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Ausstellung „Nichts“ Eine Kartoffelen, zwei Kartoffelen

09.08.2006 ·  Was ist das Nichts? Wie schaut es aus? Kann das Nichts überhaupt nach nichts aussehen? Mit diversen Betrachtungen des Nichts beschäftigt sich jetzt die gleichnamige nihilistische Schau in der Frankfurter Schirn - und versucht, Antworten zu finden.

Von Swantje Karich
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Die Naturwissenschaft hat es lange schon aufgegeben, das Nichts zu suchen. Weder gäbe es einen physikalischen Zustand noch einen mathematischen Begriff des Nichts: Zwar sind null Äpfel nichts, aber die Zahl Null ist nicht nichts, genausowenig wie die Zahl Eins ein Apfel ist. Was und wo und wer ist also dieses Nichts, das seit der Antike die Menschen beschäftigt und keine klaren Antworten gibt: „Nichts“ wurde von Platon und Hegel als Thema der Metaphysik und Ontologie behandelt, bei Martin Heidegger und Jean-Paul Sartre als existentielle Erfahrung. Für letzteren war das Nichts ein Raum der Freiheit, für Jacques Derrida ein Schweigen.

Nun widmet die Frankfurter Schirn dem „Nichts“ in der Kunst eine Ausstellung - und die Farbe Weiß soll näher an das scheinbar Unerklärbare heranführen. Mit glänzend weißer Folie überzogen ist der Raum der Künstlerin Karin Sander. Die Wände sind leer, doch stehen die Wand entlang Namen von einundvierzig Künstlern geschrieben. Über Kopfhörer kann der Besucher Beschreibungen lauschen, in denen die Künstler eigene Kunstwerke umschreiben. Lawrence Wiener etwa sagt ein Gedicht auf: „One Potato, two potato, three potato and more; eine Kartoffelen, zwei Kartoffelen, drei Kartoffelen und mehr“ - und wieder von vorn. John Bock hat die Geräuschkulisse eines Boxkampfes für sein Werk ausgewählt.

Angefüllte Leere

So entstehen in der Vorstellung Bilder - das Nichts aber entwischt, wird überlagert von Eindrücken und Assoziationen. In die Mitte des Hörraums von Karin Sander wurde ein zweiter Raum eingebaut. Vielleicht findet sich dort, im Zentrum der Ausstellung, das Nichts? Joseph Kosuth, Nam June Paik, John Baldessari, James Lee Byars, Art & Language und Imi Knoebel treffen hier aufeinander, Künstler, deren Werke bisher weniger miteinander in Beziehung traten. Streben diese Künstler jeder für sich nach nichts, oder suchen sie gar gemeinsam nach dem Nichts?

Joseph Kosuths Gemälde „paintless“ wird mit „Secret Painting“ von Art & Language konfrontiert und James Lee Byars goldenen Bändern mit der Aufschrift „I Do Nothing“, die Requisiten einer Performance waren. Rätsel auf der Suche nach dem Nichts hinterläßt schließlich auch Nam June Paiks Videoplastik „Zen for TV“ von 1963. Nam June Paiks Arbeit beruht auf der Manipulation des Fernsehbildes mittels eines Magneten. Auf dem Fernsehschirm verdichten sich die Pixel zu einem vertikalen Strich. Kein Bild aber ist noch nicht nichts. Und Joseph Beuys zeichnet keineswegs das Nichts auf, wenn er 1973 unter dem Titel „Schweigen“ fünf verzinkte Filmspulen des gleichnamigen Films von Ingmar Bergmann übereinanderstapelt. Oder handelt es sich dabei im jenes Schweigen, das Derrida als Nichts beschrieb? Was fängt Imi Knoebels bilderloser Rahmen von 1968 ein? Die Phantasie des Betrachters? Die Leere, angefüllt von zahllosen Vorstellungsbildern?

Der harte Kern des Nichts

In einem separaten Raum trifft man auf ein Gemälde aus Luc Tuymans' Serie „Slides“. Das Bild an der Wand zeigt einen quadratischen Lichtfleck auf einer Wand, die Projektion eines Diaprojektors ohne Bild. Auch hier wurde, auf der Suche nach dem Nichts, nach dem Falschen gegriffen. Denn das Bild handelt vom Licht - im profanen, vielleicht auch im metaphysischen Sinn. Es ist künstliches Licht, dessen Qualität hier verhandelt wird, ein sichtbar gewordener Moment der Entleerung. Wenigstens Tuymans' Gemälde mit dem schönen Titel „Niks“, eine rotblühende Geranie ist in verblaßten Farben spannungslos arrangiert, hätte man sich gewünscht.

Die in der Schirn gezeigten Werke regen die Phantasie an, lassen im Kopf Bilder, Töne und Geschichten entstehen. Aber war es das, was wir gesucht haben? Wir suchten das Gegenteil des Seins, das Sein von nichts, die Abwesenheit von allem. Vielleicht hat Joelle Tuerlinckx einen Weg ins Nichts gefunden. Den harten Kern des Nichts, „le noyau dur du rien“, beschwört sie in einer verzwirbelten Wandzeichnung, die zu einer Installation gehört: Zwei Wände sind in den Raum eingezogen, eine andere, die schon wieder abgebaut wurde, hat dort Spuren hinterlassen. An der Grenze zwischen sichtbaren und unsichtbaren Einflüssen umkreisen sie das Nichts. In ihrer Wandzeichnung zeigt sie uns den Weg ins Nichts. Er liegt zwischen sichtbarer Wand und unsichtbarer Wand, irgendwo dazwischen, „zwangsläufig dazwischen“. Das „absolut-nichts ist nämlich nur zwischen und augenblickshaft“, schreibt sie. Also nur einen Schritt entfernt vom Sein. Aber schwer zu begreifen.

Schirn Kunsthalle, Frankfurt, bis 1.Oktober.

Der Katalog (Verlag Hatje Cantz) kostet 24,80 Euro.

Quelle: F.A.Z., 09.08.2006, Nr. 183 / Seite 35
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Jahrgang 1978, Redakteurin im Feuilleton.

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