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Kunstmuseum Harvard : Zwei Jahre zu viel, ein Nierentisch zu wenig

  • -Aktualisiert am

Geht es doch um einen Neuanfang?: Ausstellung „Inventur: Kunst in Deutschland 1943–55“, hier Louise Röslers „Straße“ von 1951. Bild: President and Fellows of Harvard

Das Kunstmuseum Harvard zeigt nun nach fünfjähriger Vorbereitungszeit eine Inventur der deutschen Kunst von 1943 bis 1955.

          Das Skandalon einer neuen Ausstellung im nordamerikanischen Harvard Art Museum ist ein winziger Bindestrich: „Inventur: Kunst in Deutschland 1943–55“ lautet der Titel. Durch Auslassung der zweiten „19“ rücken die beiden Jahreszahlen nah zueinander und bilden eine Zeitkapsel, als lägen nicht unermessliche Abgründe zwischen 1943 (Kapitulation in Stalingrad, Liquidierung des Gettos in Warschau, Bombardierung Hamburgs, Liquidierung des Gettos in Wilna) und der ersten Documenta im Sommer 1955. Doch die Daimler-Kuratorin Lynette Roth (Jahrgang 1976), die fünf Jahre lang an dieser Ausstellung gearbeitet hat, lädt Besucher ein, frisch über knapp fünfzig Maler und Bildhauer nachzudenken, die zwischen 1889 und 1935 geboren wurden, die Zeit des Nationalsozialismus und den Krieg als Künstler durchlebten und auch noch nach 1945 weiterwirkten. Man möchte sagen: neu anfingen. Doch es soll ja gerade um die Kontinuität „1943–55“ gehen.

          Und wo wird hier bitte über das Deutschsein nachgedacht? Hermann Glöckners „Räumliche Brechung eines Dreiecks“.

          Trotzdem führt die Ausstellung das Wort „Inventur“ im Haupttitel. Das bedeutet Bestandsaufnahme. Geht es also doch um einen Neuanfang? „Inventur“, so Roth, bedeutet „eine Sichtung nicht nur des künstlerischen, sondern auch des physischen und moralischen Bestands“. Das ist ein hohes Ziel, das die ausgestellten Werke, wo es um die moralische Dimension geht, kaum einlösen. Nach drei Stunden in der Präsenz dieser Kunst ist man erschlagen von ihrer Trivialität en masse. Was sollen diese verbogenen Drähte, aufgesteckten Schnüre, bunten Lackkleckse und Metalldreiecke angesichts von Hunderttausenden von Menschen, die 1945 nichts mehr hatten, die nächtlich heimgesucht werden von Erinnerungen an Bomben, Folter, Hunger, existentielle Bedrohung, maßlose Erniedrigung, eisige Todesmärsche? Vor Otto Dix’ „Hiob“ (1946) stehend, sagt eine New Yorker Journalistin: „Das Selbstmitleid der Deutschen ist doch schwer erträglich.“

          In der Pressevorschau macht sich unter den älteren Journalisten Widerstand breit. Für die Jüngeren ist die Zahl 1943 kein „icon“ des Grauens mehr, sondern „no problem“, wie der junge Herausgeber einer Online-Zeitung schnippisch bemerkt. Doch bei den Älteren hat Roth die Erwartung geweckt, „dass diese Kunst ein Schlüssel zum Verständnis der kulturellen Identität der Deutschen im zwanzigsten Jahrhundert“ sei. Die New Yorkerin zuckt vor Hermann Glöckners „Räumliche Brechung eines Rechtecks“ (1945) mit den Achseln: „Ich sehe nicht, wo hier über das Deutschsein nachgedacht würde.“

          Nicht zu schade für eine Plastiktischdecke

          Das ist wahr, doch man kann diese Ausstellung auch ganz anders angehen. Leiser und bescheidener, wie in Günter Eichs Gedicht „Inventur“ (1945) vorgezeichnet, von dem die Ausstellung ihren Titel bezieht und das als eigene kleine Galerie im Herzen der Ausstellung installiert ist. In der genauen Mitte des Gedichts heißt es: „Im Brotbeutel sind / ein paar wollene Socken / und einiges, was ich / niemand verrate.“ Das Verborgene kann das Lebensnotwendigste sein; aber eben auch das, worüber in Deutschland noch sehr lange nicht gesprochen wurde. Das bildnerische Äquivalent ist George Grosz’ Aquarell von 1948 „Entwurzelt (Maler des Lochs)“ das einen Maler zeigt, der von seinen Bildern umgeben ist: Jedes zeigt eine Leerstelle, ein ausgebranntes Loch. Das Bild gehört Harvard, ist aber nicht Teil der Ausstellung, weil es in Amerika entstand.

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