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Ausstellung Stehende Bilder aus Kalifornien

06.03.2006 ·  Kunst in Kalifornien muß nicht immer Film sein, im Windschatten von Hollywood hat sich seit den 60er Jahren eine bedeutende Kunstszene entwickelt. Das Centre Pompidou zeigt sie: „Los Angeles 1955-1985“.

Von Peter Körte
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Kunst in Los Angeles, das war bis in die fünfziger Jahre, was in den Wohnzimmern der Stars überm Sofa hing, die sich einen kleinen Impressionisten leisten mochten oder vom Imageberater hatten aufschwatzen lassen. Warum auch Kunst produzieren oder sammeln, wenn die Stadt selbst wie ein hybrides kollektives Kunstwerk wirkt, an dem sich ein paar tausend Art-Direktoren versucht haben? Ist hier nicht schon die Farbpalette der Sonnenuntergänge exzentrischer, weil der Smog wie ein zusätzliches Kolorierungsverfahren wirkt? Mittlerweile allerdings ist es auch schon wieder ein Gemeinplatz, daß an der kalifornischen Westküste nicht bloß Drehbücher geschrieben werden und sogar Romane, sondern daß dort seit Mitte der fünfziger Jahre einige der interessantesten modernen Künstler arbeiten; daß es sehr produktive Kunsthochschulen und gut ausgestattete Museen gibt, reiche Sammler, Gönner, Spender und natürlich die monumentale Hochkulturfestung namens Getty Center.

Deshalb hat das Centre Pompidou jetzt auch weniger eine „capitale artistique“ entdeckt als sie historisiert, wie das ähnlich schon vor fast neun Jahren die Schau „Sunshine & Noir: Art in L. A. 1960-1977“ getan hat, die auch in Wolfsburg zu sehen war. Aber wenn man in Paris loslegt, dann richtig: größer, pompöser, dazu mit einem exzellenten Filmprogramm garniert, in dem vom „Blade Runner“ bis zu Maya Deren, von „Chinatown“ bis zu den Experimenten eines Kenneth Anger und den Landschaftsmeditationen eines James Benning zu sehen ist, was zwingend dazugehört. Und statt Mike Davis, von dem die Formel „Sunshine & Noir“ stammt, hat man all die schönen Begriffe wie „Megalopolis“, „natürliche Theatralität der Stadt“ oder „Autosubversion“, denn man weiß ja, wie anfällig zum Beispiel Jean Baudrillard war, der sofort an Hieronymus Boschs Höllenvisionen denken mußte, als er zum ersten Mal bei Nacht aus dem Flugzeugfenster auf Los Angeles schaute.

Bilder der unsichtbaren Stadt

Rund 350 Exponate von achtzig Künstlern sind in Paris zu sehen, auf einem Parcours, welcher das Gittermuster des Stadtplans aufnimmt und den Besucher fortwährend Blickachsen kreuzen läßt. Von John Baldessari bis James Turrell, von Judy Chicago bis Bill Viola, von Edward Kienholz bis Raymond Pettibon, Bruce Nauman und Sam Francis sind alle da. Weil man sich auf die Jahre 1955 bis 1985 beschränkt, ist zwar nichts Neues zu erwarten, aber es kann nie schaden, sich all das in seiner Fülle mal wieder anzusehen. Die meistfotografierte und unsichtbarste Stadt der Welt, hat der Kulturtheoretiker Norman M. Klein Los Angeles genannt, und das ist eigentlich gar kein schlechtes Klima für die Kunst, inmitten der Bildermaschinen von Disneyland und Hollywood. Man wundert sich deshalb auch nicht, daß jenseits der Fotografie die Topographie auf hochgradig vermittelte Weise präsent ist, mal abgesehen von den Kunstbüchern und Wortbildern Ed Ruschas, die eine typische Seherfahrung in der Freewaystadt nachbilden; oder von dem Licht, das in David Hockneys Bildern strahlt; oder der Klarheit in den Arbeiten von Richard Diebenkorn, die Mondrian und Matisse im Ocean Park zusammenbringen.

Die Ausstellung verfährt chronologisch: von den fünfziger Jahren, als sich die ersten Galerien am La Cienega Boulevard ansiedelten, über die Beat Generation und Underground-Bewegung bis zur Vervielfältigung der Szenen in der großen Horizontale der Stadt. Die Reisen ins Licht, die farbbesprühten Wandreliefs prallen auf das Finstere und Bizarre wie in den Assemblagen von Kienholz oder den Installationen Paul McCarthys. Da sind die Querverbindungen zur Musik, die aggressive Performancetechnik eines Mike Kelley oder Chris Burden, die den Körper zum Material machen, ganz anders als am Muscle Beach von Venice oder im Gold Gym, wo sich einst der heutige Gouverneur stählte.

Tumult der Stile

Daß man nicht gar so vielen Arbeiten schon auf der Oberfläche ansieht, wo sie entstanden sind, spielt keine Rolle. Man muß deshalb auch nicht allzu viele lokale Bezüge hineingeheimnissen, was sowieso eher provinziell wirkte. Das Gemeinsame ist die Heterogenität, was prima zur „Heteropolis“ paßt, und es ist leicht zu erkennen, daß die kalifornischen Künstler früh den abstrakten Expressionismus der Ostküste hinter sich ließen und mit einem emphatischen Begriff von Erfahrung gegenüber dem Objekt operierten. Auch das ist in einer Stadt, in der das Imaginäre und das Reale sich stärker durchdringen als anderswo, die nach dem Bild des Kinos modelliert zu sein scheint, ein begreiflicher Impuls.

Man könne Los Angeles nur überstehen, wenn man dort lebe, soll der Komponist Igor Strawinsky mal gesagt haben. Malen kann man dabei natürlich auch oder fotografieren und Objekte produzieren, und wenn man sich durch die Ausstellung bewegt, dann wird daraus eine neue Montage oder Assemblage, weil da keine homogenen Schulen oder Strömungen sind, sondern ein Tumult der Stile und Formen, und das ist dann doch eine sehr lebensnahe Erfahrung, wie man sie beim Blick durch die Windschutzscheibe macht - nur daß man sich etwas langsamer als mit 25 Meilen pro Stunde an den Exponaten vorbeibewegt.

„Los Angeles 1955-1985“. Centre Pompidou, Paris, 8. März bis 17. Juli. Katalog mit ca. 600 Abbildungen, 44,90 Euro

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 05.03.2006, Nr. 9 / Seite 29
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Jahrgang 1958, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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