarbeit ist. Die verschwägerten und befreundeten Künstler Schadow, Hildebrandt, Hübner, Bendemann und Carl Friedrich Sohn scharen sich um Hübners Töchterchen, Frau und Schwiegereltern. Nicht Schadow nimmt hier die Stelle des Patriarchen ein, sondern der Bankier Anton Heinrich Bendemann.

          Vier Musterschüler in Andachtspose

          Schadows Lehrplan löste die humanistische Bildungsidee der Zeit von der humanistischen Konvention, indem er die Nachahmung antiker Musterformen gegenüber dem Naturstudium abwertete. So sollte der Künstler „seine volle Individualität“ in seine Werke legen. Die Auflösung der Schulgemeinschaft durch den modernen Individualismus wurde dadurch aufgeschoben, dass die fertigen Schüler Meisterateliers im Akademiegebäude bezogen und ihre Kompositionen weiterhin der alltäglichen kollegialen Kritik aussetzten. Lessings Sensationsbild der Ausgießung des hussitischen Geistes bedrohte die Schule mit einem Schisma - um einen Begriff aus der Sphäre der religionspolitischen Kämpfe zu gebrauchen, in der Lessing die Stoffe einer dramatisch bewegten Geschichtsmalerei neuer Art fand. Die Spaltung wurde vermieden, und der Kunstschriftsteller Wolfgang Müller von Königswinter kam 1854 sogar zu dem hegelianischen Schluss, von einer „Düsseldorfer Schule von Bedeutung“ könne genau insoweit die Rede sein, als „sich die Parteien gesondert“ hätten: „Die Unabhängigkeit des Einen vom Andern hat erst die Freiheit des Schaffens bedingt. Das Gegenüberstehen hat den Ehrgeiz gefördert.“

          Diesen Zustand repräsentiert Friedrich Bosers „Bilderschau der Düsseldorfer Künstler im Galeriesaal“ von 1844. Direktor Schadow steht in der Mitte, die Hand am Kinn, flankiert von den Hausästhetikern der Schule, den Juristen Karl Schnaase und Friedrich von Uechtritz, und begutachtet ein besonders großes für die Jahresausstellung des Kunstvereins eingeliefertes Bild. Der Betrachter sieht von diesem Gemälde nur Rahmen und Rückseite. Links am Fenster haben sich die Landschafts- und Genremaler versammelt. Die vier Musterschüler, die in Andachtspose das Urteil des Direktors erwarten, sind tatsächlich die Maler, die Schadow mit der Ausmalung der Kirche St. Apollinaris in Remagen beauftragt hatte - fabelhaft, eine Schulgemeinschaft, die solchen Humor verträgt. Rechts, der Sichtung des unbekannten Meisterwerks den Rücken zukehrend, ragt die Gestalt eines Schnurrbartträgers auf, der angeregt mit einem lässig an ein Klavier gelehnten Leser der „Kölnischen Zeitung“ spricht. Es ist Carl Friedrich Lessing, neben dem Malerfürsten im Direktorenamt ein Souverän eigenen Rechts wie Bismarck auf der Kaiserproklamation Anton von Werners, der in Karlsruhe bei Lessing studierte.

          Ach, wer da mitsingen könnte!

          Aus dem Fundus Düsseldorfer Freundschaftsbilder bietet die Ausstellung Amüsantes und Bezauberndes. Dem Neusser Männergesangverein gehört eine 1854 vom Künstlerclub „Malkasten“ gestiftete Rheinfahrt im Zierrahmen. Andreas Achenbach malte die duftige Flusslandschaft, Leutze die Blumenkinder und Liedermacher an Bord. Der goldene Schimmer einer ewigen zweiten Jugend liegt über der Szene. Ach, wer da mitsingen könnte! Dieser Kultus der Geselligkeit hatte zwei komplementäre Funktionen: Er entlastete vom idealistischen Pathos der poetischen Massenproduktion und verklärte den prosaischen Beruf.

          Immer wieder gibt die Düsseldorfer Versammlung kapitaler Werke, für die ein einziger Besuch kaum genügt, den Blick auf herrliche Kontraste und verblüffende Korrespondenzen frei. Worthington Whittredge aus Springfield in Ohio und Lessing malten 1853, wohl hintereinander stehend, denselben Flecken Harzlandschaft: eine durch Erosion von sandigen Rinnen durchzogene Fläche vor Felskulisse. Der Amerikaner begrünt die Wüste, der Deutsche holt das Strukturmuster ans Licht.

          Das „stille Brüten in sich selbst“ war Schadows Formel für die Produktivität, den „glücklichen Wahnsinn“ des Künstlers. Das Brüten der Könige und Propheten Lessings und Bendemanns wurde als Chiffre des Unglücks einer in Untätigkeit gebannten Nation verstanden. Hildebrandt zeigt die Mörder der Prinzen im Moment des Innehaltens vor der Tat. Er übernimmt von Delaroche den bühnenhaften Aufbau mit dem Vorhang, holt den Betrachter aber näher heran. Wir selbst stehen am Rand des Bettes, gerührt von den „sanft ruhenden und leise gehobenen Fingern der kleinen Hände“, wie Uechtritz sie beschrieben hat. Zum Zuschauen verdammt.

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