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Ausstellung Josh Kline : Hingerafft vom Virus der Arbeitslosigkeit

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Die Debatte um ein bedingungsloses Grundeinkommen erreicht die Kunst: Eine Ausstellung von Josh Kline in Turin bietet Blicke durch Plastik Richtung Zukunft. Ein Ort voll von totem Abfall.

          Zur Kunst kam Patrizia Sandretto Re Rebaudengo durch Zufall. Es war Anfang der neunziger Jahre, sie hatte gerade ihr Wirtschaftsstudium an der Universität von Turin beendet, als eine Freundin, eine etwas ältere Sammlerin, der jungen Frau aus gutem Hause riet, Zeit und Geld in zeitgenössische Kunst zu investieren. Es wurde ihre Leidenschaft: Vom Fieber der jungen Kunst und der Lust an der Begegnung mit ihren Machern befallen, baute die Turinerin ihrer Sammlung bereits 1995 ein eigenes Zuhause, die Fondazione Sandretto Re Rebaudengo, die schnell eines der ersten Privatmuseen Italiens und einer der wichtigsten Motoren für Turins Comeback im Reiseparcours der zeitgenössischen Kunst wurde. Damals zeigte die Sammlerin die Werke der Young British Artists, italienischer Zeitgenossen und – die weibliche Leitung verpflichtet – vieler Frauen noch in den prächtigen Räumen eines Familienpalasts am Stadtrand. Mittlerweile liegt die Fondazione mitten in Turin in einem ehemaligen Fabrikgebäude des Autoreifenherstellers Fergat.

          Für ihre aktuelle Ausstellung könnte der Rahmen symbolisch kaum besser gewählt werden. Wo der Bau und die Umgebung vom Untergang der Turiner Autoindustrie, also auch vom massiven Abbau von Arbeitsplätzen zeugt, spinnt Josh Klines Ausstellung „Unemployment“ diese Geschichte im inneren der ehemaligen Fabrikhalle weiter. Seine Zukunftsvision erzählt von einem unfreundlichen Morgen.

          Menschen, wie Abfall nach einer Party

          Schon die Aufmachung des ersten Raums, einer kleinen, düsteren, mit traurig grauem Firmen-Teppichboden ausgelegten Kammer, lässt nichts Gutes ahnen: Fünf mit Noppen bedeckte Glaskugeln, die von der Form her an ein Grippe-Virus im Biologielehrbuch erinnern, schweben hier leuchtend durch die Dunkelheit wie kleine Bomben, die nur darauf warten zu explodieren. In Pappkartons zusammengewürfelte Erinnerungsstücke, I-Love-NY-Tassen, Familienfotos, geblümte Karten, High Heels, Haarglätteisen, Baseball-Caps erzählen vom Büro-Ich der Besitzer, von ihrer Existenz vor der Entlassung. Nur warum hängen sie in der Vergrößerung eines Virus? Weil sie krank sind, meint Josh Kline, oder besser gesagt, weil sie auf die Gesellschaft wirken, als seien sie ansteckend, sie tragen das „Arbeitslosenvirus“ in sich, wie er es nennt.

          Im zweiten Raum dieses kurzen Einstiegs in die Welt des Jahres 2020 ist der oder die Entlassene nicht mehr krank, sondern tot. Statt nur auf Objekte, die Lebensgeschichten andeuten, trifft man hier auf „Menschen“: Wie der Abfall nach einer Party liegen hier adrett gekleidete Männer und Frauen, eingepackt in durchsichtige Plastiktüten, kreuz und quer im Raum verteilt. Die Blicke dieser ehemaligen Angestellten sind leer, ihre Körper resigniert zusammengekauert in Embryonalhaltung.

          Sie waren Anwälte, Journalisten, Buchhalter

          Die Figuren sollen die Toten einer neuen Gesellschaft darstellen, in der das Sterben nicht mehr ängstlich weggeschoben, sondern sichtbar, weil vollkommen gleichgültig ist – die Toten liegen einfach so herum, neben Einkaufswagen, gefüllt mit Plastikflaschen, Bierdosen, Armen, Beinen, Tastaturen und Computermäusen: Auch der Mensch ist hier ein Gegenstand, der sich abnutzt und deshalb ausgetauscht werden muss, nur lässt sich mit diesen hier ihm im Gegensatz zu Bierdosen kein Cent mehr verdienen – sie sind nicht recyclebar.

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