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Ausstellung Jan Toorop : Salatöl taugt zur Kunst

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München und Berlin feiern den Künstler Jan Toorop, der vor hundert Jahren alle Malstile mischte. Und dem niederländischen Jugendstil einen besonderen Namen eintrug.

          Er konnte alles. Er beherrschte alle Stile, als hätte er selbst sie erfunden. Aber wer war er? Man löst eine Eintrittskarte für die Jan-Toorop-Ausstellung in der Münchner Villa Stuck und hat vom ersten Saal an den Eindruck, nicht einem einzelnen, sondern einer ganzen Reihe von Künstlern zu begegnen. Duftige Impressionen junger behüteter Frauen in hellen Kleidern neben sozialkritischen Blicken in karges Arbeiterdasein und düstere Bauernstuben, dann leuchtende Landschaften in pointillistischem Farbflirren - kaum vorstellbar, dass dieses bunte Gemisch von ein und derselben Hand stammt. Solch stilistische und thematische Wirbel veranstaltete Toorop in der ersten Dekade seines Künstlerdaseins. Als der 1858 in der niederländischen Kolonie Java Geborene Anfang dreißig ist, hat er ein Kunststudium abgebrochen und kann Sozialkritisches realistisch malen wie Courbet, weiße Damen wie Whistler auf die Leinwand zaubern und Tupfensprühendes wie Seurat ins Bild setzen. Er kann jeden Stil.

          Denn der außerordentlich begabte und bestens über das jüngere Kunstgeschehen informierte Maler saugt in die eigene Arbeit auf, was immer ihn begeistert und überzeugt: hier ein Hauch van Gogh, dort ein Sujet von Ensor, dann Elemente der japanischen Druckgraphik und so fort. Wohlwollende Kritik nennt ihn damals einen „vielleicht etwas zu gewandten, aber vielseitig Suchenden“, anderswo heißt es ratlos: „Er spricht mit Leichtigkeit so viele Sprachen, dass man unmöglich sagen kann, welche davon seine Muttersprache ist.“ Die Wandlungsfähigkeit bleibt Toorop eigen.

          Mit der Zeit etwas weniger rezeptiv, lässt er sich bewusst von seiner Kreativität tragen, ohne, wie er äußerte, immer genau zu wissen, wohin sie ihn führte. Zu Lebzeiten gefeiert und schon früh außerordentlich erfolgsgewöhnt, beschickte Toorop bis zu zehn Ausstellungen pro Jahr, erhielt große öffentliche Aufträge - und die Beerdigung dieser Künstlergröße im Jahr 1928 soll einem Staatsbegräbnis geglichen haben.

          Offenbar trifft Toorops Vorgehensweise erst heute wieder auf Verständnis, wo lineare Stil-Evolution und Wiedererkennbarkeit einer Künstlerhandschrift nicht mehr höchstes, wenn überhaupt noch ein Ziel sind. Die große Retrospektive, die im Gemeentemuseum Den Haag startete und bald von München nach Berlin weiterwandern wird, zeigt Toorop erstmals umfassend in Deutschland und setzt ein Werk in Szene, um das es lange still war.

          Als Toorops Bestes gilt heute seine symbolistische Periode. Hier wird sichtbar, wie die Phantasie ihn durch traumverlorene Bilderzählungen trug, die, statt ein schlüssig deutbares Ganzes zu ergeben, mehrdeutig und rätselhaft bleiben wollen. Unter Baumästen wie Greifarmen und zwischen mäanderndem Wurzelwerk spielt im dichten artenreichen Märchenwald ein Kleinkind, hinter sich eine halbverborgene Frau, alles in schillernden Farben fein gestrichelt. Eisenbahngleise am Rande des Geschehens und der Titel „Die neue Generation“ legen Spuren zur Deutung dieses Bildes von 1892 - doch was hat es mit dem Buddha im Hintergrund auf sich und was mit dem Winzschwan im Blattwerk?

          Mehr und mehr adaptiert Toorop für das mystische Personal Jugendstilformen, die er extremer Stilisierung unterzieht: „Die drei Bräute“, eine Menschbraut, eine Braut Christi und die Satansbraut, umschweben Heerscharen von Feenwesen, deren überlange dünne Arme, Haare und Gewänder sich ornamental mit Dornenzweigen und Kerzenrauch verschlingen. Eigene Kapitel gelten dem exzellenten Zeichner und Porträtisten. Um seine Ehe zu retten, konvertierte Toorop 1905 zum Katholizismus, seine bildliche Gegenwelt zur Realität mündet danach in religiösen Visionen.

          Schließlich gelangt Troorop auch noch zur angewandten Kunst. Er entwirft Spiegel, Kacheln, Silberobjekte, Buchillustrationen. Sein Plakat für „Delftsche Slaolie“ (Delfter Salatöl) von 1894 zeigt zwei zarte junge Mädchen in bauschigen Gewändern, ihr Haar füllt in welligen Ornamenten den gesamten Hintergrund. Die eine hebt elegant die überlangen Hände, die andere gießt prosaisch aus einer Flasche Öl ins Gemüse. Das Bild machte eine besondere Karriere, denn nach ihm hieß der Jugendstil in den Niederlanden lange „Salatölstil“.

          Jan Toorop. Gesang der Zeiten. In der Villa Stuck, München; bis zum 29. Januar. Danach vom 25. Februar bis zum 21. Mai im Bröhan-Museum, Berlin. Der Katalog kostet an der Museumskasse 29,95 €.

          Quelle: F.A.Z.

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