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Belvedere-Museum Wien : Im Schlaraffenland der Zeichen

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Fotografie und Malerei hängen zusammen. Und zwar in Konkurrenz würde man denken. Welchen Einfluss sie tatsächlich aufeinander hatten, zeigt nun eine Ausstellung in Wien.

          Unter dem Titel „Nieder mit der Fotografie“ stellte der französische Karikaturist Marcelin 1856 die neue Praxis der Atelierfotografie der klassischen Kunst der Malerei gegenüber. Während auf der Leinwand des Malers eine römische Diana auf Wolken schwebt, zeigt das fotografische Bildnis daneben eine in die Jahre gekommene Bürgersfrau, die vor der kahlen Wand eines Fotostudios apathisch in die Kamera starrt. Über dem riesenhaft aufgeblähten Reifrock entdeckt man erst auf den zweiten Blick den winzigen Kopf der Porträtierten – eine Überzeichnung, mit der Marcelin die Funktionsweise der Kamera karikierte, die zur Verwunderung der Zeitgenossen jedes Detail mit derselben Genauigkeit registrierte und den Augen der Dargestellten nicht mehr Aufmerksamkeit schenkte als den Knöpfen an ihrer Kleidung.

          Marcelins Botschaft war unmissverständlich: Die Malerei kann erfinden, verschönern und idealisieren, während die mechanische Fotografie nur die profane Wirklichkeit in all ihrer Unvollkommenheit zu verdoppeln vermag. Der Karikaturist hatte hier einen Allgemeinplatz formuliert, der die Beschäftigung mit der Fotografie noch bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein dominieren sollte. Nach dieser Lesart waren Malerei und Fotografie Antipoden, die von Anfang an im Verhältnis gegenseitiger Konkurrenz zueinander gestanden hatten.

          Ein Amalgam aus Kamerablick und Malerauge

          Längst hat eine Revision dieser schematischen Gegenüberstellung stattgefunden, und heute gelten die beiden Medien als gleichberechtigt. Für die Fotografie ist diese Umwertung aber nur zum Teil eine gute Nachricht. Denn ihre künstlerische Nobilitierung hat nicht selten eine abermalige Verkennung ihrer Eigenarten im Gefolge. In Ausstellungen zur Kunst des neunzehnten Jahrhunderts ist es mittlerweile üblich geworden, Malerei und Fotografie kommentarlos nebeneinanderzustellen, als verstünde sich deren Nebeneinander von selbst. Die bloße Ähnlichkeit von Motiven sagt aber noch nichts über die lange und wechselvolle Beziehungsgeschichte beider Medien aus. Gefragt sind also kuratorische Versuche, die aus der alten Frontstellung herausfinden, ihr aber nicht mit einer gutgemeinten Nivellierung aller Unterschiede begegnen.

          Ein solcher Versuch ist jetzt im Wiener Belvedere zu sehen. Als Emblem der wechselseitigen Durchdringung beider Medien lässt sich gleich zu Beginn eine Skizze des österreichischen Malers Friedrich von Amerling betrachten. Das um 1875 entstandene Bild zeigt eine in Ölfarbe rasch hingeworfene Studie der römischen Göttin Flora. Ein roter Schal umweht den schemenhaften Körper, Gesicht und Hintergrund sind nur angedeutet, die Hände der Dargestellten jedoch treten gestochen scharf hervor. Von Amerling hatte als Unterlage für seine Farbskizze die Schwarz-Fotografie eines posierenden Modells verwendet und einzelne Partien unbemalt belassen, so dass diese nun wie fotografische Inseln im malerischen Farbenmeer auftauchen. Fotografie und Malerei verschmelzen zu einem Amalgam aus Kamerablick und Malerauge, halb römische Mythologie, halb Medieneinsatz des neunzehnten Jahrhunderts.

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