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Charlotte-Moorman-Ausstellung : Hundert Arten, ein Cello zu spielen

  • -Aktualisiert am

Charlotte Moorman mit TV Glasses von Nam June Paik führt sein TV Cello auf, New York 1971 Bild: Takahiko iimura

Das war lange fällig: Eine Ausstellung im Museum der Moderne in Salzburg würdigt die Fluxus-Pionierin der sechziger und siebziger Jahre, die „Jeanne d’Arc der neuen Musik“.

          Es wurde Zeit für diese Ausstellung. Ohne sie wäre Charlotte Moorman wohl ewig nur als die Cellistin im Gedächtnis geblieben, die mit freiem Busen musizierte, bis die Polizei kam. So geschehen 1967 in New York, als sie und Nam Jun Paik die Performance „Opera Sextronique“ aufführten. Moorman überraschte erst in einem blinkenden „elektrischen Bikini“, dann strich sie die Saiten, oben ohne. Was bis dahin auf Veranstaltungen in Europa kein Problem dargestellt hatte, ging in Amerika gar nicht: Polizisten holten sie von der Bühne, Moorman kam in Untersuchungshaft und wurde wegen „unsittlicher Entblößung“ von einem Richter verurteilt, den das Magazin „Der Spiegel“ damals mit den Worten zitierte: „Pablo Casals musiziert ja auch nicht mit nacktem Unterleib.“

          Die Bomben im ersten Ausstellungssaal setzen das richtige Signal für diese Ausnahmekünstlerin: Charlotte Moorman hatte die großen blauen Dinger zu Celli umgebaut, um darauf ein Stück von John Cage zu geben – nach sehr eigener Façon, wie ihre mit Notizen übersäte Partitur zeigt. Obwohl seine Komposition den Performer zu weitreichender Mitgestaltung auffordert, ging es sogar dem aufgeschlossenen Cage zu weit, dass Moorman Entenquaken und Hammerschläge einbaute oder auch mal Eier briet. Das Publikum allerdings brüllt im Videomitschnitt vor Lachen, wenn sie sich zwischendurch mit Mikro an der Kehle eine Cola gönnt. Nicht zu vergessen: Mitte der sechziger Jahre waren derartige Spektakel einfach vollkommen neu.

          Gleich einer Offenbarung

          Der „Witz und die anarchischen Ideen“ dieser Künstlerin begeisterten die „New York Times“ derart, dass sie die jetzt im Salzburger Museum der Moderne gastierende Schau zu den besten des Jahres 2016 zählte. Wiederzuentdecken ist eine schillernde, eine vor Energie sprühende und vor allem mutig Konventionen sprengende Person, die endlich den gebührenden Platz in der Kunstgeschichte der sechziger und siebziger Jahre eingeräumt bekommen muss – sowohl als Künstlerin wie als Begründerin des New York Avantgarde Festivals. Wie konnte sie überhaupt in Vergessenheit geraten?

          Beim 3rd Annual New York Avant Garde Festival im August 1965: Nam June Paik (l.), Charlotte Moorman, Takehisa Kosugi, Gary Harris, Dick Higgins, Judith Kuemmerle, Kenneth King, Meredith Monk, Al Kurchin, Phoebe Neville. Vorne kniend: Philip Corner und James Tenney
          Beim 3rd Annual New York Avant Garde Festival im August 1965: Nam June Paik (l.), Charlotte Moorman, Takehisa Kosugi, Gary Harris, Dick Higgins, Judith Kuemmerle, Kenneth King, Meredith Monk, Al Kurchin, Phoebe Neville. Vorne kniend: Philip Corner und James Tenney : Bild: Barbara Moore

          Charlotte Moorman wird 1933 in Little Rock in Arkansas geboren. Sie studiert klassisches Cello, rundet ihre Ausbildung an der renommierten Juilliard School in New York ab und startet eine Konzertkarriere beim American Symphony Orchestra. Als sie die New Yorker Szene experimenteller Musik und Kunst entdeckt, kommt das für sie einer Offenbarung gleich, enthusiastisch stürzt sie sich hinein und wird schon bald vom Komponisten Edgar Varèse die „Jeanne d’Arc der neuen Musik“ getauft. Insbesondere mit Paik bestreitet die risikobereite Pionierin diverse Happenings und Fluxus-Aktionen. Sie musiziert, auf dem Rücken liegend, robbt in Soldatenuniform, das Instrument wie eine Waffe umgeschnallt, über die Bühnen, bedeckt mit Paiks „TVBra“ ihre Brüste und spielt die „Peace Sonate“ auf dessen nacktem Rücken. Ganz sicher förderte die Kooperation der attraktiven southern belle Paiks Ruhm, ihr selbst aber wird später kaum mehr als der Ruf einer Art Assistentin mit dem Status der Muse anhaften.

          Erst spät, 1980, pocht sie einmal auf ihren Anteil: Als Performance seien „all diese Stücke zur Hälfte meine Stücke“. Und nur en passant deutete sie einmal an, das berühmte, aus Video-Monitoren gebaute „TVCello“ sei ihre Idee gewesen, die Paik nur umgesetzt habe. Statt Selbstvermarktung betrieb Moorman die Sache einer spartenübergreifend vernetzten Avantgarde. So arbeitete sie mit Joseph Beuys zusammen, mit Wolf Vostell, mit Allan Kaprow, auch mit ihren Freundinnen Yoko Ono und Carolee Schneemann oder mit Jim McWilliams, der „Sky Kiss“ für sie erfand: Mit Heliumballons hob Moorman „Up, up and away“ spielend ab, dank Otto Pienes technischer Nachhilfe ging es dabei auch richtig himmelwärts. So fühlt man sich wie in einer Gruppenschau, allerdings in einer, die ihre Protagonistin erstmals und konsequent als gleichberechtigte Koautorin ins Schlaglicht rückt.

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