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Großereignis in Stuttgart Im Wunderland der Kelten

 ·  Die Globalisierung ist eine keltische Erfindung: Stuttgart erforscht in zwei monumentalen Ausstellungen die aufregende Geschichte der antiken Volksgruppe und schwelgt dabei in Kostbarkeiten.

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© Landesmuseum Württemberg Der Pferdekopf aus dem englischen Stanwick, 1. Jahrhundert v. Chr., ist aus Bronze gemacht

Sieben Kilo! Die Gewichtsangabe macht das Staunen über diesen riesigen silbernen Halsring noch größer. Menschen, zumal sie hundert vor Christus wesentlich kleiner waren als wir heute, können ihn unmöglich angelegt haben. War er einem Idol geweiht? Dann muss es im Gegensatz zu allen bisher bekannten keltischen Götterfiguren riesig gewesen sein. Und wen hätte ein solches Bildnis darstellen können? Vielleicht jene göttliche Frau, die, sie stets in der Mitte, in keltischen Ornamenten und Holzreliefs zwei spiegelbildlich sich aufbäumende Tiere - Hirsche? Pferde? - gepackt hält?

Der Kommentar (man erfährt darin auch, dass der im württembergischen Trichtingen gefundene Ring einen Eisenkern birgt) der Stuttgarter Doppelausstellung über „die Welt der Kelten“ gibt an, dass die beiden Stierköpfe an den Enden des Halsreifs den Stiermasken auf den Säulen im Herrscherpalast von Persepolis gleichen. Persiens antike Hauptstadt und irgendein Nest am Rand der Welt auf einer Kulturstufe?

Was hat die Grinsekatze von Alice mit den Kelten gemein?

Die tierbändigende Keltengöttin identisch mit jener altorientalischen „Urmutter, die, von Archäologen verlegenheitshalber „Herrin der Tiere“ tituliert, über das minoische Kreta ins archaische Griechenland gelangt war und nun auch noch die Alpen zu den Kelten überquert hätte? Ein Schritt weiter, und die Assoziationen münden im schwammig schwärmerischen „Alles ist eins“ der Esoterik.

Also zurück zur Wissenschaft, die die verwirrende Verwandtschaft zwischen der keltischen und der übrigen antiken Welt von Italien bis zur Levante aufzuklären sucht. Für den sonst so knochentrockenen Duktus des Fachs überraschend originell bezeichnet sie die keltisch-orientalisch-mediterranen Mischformen als „Cheshire Style“. Das Wort prägte Paul Jacobsohn, der Nestor der Keltenforschung, als er 1944 einen schlüssigen Begriff für das Phänomen der blähbackigen starrenden Minigesichter suchte, in die keltische Künstler die Dämonen- und Satyrmasken Griechenlands und Etruriens umgeformt haben.

Er kam auf die „Grinsekatze“ (Cheshire Cat) in Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“ - wie dieses sonderbare Wesen changieren nicht nur die Kopfornamente, sondern nahezu alle keltischen Kunstwerke zwischen Ländern, Stilen und Zeiten.

Zum Beispiel die 1941 entdeckte Röhrenkanne aus Brünn-Malmeritz, ein hölzernes bauchiges Gießgefäß, um 300 vor Christus angefertigt, übersponnen von einem bizarren Netz aus goldschimmernden Bronzebeschlägen. Was spontan an exzentrischen Jugendstil gemahnt, ist näher betrachtet ein Gewirr altorientalischer und griechischer Palmetten, Rosetten, Ranken, Tier- und Dämonenmasken, spezifisch keltisch verschlungen und gemischt aus frühen (hallstattzeitlichen) und weit späteren (latènezeitlichen) Stilstufen der Keltenkunst.

Das Mixtum Compositum gipfelt im Deckelhenkel, der als zusammengerollter Greif mit Schlangenkörper und Flamingokopf geformt ist.

Wie hier schufen die Kelten immer wieder Chimärengebilde. Oder wie sonst soll man jene schlanken Tongefäße beurteilen, die, gefunden in Gandaillat-Clermont-Ferrand, auf mal schwarzem, mal rotem Grund von elegant fließenden, weiß-schwarz gezeichneten Dekorationen überzogen sind, die sich bei näherem Hinsehen als (meist an Hirsche oder Pferde erinnernde) Phantasietiere zwischen wunderlichen Pflanzengespinsten herausstellen?

Moderne und saufende Unholde

Was man unwillkürlich mit dem tausend Jahre älteren minoischen Vasen Kretas vergleicht, hat die Forschung als hellenistisch inspiriert erkannt. Doch die keltischen Kunsthandwerker waren fabulierfreudiger, setzten, undurchschaubar wie Carrolls Grinsekatze, die Gesetze der Logik, Zoologie und Botanik außer Kraft.

Oder waren sie primitiver? Manche der frühen, streng geometrisch dekorierten Tonschalen erinnern verblüffend an die Kunst der australischen Aborigines, und keltische Kunstwerke, die unverkennbar griechische Originale kopieren sollten, sind fast durchweg grober, unbeholfener als ihre Vorbilder.

Statt über ethnologische Grundkonstanten zu mutmaßen, bietet die Archäologie in Stuttgart Fakten über diese von Rätseln umhüllten Völkerschaften, die von der Schweiz, Ostfrankreich und Südwestdeutschland bis nach Ungarn, England und Irland ihre materiellen und in den dünkelhaften Chroniken der Griechen und Römer ihre geistigen Spuren hinterlassen haben. „An den Quellen der Donau“, so der griechische Geschichtsschreiber Herodot, lägen die Stammsitze der Kelten. Caesar, der ihnen die entscheidenden Niederlagen beibrachte, beschrieb sie, hier Gallier genannt, in seinem „De Bello Gallico“ als mordende und saufende Unholde - Barbaren schlechthin.

Die moderne Keltenforschung spricht von „eisenzeitlichen Kulturen West- und Mitteleuropas“ und unterscheidet bei dem losen Verbund Dutzender über ein riesiges Gebiet verstreuter Stämme zwei Höhepunkte der Entwicklung - die der „Fürstensitze“, die um 700 vor Christus über weite, von Dörfern und Gutshöfen, aber auch Produktionsstätten wie Gießereien und Bergwerken bestimmte Areale herrschten, und die Zeit der „Oppida“, regelrechter Keltenstädte „an der Schwelle zur Hochkultur“, deren lebhaftem internationalen Handel und Wandel in den zwei Jahrhunderten vor Christi Geburt ein Klimawandel und die römischen Eroberungen ein Ende setzten.

Im Stuttgarter Kunstbau sind unter dem Titel „Zentren der Macht“ diese Fakten aufbereitet - Modelle von Festungen und Gehöften, von Salzbergwerken und Schmieden, Vorratsstätten, Grabhügeln und Heiligtümern werden, umringt von originalen Funden, vorgestellt. Ein Zentrum ist die Heuneburg, jener Höhenrücken am Donauufer zwischen Ulm und Sigmaringen, der inzwischen das „Troja der Keltenforschung“ heißt.

Verblüffend genug, diese perfekt angeordneten, dichten Reihen von Fachwerkhäusern mit Satteldächern zu betrachten, die sich hinter mächtigen Bastionen aus Lehmziegelmauern, Erdwällen und Palisaden scharen. Doch warum bauten die Kelten, die meisterhafte Holzkonstruktionen zustande brachten, nicht auch steinerne Häuser? Warum verewigten sie ihre Heroen und Götter in plumpen, an Totems gemahnenden Steinfiguren (wie etwa dem 1996 entdeckten „Fürsten vom Glauberg“, der dasteht wie der Rohling griechischer Kuroi und zwischen den zu monströsen Kissenohren aufgeblasenen Enden seines Mistelkranzes stiert wie Carrolls Grinsekatze), während sie doch zugleich anmutige Fabelwesen aus Holz schnitzten?

Warum schrieben keltische Kaufleute fließend römisch und griechisch und hielten sich doch an das Verbot ihrer Druiden, die Götter- und Menschengeschichten niederzuschreiben? Mit gipsgetränkten starren Haarmähnen, gesträubten Schnauzbärten und dämonenstarrenden Rüstungen stilisierten sich keltische Krieger zu Schreckensgestalten, nagelten die Köpfe ihrer Feinde auf Pfähle und vermutlich die ihrer Ahnen an geweihte Stelen - und hüteten zugleich griechische, etruskische und später römische Kunstgegenstände und Luxuswaren als ihren kostbarsten Besitz.

Die Globalisierung der Kelten reichte bis nach Delphi

Die Funde der sogenannten Fürstengräbern (waren es Grabstätten für Stammesführer und -führerinnen? Erbadel-Clans? Auserwählte Frauen und Männer?) bezeugen, wie geschätzt diese Objekte waren. Der tote „Fürst“ von Hochdorf zum Beispiel war um 530 vor Christus auf eine Art Bronzesofa gebettet worden, dessen Rückenlehne mit paarweise tanzenden oder kämpfenden Männern geziert ist und das auf Rollen bewegt werden konnte, die von acht weiblichen Tragefiguren gehalten werden. Goldene Armreifen und Prunkdolche, goldene Besatzstücke für Schnabelschuhe, bronzene Gefäße, gipfelnd in einem gigantischen, im graeco-italischen Paestum gegossenen Kessel, wurden ihm mit ins Jenseits gegeben.

Andere Gräber enthielten feinste griechische Keramik und etrurischen Goldschmuck mit Granulat, orientalische Glasschalen und gläserne Armreifen in delikatesten Farben. Beutegut? Die Keltenfeldzüge des vierten vorchristlichen Jahrhunderts stießen bis Rom, Delphi und Makedonien vor. Oder teuer bezahlte Handelsware? Wohl beides.

Das wahrhaft Erstaunliche an diesen Schätzen aber ist die fassungslos machende Dichte der internationalen Beziehungen, die sie bezeugen: Da ist beispielsweise der „Helm von Agris“, 1981 in einer Höhle in Südwestfrankreich entdeckt. Auf seinem Eisen sitzt eine Goldfolie, übersät von gereihten Palmetten, Lotosblüten und S-förmigen Girlanden, die Wangenklappen zeigen eine sich windende gehörnte Schlange. Besonders prächtig sind Einlagen aus leuchtend roten Korallen, fixiert mit winzigen blütenförmigen Nägeln aus Elektron, der sündhaft teuren Legierung von Gold und Silber.

Korallen aus dem Mittelmeer - sie müssen Kelten so fremd gewesen sein wie uns Gestein vom Mars und wurden doch selbstverständlich verarbeitet, so wie Bernstein, den man an der Ostsee gesammelt, aber in Griechenland oder Etrurien geschliffen und geschnitten hatte. Eine sonderbare Zeit, in der Welten zwischen zwei Weilern in Hessen lagen, aber es ein Katzensprung von Paestum nach Hochdorf und zurück gewesen zu sein scheint.

Nach der römischen Eroberung assimilierten sich die Kelten. Wie sehr, zeigt im Alten Schloss eine bronzene Porträtbüste aus dem 2. Jahrhundert nach Christus. Nur die dicken, in die Stirn gekämmten Strähnen und der (nun gepflegte) Schnäuzer zeigen, dass der ernst-wachsam blickende Jüngling kein gebürtiger Römer, sondern ein Kelte ist. Nur in Irland überdauerte die ornamentselige keltische Kunst die römische Invasion und sogar noch die Christianisierung.

Eines der faszinierendsten Beispiele dafür ist der sogenannte Codex 51 von St. Gallen, ein 750 entstandenes irisches Evangeliar. Die in Stuttgart aufgeschlagene Seite zeigt ein von goldenen Kreuzen unterteilten Pergamentbogen, in dessen Mitte der Evangelist Johannes steht. Über ihm schwebt, auf keltische Art stilisiert, sein Attribut, der Adler. Und ringsum füllen die uralten Spiral- und Trompetenmuster der Kelten alle Flächen. Immer wieder zieht der hypnotisch stierende Johannes den Blick an sich. Irgendwann wird einem dieser starre Himmelsimperator zum „Fürst vom Glauberg“ - und tausend Jahre sind wie ein Tag.

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Jahrgang 1949, Redakteur im Feuilleton.

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