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Ausstellung „Privat“ Wer so viel Ich ist, weiß nicht, wer er ist

Was auf uns zukommt: Die Frankfurter Schirn zeigt in der Ausstellung „Privat“ den Terror der Offenheit in grellen Bildern.

© Courtesy of the artist, Alison Jacques Gallery, London, Team Gallery, New York, und Bischoff Project Vergrößern Ryan McGinley, Kiss Explosion, 2005.

In der Frankfurter Schirn Kunsthalle hat soeben eine fulminante Ausstellung eröffnet, die sich jeder ansehen sollte, der an seiner Intimsphäre hängt und glaubt, dass es sich lohnt, für deren Schutz zu kämpfen, auch wenn der Gegner der Lauf der Zeit ist und damit schwer zu besiegen sein dürfte. Die Ausstellung heißt „Privat“. Sie macht anhand von Fotos, Installationen, Videosequenzen und Collagen bekannter (Ai Weiwei, Tracey Emin, Dash Snow, Sophie Calle) und auch weniger bekannter Künstler klar, wie das Private verschwindet, wie es sich weiter und weiter auflöst, als handelte es sich um eine veraltete, belächelnswerte Idee, die wir getrost auf den Müll werfen können.

Melanie Mühl Folgen:  

In diese Richtung zielen jedenfalls die Argumente der Post-Privacy-Verfechter: In ihren Augen ist Privatheit nur das Produkt einer historischen Entwicklung - und diese historische Entwicklung sorgt eben jetzt, atemberaubend beschleunigt durch immer neue technische Möglichkeiten, dafür, dass sie sich wieder auflöst. Oder, um den Facebook-Gründer Mark Zuckerberg zu zitieren: Privatheit ist eine obsolet gewordene soziale Norm. Was für ein ungeheuerlicher Satz.

Die Welt verstörend kaputt

In der Schirn wird einem bewusst, was dieser Satz tatsächlich bedeutet. Der Gang durch die Ausstellung mit ihrem Wust an intimen Zeugnissen stellt eine permanente Grenzüberschreitung dar. Wir sehen fremden Menschen beim Sex zu. Wir sehen, wie sie rauchen, trinken, feiern, wie sie einander küssen, im Gebüsch befingern und ihre Notdurft verrichten. Wir sehen, wie sie Drogen konsumieren, wie sie in ihrem Bett liegen und den Anschein erwecken, als würden sie in absehbarer Zeit wohl nicht die Kraft aufbringen, dieses wieder zu verlassen. Wir sehen in fröhliche, verzweifelte, in unendlich gelangweilte Gesichter. Wir sehen eine schmerzhafte Realität, von der man meinen könnte, sie sei nicht für unsere Augen bestimmt. Die Grenzen zwischen Lust und Leid verschwimmen.

Auch bei Dash Snow, dem Fotografen, Collagisten und Installationskünstler, der 2009 mit nur siebenundzwanzig Jahren starb, ist die Welt verstörend kaputt. Seine Polaroids entstanden am ausgefransten Gesellschaftsrand, im New Yorker Untergrund. Auf einem der Fotos stehen zwei obenherum nur spärlich bekleidete Männer in einer versifften Wohnung. Der eine verdeckt seine Scham mit der linken Hand, der andere hält sich eine dicke, flauschige Katze vor sein Geschlechtsteil, die so teilnahmslos in die Gegend schaut, als hätten die grinsenden Männer ihr Beruhigungspillen verabreicht. Auch Tracey Emins ungemachtes Bett mit einer Müllhalde aus Kippen, Wodkaflaschen, Taschentüchern, einer Strumpfhose sowie einer Pillenpackung davor, das zum ersten Mal Ende der neunziger Jahre in einem Londoner Museum zu besichtigen war, ist Teil der Ausstellung.

Blicke durchs Schlüsselloch

Und Leigh Ledare schreckte nicht einmal davor zurück, seine Mutter beim Sex zu fotografieren. Die Bilder betitelte er mit „Mother Fucking in Mirror“, „Mom on Top of Boyfriend“ oder „Blow Job“, womit er das, was sie zeigen, unumwunden auf den Punkt bringt. Die Post-Privacy-Welt kennt keine Geheimnisse mehr. Als hätte es so etwas wie Scham nie gegeben.

Da man ständig das Gefühl hat, durch ein Schlüsselloch nach dem nächsten zu blicken, dauert es eine ganze Weile, bis man seine peinliche Berührtheit abgelegt hat. Sobald allerdings die Gewöhnung an das Ungewöhnliche eingetreten ist, zerfließen die Werke zu einer Art Einheitsbrei aus Indiskretionen.

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Die moderne Welt des Cyberspace eignet sich, wie wir wissen, hervorragend, um sich durch Ausschmücken und Ausklammern von Details als Kunstfigur zu inszenieren. Ich bin nicht einer, ich bin viele. Unser Ich „transformiert sich“, wie der Soziologe Peter Gross 1999 in seinem Buch „Ich-Jagd“ geschrieben hat, „in vielerlei Gestalten, es tummelt sich in körperlichen, geistigen, sozialen und virtuellen Realitäten, es heftet sich an das andere Geschlecht, an Idole, schlüpft in Kostüme und Götter“. Am Ende reiben wir uns verwundert die Augen, weil wir vor lauter Ich-Entwürfen gar nicht mehr wissen, wer wir eigentlich sind.

Das Verdienst dieser Schau ist es, dass sie uns weitaus mehr zeigt als Exhibitionismus, Inszenierungswut, das Posten von Fotos bei Facebook oder den Verlust der Unschuld. Sie zeigt, was Peter Gross beschrieben hat: die Aushöhlung von Identitäten. Man sollte diese Ausstellung als Warnung begreifen.

Nach der Privatheit

Der Begriff Privatheit steht für einen geschützten Ort, einen Raum, der unantastbar ist, eine Fluchtmöglichkeit vor den Zumutungen der Umwelt. Dieser Ort wird gerade vor unser aller Augen verramscht. Wer heute noch behauptet, er hätte mit alldem nichts zu tun, weil er weder twittere noch Fotos oder Videoclips ins Netz stelle, ist naiv.

Wie naiv, beweist der Künstler Mark Wallinger. Er fotografierte schlafende Menschen in U-Bahnen und Zügen. Er fotografierte sie also bei einer intimen Angelegenheit, und zwar ohne deren Wissen. Die Münder der Fotografierten stehen meistens offen, was, wie sich jeder denken kann, wenig vorteilhaft aussieht. Nun hängen diese Menschen übergroß in der Schirn, und wir begutachten ihre Zahnreihen, Poren und die Form ihrer Augenbrauen. Diese Fotos, das sind wir alle. Jeder Einzelne von uns könnte auf einem von ihnen sein.

Privat. In der Schirn, Frankfurt; bis zum 3. Februar 2013. Der Katalog kostet 27,80 Euro.

Quelle: F.A.Z.

 
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