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Ausstellung in Paris : Engel fliegen, Künstler fallen

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Die Maison Rouge in Paris schließt ihre Tore nach einer letzten Ausstellung zum Abheben: „L’Envol – oder der Traum vom Fliegen“, eine Eloge an die Imaginationskraft der Kunst.

          Fliegen kann man auf sehr unterschiedliche Weise. Touristen oder Geschäftsleute fliegen in Flugzeugen ihren Zielen entgegen, Raumfahrer lassen sich ins Universum katapultieren – aus der Schwerkraft hinaus und hinein in einen herrlich schwebenden Zustand der Schwerelosigkeit. Es gibt aber auch diejenigen, die vom Fliegen träumen, die in ihrer Phantasie und mit aller zur Verfügung stehenden Einbildungskraft eine ganz andere Schwerelosigkeit suchen – vielleicht die der „Seele“. Die Idee vom Fliegen hat dann nichts mehr mit der Realität zu tun. Sie wird zu einem Gleichnis und vor allem zum phantastischen Experimentierfeld für Künstler, die zu Seiltänzern werden, aus Trödelkram Flugmaschinen bauen, Flügel aller Art entwerfen und mit Himmelsleitern den Mond erobern.

          Die Drohung des Sturzes, wenn nicht gar der tatsächliche Absturz, ist im Experiment inbegriffen, ähnlich wie in der Geschichte von Ikarus, dem mythologischen Leitfaden zum Thema Fliegen. Am Ende siegen jedoch immer die reine Vorstellungskraft und die Ekstase des Kunstschaffens. Von letzteren Fliegern handelt die Ausstellung „L’Envol – ou le rêve de voler“ in der Pariser Kunststiftung Maison Rouge. Sie versammelt 130 Werke vom Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts bis heute und mischt Fotografie, Video, Malerei, Skulptur und Installationen. Ganz im kreativen und inspirierten Stil des Hauses, der in vierzehn Jahren reicher Ausstellungsarbeit von dessen Gründer, dem Kunstsammler Antoine de Galbert geprägt wurde, konfrontiert die Ausstellung Künstler der Moderne und zeitgenössische Kunst mit Art brut und ethnographischen Werken.

          Ein universelles Thema der Menschheit

          Jenseits der wahrhaftigen Flieger, wie etwa der Brüder Montgolfier, die am Ende des achtzehnten Jahrhunderts mit einem Heißluftballon in die Luft stiegen, oder Otto Lilienthals und der Gebrüder Wright, die ein Jahrhundert später erste Versuche mit Gleitflugzeugen unternahmen, ist das Thema Fliegen ein erstaunlich weites Feld. Genaugenommen, das legt die Ausstellung nahe, ist es ein universelles Thema wie Liebe und Tod. Es hat mit der im übertragenen Sinne lästigen Schwerkraft des menschlichen Seins zu tun, deren psychische, seelische oder geistige Gesetze überwunden werden möchten, aber auch mit utopischen Flugversuchen und ebensolchen Maschinen, mit Engeln, Chimären und Geistern. Während der russische Künstler Wladimir Tatlin Ende der dreißiger Jahre ein wunderbar elegantes, fledermausähnliches Fluggerät baut, das ganz sowjetisch auf nichts als die Kraft der Arme setzt, bastelt der Belgier Panamarenko als Ingenieur des Unmöglichen schon seit Jahrzehnten diverse Flugobjekte, aber auch herrliche Magnetschuhe, die es tatsächlich erlauben, mit dem Kopf nach unten an einer metallenen Zimmerdecke zu laufen und die Welt aus einer anderen Perspektive zu betrachten.

          Gustav Mesmer, der „Ikarus vom Lautertal“, dessen beharrlich gebaute Flugobjekte heute zur Art brut gehören, möchte sich hingegen mit gefederten Schuhen bei jedem Schritt in die Lüfte aufschwingen. Auch sein so abstruser wie poetischer Fahrrad-Helikopter mit Propellerflügeln aus Plastikplanen soll es erlauben, nach einer schnellen Anfahrt vom Erdboden abzuheben. Das von Mesmer gekostete Glück beim erfolglosen Ausprobieren seines Flug-Rades lässt sich dann im Film von Hartmut Schoen „Gustav Mesmer – Der Flieger“ von 1981 nachempfinden.

          Anleitung zur persönlichen Verbesserung

          Das Ausstellungsthema verlangt geradezu danach, unzählige Varianten, Visionen und Anwendungen von Flügeln oder Federn vor Augen zu führen. Die Engelsflügel, die das russische Künstlerpaar Ilja und Emilia Kabakow in einem seiner kleinen Zimmerkämmerchen mit Bett und Tisch über eine Stuhllehne hängt, haben neben ihrer Bilderbuchperfektion vor allem eine sanft ironische Note. „How Can One Change Ourself“ heißt das Werk (2010), das eine entsprechende Anleitung zur persönlichen Verbesserung gleich mitliefert. Verkürzt lautet sie folgendermaßen: Flügel basteln, aufschnallen, sich damit allein in ein Zimmer setzen, fünf bis zehn Minuten warten und dann die Prozedur zwei Wochen lang alle zwei Stunden wiederholen.

          Die Szenografie der Ausstellung lässt den Betrachter frei durch die Räume der Maison Rouge flanieren. Es gibt keine Trennwände oder abgegrenzten Themenbereiche, und so können Assoziationen aufkommen, je nachdem, wohin der Blick fällt. Unweit der Kabakow-Hütte mit ihren ironischen Plüschflügeln erhebt sich ein dramatischer Flügel aus Gips von Auguste Rodin, eine Vorstudie für die Skulptur „Les Bénédictions“. Sie führt wiederum zu einer fast winzigen Gipsetüde, die Rodin im Jahr 1912 schuf, kurz nachdem er den russischen Tänzer Vaslav Nijinsky in einer Vorstellung von Debussys „Nachmittag eines Fauns“ gesehen hatte. Der Ausdruck dieser 17,5 Zentimeter kleinen Figur, die zu dem berühmten fliegenden Sprung des Tänzers ansetzt, ist umwerfend und birgt in sich alle innere Freiheit, alle Entschlossenheit, den Körper zu Außerordentlichem vom gemeinen Erdboden abheben zu lassen.

          Christus hält den Weltrekord im Höhenflug

          Das Fliegen oder der Traum davon ist untrennbar verknüpft mit dem Himmel, in den sich der Fliegende gern erheben würde. In der unvergesslichen Anfangsszene von Fellinis Film „La dolce vita“ wird eine Jesus-Statue, die von einem Hubschrauber herabbaumelt, durch den Himmel über Rom geflogen. Wie schon Guillaume Apollinaire sagte: „Es ist Christus, der besser als alle Piloten zum Himmel steigt, er hält den Weltrekord im Höhenflug.“ Zum Höhenflug kommt es gerade nicht bei der graziös aussichtslosen Performance „Tentativo di volo“ (1970) von Gino De Dominicis. Der Künstler steht auf einem Felsvorsprung vor dem Abgrund majestätischer Berge, bewegt die Arme wie ein Vogel und setzt dann zum Sprung an. Zum Glück wird er von einem tieferliegenden Vorsprung aufgehalten. Der Misserfolg ist der Clou der Performance, schließlich geht es um den „Versuch“ zu fliegen und nicht um den Flug selbst. Die melancholische Verhinderung gehört zum Traum vom Fliegen dazu.

          Auch der Fotograf Lucien Pelen inszeniert den eigenen Körper als akrobatisches Flugobjekt in der Weite der Landschaft. Tatsächlich ohne Trick-Hilfsmittel fotografiert er sich in der Serie „Stühle“ (2005) bei einem unglaublichen Sprung in die Lüfte, einen Stuhl als absurdes Objekt in die Höhe haltend, genau in dem Bruchteil der Sekunde, als sein Körper waagerecht zwischen Himmel und Erde schwebt. Das Foto schlägt den Betrachter in Bann: Es handelt von einer hauchfeinen Grenze zwischen Schwerkraft und Schwerelosigkeit, von einer Nanosekunde der Vollkommenheit, und lässt so ein höchst prekäres Gefühl von existentieller Balance entstehen. Gleichzeitig liegt die Drohung des Sturzes in der nur scheinbar tragenden Luft.

          Verlust eines beflügelnden Ortes

          „Der Traum vom Fliegen“ – als Ausstellung und als solcher – hat stets mit dem Abheben, dem „envol“ in andere Welten oder zu neuen Ufern zu tun. Seit 2004 hat Antoine de Galbert mit seiner Kunst-Stiftung die Pariser Museumslandschaft entscheidend bereichert. Ende Oktober wird die Maison Rouge am Kanal zwischen Bastille und Seine schließen. Galbert öffnete sein Haus für phantastische Kunstsammlungen wie die Kollektionen von Thomas Olbricht (2012), dem Australier David Walsh (2013) oder die Art-brut-Sammlung von Arnulf Rainer (2005). Thematische Ausstellungen wie „Céramix – Von Rodin bis Schütte“ (2016) werden noch lange in Erinnerung bleiben, aber auch monographische Schauen vielversprechender Künstler wie Chiharu Shiota (2011) oder Jérome Zonder (2015).

          Als letztes Ausstellungsstück vor dem Ausgang hängt ein großer roter Vogelkäfig an der Wand. Er trägt kein begleitendes Schildchen, weil es sich nicht um ein Kunstwerk, sondern um ein Fundstück handelt. Das Türchen steht offen, der Käfig ist leer. Nach dieser Schau hat Paris einen außergewöhnlichen, spannenden, den Besucher immer beflügelnden Kunst-Ort verloren.

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